„Werwolf“ in der Alten Feuerwache

„Werwolf“ in der Alten Feuerwache : Der Mörder ist unter uns – aber stört uns das?

Rebekka Kricheldorfs Stück „Werwolf“ hat seine Uraufführung in der Alten Feuerwache gefeiert – die Titelfigur ist hier nicht das einzige Monstrum.

Ausgerechnet Prokofiev! War es doch einst Chopin, mit dem Alfred Brüggemann den Pianisten-Olymp erklomm. Doch Brüggemann ist nicht mehr der, der er mal war: Nicht nur, dass er nun Chopin als Gedudel abtut und nur noch dramatisch russisch in die Tasten hauen will. Zudem findet er neuerdings den  Fleischersatz Seitan, im Salon serviert von Gattin Claire, „etwas fad“ – dann doch lieber einen richtigen, nahezu rohen Fleischlappen bei den Nachbarn, am besten ohne zivilisatorische Hindernisse wie Messer und Gabel. „Midlife-Krise“, argwöhnen die Nachbarn. Doch der Fall liegt anders – Brüggemann ist seit einem fatalen Biss ein Werwolf, bei dem vollmonds Haare und Mordlust sprießen. Eine erste weibliche Leiche wird gefunden, was  in dem Örtchen Moosberg, in dem Brüggemann mit Frau und Tochter lebt, Unruhe auslöst.

Wie geht der Ort nun mit einem Werwolf in seinen Reihen um? Das ist in Rebekka Kricheldorfs Stück, am Samstagabend in Saarbrücken uraufgeführt, die vorrangige Frage. Die Antwort in ihrem Text ist laut und deutlich (manchmal überdeutlich): Man lebt sehr gut damit. Denn Brüggemann jagt schließlich (erstmal) keine Moosberger, und das undressierte Ausleben seiner Triebe hat seine Vorteile für andere: Die Nachbarin hat mit dem Animalisierten den besten Sex ihres Lebens, die Konkurrentin von Brüggemanns Klavierschüler wird buchstäblich weggebissen, sein Manager freut sich über steigende CD-Verkäufe durch Brüggemanns haariges Alleinstellungsmerkmal im Klassik-Markt. Was sind da schon ein paar Tote, die gar nicht von hier sind? Immerhin Tochter Tammi und deren Freund Timo sind entsetzt.

Kricheldorf, die ihr Stück eine „Mythengroteske“ nennt, bestückt ihr Personenkarrussell rund um den Werwolf mit klassischen (Spießer-)Figuren, die meist schaudern lassen, wenn man sie mal besser kennt. Da sind die Schröder-Nachbarn mit den schönen Vornamen Maik und Tiffany, Brüggemanns Gattin, eine Meisterin der Beschönigung, ein ehrgeiziger Schüler, ein raffgieriger Agent im Rolli (Kostüme: Franziska Isensee). Hinzu kommen allerlei Experten, die sich äußern, immer im Bewusstsein, die Wahrheit zu verkünden. Auch ein wachsamer Nachbar mit der Videokamera, eine beliebte/bewährte Figur aus dem Spießbürger-Setzkasten, fehlt nicht.

Der Werwolf ist also nicht das einzige Monstrum in diesem Stück, das Bettina Bruinier auf die Bühne der Feuerwache gebracht hat, mit hohem technischen Aufwand und viel Atmosphäre. Grüne Blöcke fassen die Bühne ein (gestaltet von Mareile Krettek); links und rechts steht jeweils ein Flügel, im Hintergrund zeigt eine Projektionswand einen Wald oder die Einspieler mit den Experten, live gefilmt in einer hinteren Bühnenecke und in Schwarzweiß auf die Wand projiziert (Video: Leonard Koch). So ist man tief drin in der Welt von Moosberg, die untermalt wird vom Gitarristen David Kirchner, mal mit beunruhigenden synthetischen Klängen, meist mit E-Gitarre. Musik am rechten Flügel kommt von Rick-Henry Ginkel (Prokofiev, Rachmaninoff, Chopin), der sich bei der Premiere nicht aus dem pianistischen Tritt bringen lässt – Hut ab – , auch wenn ihm einer der grünen Bühnenblöcke unbeabsichtigt buchstäblich in den Rücken fällt.

Kricheldorf unterfüttert ihr Stück über eine zynische Welt der Erwachsenen, die sich mit Mord in ihrer Mitte sehr gut arrangieren, mit viel dunkel getönter Komik, mit schönen Passagen wie „Er ist nicht mehr er selbst. Als hätte eine fremde Macht von ihm Besitz ergriffen. Er spielt Prokofiev!“ oder den endlosen Beschönigungen, mit dem vor allem Brüggemanns Gattin aufwartet. Schließlich will man seinen Mann, der den Bestverdiener-Lebensstandard garantiert, weder Werwolf („dieses hässliche Wort“) noch Mörder nennen („das ist schon wieder ziemlich wertend“); dann doch lieber „Disposition“. Christiane Motter spielt diese Claire als Eis-Königin der Euphemis­men, hinter deren Feingeistfassade eine Furie lauert, die mögliches Entsetzen über Morde als „Spießermoral“ abkanzelt.

Generell kommt es hier knüppeldick, subtil kann man die Gesellschaftskritik an diesem Theaterabend, der mit 130 Minuten dann doch etwas zu lang gerät, da sich manche Kritik auch wiederholt, kaum nennen. Die örtliche Polizei ist rassistisch, sexistisch und korrupt; ein „Abgehängter“ beklagt sich über die „Linksgrünversifften“ und die „Kanaken“ aus „Arschbekistan“. Eine hysterische Kunstkritikerin stilisiert das blutige Werwolftum zum Ausbruch aus den engen bürgerlichen Normen: „Zwingen wir den Künstler zu Anpassung, so ernten wir auch angepasste Kunst.“

Knallige Sätze und Situationen, ein sichtlicher Spaß für die Darsteller – Sébastien Jacobi gibt Brüggemann als eitlen Künstler, der als Werwolf noch mehr von sich überzeugt ist als zuvor, Raimund Widra spielt (neben einigen Experten) den Künstleragenten mit öligem Charme und gut geöltem russischen Akzent, während Barbara Krosza Tochter Tammi mit pubertärer Rebellions-Energie befeuert – und mit Integrität. Philipp Weigand gibt einen linkischen Klavierschüler mit Ausdruckstanz-Eruptionen  und spielt den leicht verstockten Timo, während Verena Bukal die Nachbarin Tiffany, trotz Namen und Leopardendress, nicht zum Klischee der alternde Dorfschönheit gerinnen gelässt. Thorsten Loeb schließlich, der in einigen Experten-Einspielern mit hessischem und bayerischem Dialekt jongliert, spielt eine der Figuren, die zuerst am „normalsten“ wirken: Maik, den grillenden, leutseligen Nachbarn und Polizisten dazu, eigentlich von Beruf aus ein Freund und Helfer – allerdings der Freund eines Werwolfs und Helfer von sich selbst. Man kann sich eben auf nichts mehr verlassen, sagt uns dieses Stück so deutlich wie komisch. Die Wölfe sind längst hier –   da ist ein Werwolf bloß ein Amateur.

Wieder am 4., 5. und 30. April: 3., 4. und 19. Mai; 5., 19. und 27. Juni.
Karten: Tel. (06 81) 309 24 86.

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