Was macht die Saarbrücker Staatsschauspielerin Gabriela Krestan in der Rente?

Gabriela Krestans Abschied vom SST : Die Sprech-Generalin des Staatstheaters

Gabriela Krestan (65) ist die Dienstälteste im Saarbrücker Schauspiel-Ensemble. Am Ende der Spielzeit geht sie in Rente. Warum sah man sie so selten in vorderster Reihe?

Keine Iphigenie, keine Lady Macbeth, keine Eliza Doolittle. Die Suche nach Glanz- und Gloria-Rollen in fast 30 Bühnenjahren in Saarbrücken – vergeblich. Dies, obwohl die Rollenliste von Gabriela Krestan (65) 75 Positionen umfasst und obwohl sie den Ehrentitel „Staatsschauspielerin“ trägt. Es verfestigt sich der Gedanke: Diese Frau war wohl nie die unausweichliche, die idealtypische Besetzung, aber immer die besondere. Man bemerkte es erst, als Dagmar Schlingmann 2006 das Schauspiel und die Intendanz am Saarbrücker Staatstheater übernahm, mit ihrer Vorliebe für sehr spezielle, angeschrägte Darsteller und für aktuelle sprachzentrierte Stücke,  sogenannte Sprechopern, etwa von Elfriede Jelinek oder Felicia Zeller.

Just damit  fand Krestan, damals schon über 50, ihr Fach. Als sie nicht mehr eine bestimmte Figur sein musste, sondern eine Stimme oder eine  Haltung. Dann wuchs Krestan, wie 2013 im „Sportstück“, über sich selbst hinaus, wälzte unvorstellbare Textmassen um. Dieser Generalin exakter Taktung und Betonung konnten  die Kollegen nicht annähernd das Wasser reichen. Jawohl, diese Art der Anstrengung liege ihr nun mal, sagt Krestan bei unserem Treffen in einem Saarbrücker Café. „Das Textlernen ist eine Qual, denn man kann in jeder Kurve rausfliegen.“ Man bekomme Magenschmerzen davon. Aber das Ziel laute nun mal, dass die Zuschauer es „ganz genau verstehen“. So genau, wie die Autorinnen es gedacht und Krestan es nach-gedacht habe. 

Wie ein roter Faden zieht sich das disziplinierte Sich-Durchbeißen durch Krestans Biografie. Ihr Berufs-Steckbrief enthüllt Fleiß, Weiterbildungs-Elan, Perfektionsdrang. Zeitgleich zu ihrer  SST-Vollzeitbeschäftigung dockte Krestan  beim Saarländischen Rundfunk an, als Nachrichten-, Feature- und Werbe-Sprecherin sowie als SR2-Moderatorin. Vorzugsweise ab sechs Uhr morgens, auch an den Wochenenden. Das Pensum mutete sich Krestan nicht nur des Geldes wegen zu, sondern weil sie  Weiterentwicklung schätzt. Warum ging sie dann nie weg aus Saarbrücken? Als die Wende 1989 eine Riesenmasse arbeitsloser Schauspieler auf den Markt spülte, sei sie im kritischsten Bühnenalter gewesen, erklärt Krestan: Zu alt für die jungen Liebhaberinnen und zu jung für die Amme. Frauen in den besten Jahren gebe es kaum in der klassischen Literatur, also seien Jobangebote für diese Altersgruppe rar.

Außerdem wurden  Wechsel und Veränderung  Krestan sozusagen frei Haus ins SST geliefert. Das war sogar bei ihr mit 63 nochmal der Fall, als Bodo Busse das SST übernahm. Wäre sie mit Schlingmann gen Braunschweig gezogen, hätte sie dort mit alten Bekannten weitergearbeitet. Im SST trete sie an, um sich bei Schauspieldirektorin Bettina Bruinier neu zu beweisen. Von Kantinen-Genörgel über verpasste große Karrieren  hält sie sich fern, lächelt nachsichtig, wenn mancher darüber lamentiert, von der hiesigen Kritik „nicht richtig gesehen zu werden“. Für sie gelte: „Das Publikum hat mich immer gesehen. Ich wusste, meine Zeit kommt. Irgendwann werden sie merken, wie gut ich bin. Ich sitze am längeren Hebel.“

Da ist er, Krestans eiserner Kern, der in den vergangenen Jahren immer kristalliner hervor schimmerte, wenn sie die vom Leben durchgerüttelten Frauen spielte, etwa die Dienerin Daja im „Nathan“ (2018). „Das ist eine, die sich durchkämpfen  musste, das will ich sichtbar machen. Betulichkeit mag ich nicht“.

Vier Intendanten hat Krestan erlebt, der erste, Martin Peleikis, wurde ihr (verheirateter) Lebensgefährte, danach folgten Kurt-Josef Schildknecht (1991-2006), Schlingmann (bis 2006) und seit 2017 Busse. Über keine(n) will sie Näheres erzählen. Ihre beste Zeit? Jede. Das wirkt nicht verschlossen, sondern professionell.

 Was man kaum wahrnahm bisher: Wie viele Filmrollen sie hatte, unter anderem in den SR-„Tatorten“ bei namhaften Regisseuren wie Hans-Christoph-Blumenberg, Hannu Salonen oder Jochen Alexander Freydank. Doch auch hier wiederholt sich das Phänomen: kein Auftritt in erster Reihe. Wie hält man das wohl durch, dieses ewige  Hintanstehen, das In-Nebenrollen-Besetztwerden? Dafür muss man gebaut sein. Krestan ist es. „Für mich ist das Glas nie halb leer“, sagt sie und schildert sich als rundum zufriedenen, gelassenen Menschen mit Talent zur Empathie und Interesse an jungen Kollegen: „Ich bin gerne ihre Nanny.“ Sie selbst wollte nie Kinder. Der Grund: ihr ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. Als alleinerziehende Vielarbeiterin hätte sie das nicht so hingekriegt, wie sie es von sich selbst erwartete, sagt sie.

 Krestan lebt derzeit allein, in Saarbrücken. Angst vor zu viel Freizeit kennt sie nicht nur deshalb nicht, weil sie noch bis zum Ende der Spielzeit in der „Csárdásfürstin“  und in „My Fair Lady“  auf der Bühne steht. Sie hat auch Hobbies, die sie ausbauen möchte, unter anderem das Reiten.  

Täglich verbringt sie Zeit mit Nonni, einem Island-Wallach, auf dem Ponsheimer Hof (Mandelbachtal). Das Reiten war für Krestan eine Lebensschule: „Man lernt: Du führst und wirst nicht geführt.“ Auch gelte „Keine Angst vor großen Tieren“. Beide Erfahrungen hätten ihr im Bühnenalltag geholfen, sagt Krestan. Auch ihre Sportlichkeit. Die gewachsenen körperlichen Ansprüche an die Darsteller halte man sonst in ihrem Alter nicht durch. Als Beispiel führt sie „Brilka“ (2018) an: vierstündiges Rumstehen auf einer extremen Schräge. Magnesiumspray zur Muskelkater-Linderung wurde zu Krestans treuem Begleiter.

Zum Schluss erzählt sie über ihre Begeisterung für asiatische Kampfsportarten. Tai Chi will sie noch lernen. Man trainiere Selbstverteidigung, verliere die schwächliche Ausstrahlung „Der Alten kannst du ruhig die Handtasche klauen“. Krestan: „Es die einzige Rolle, die ich mit mir wirklich nicht verbinden möchte“. 

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