Felix Klieser spielt das Horn mit den Zehen und hat Strauss zum Fressen gern

Klassik in Saarbrücken : Felix Klieser und ein Strauss im Kühlschrank

Strauss’ erstes Horn-Konzert „ist ein Fun-Stück für mich“, sagt Felix Klieser. Am Sonntag und Montag ist der Hornist, der sein Instrument mit den Füßen spielt, damit in Saarbrücken zu hören.

Nicht mal 30, aber längst den Echo-Klassik-Preis in der Tasche, dazu den Leonard Bernstein Award. In seinem Konzertkalender drängen sich mittlerweile die feinen Klassik-Adressen wie Hamburger Elbphilharmonie und Salzburger Mozarteum. Sogar eine Biographie gibt’s schon über ihn. Man möchte meinen, Hornist Felix Klieser sei ständig auf der Überholspur der E-Musik unterwegs. Ein weiterer der jungen Klassik-Überflieger also? Nein, in puncto Lebens-Tempo bevorzugt er tatsächlich die langsamere Gangart, „mit Zeit zum Lernen, nicht nur, was die Musik angeht“. Dabei schnurrt seine Karriere, obwohl der ohnehin steinige Weg zum Solisten für ihn noch besondere Hürden bereit hielt.

Felix Klieser wurde ohne Arme geboren. Deshalb spielt er sein Horn mit den Füßen. Ein normales Instrument übrigens, von einer Verlängerung am Daumenventil mal abgesehen. „Ich hatte ja keine Wahl, als ich als Fünfjähriger damit anfing. Ich konnte nicht in den Laden gehen und sage, ich will das Modell nur für den linken Fuß.“ Also hat er sich dem Horn angepasst. Für den durchschnittlich hüftsteifen Mitteleuropäer sieht sein Spiel zwar nach chronischen Rückenschmerzen aus. Er aber sagt: „Ich finde das ganz gemütlich.“

Hornisten allerdings haben ihre Hände nicht nur am Horn, sondern eine Hand fast immer auch im Horn. Im Schalltrichter. Um quasi den Klang zu formen. „Ohne die Hand im Trichter klingt ein Horn fast wie eine Trompete“, meint Klieser. Das Dunkle, Gedeckte, das auch mal Mystisch-Verschattete, sozusagen der Markenkern des Instruments, braucht die Hand im Trichter. Eigentlich. „Das war schon schwer“, erinnert sich Klieser, dies nur über den Ansatz, mit Lippen, Zunge und Variieren des Atemstroms hinzukriegen. Instinktiv hat er so seine Spielweise entwickelt.

Mittlerweile zählt Felix Klieser zu den auch international gefragten Solisten. Seine aktuelle CD, die Einspielung von Mozarts Horn-Konzerten 1-4 mit der Camerata Salzburg, verkauft sich prächtig, findet höchstes Kritikerlob. Für Hornisten zählen die Konzerte zum Kern-Repertoire, für Klieser waren sie aber auch ein Kindheitstraum. Schon als Neunjähriger wollte er sie spielen. „Damals war mir gar nicht bewusst, dass man das Horn auch mit anderen Instrumenten zusammen oder sogar mit Orchester spielen kann.“ Doch bei einem „Jugend musiziert“-Wettbewerb hörte er das dritte Hornkonzert, marschierte zu seinem Lehrer und forderte: „Den Mozart da, den will ich auch spielen“. Bald wirbelte er mit den Zehen, spielte „wahnsinnig schnell, volle Pulle“. Doch sein Lehrer bremste und gab ihm eine CD mit Mozarts Hornkonzerten – mit Hornist Hermann Baumann, Dirigent Pinchas Zukerman und dem St. Paul Chamber Orchestra. „Als ich das Cover der CD sah mit Baumann und Zukerman vorne drauf, war ich total fasziniert“. Und ihm war klar: „Das will ich auch mal!“ Obwohl ihm dieses Ziel reichlich fern schien. „Das wünscht man sich so wie eine eigene Südseeinsel.“

Tatsächlich hat, rechnet man seine CD-Einspielungen in Südseeinseln um, er jetzt schon vier eigene Inseln. Und die jüngste ist eine besonders schöne. „Denn die Camerata Salzburg kommt in Sachen Mozart-Verständnis, Artikulation und stilistischen Feinheiten dem sehr, sehr nahe, was ich mir vorstelle“, sagt Klieser. Das Zusammentreffen führte denn zu einem feinem, aber doch sehr lebensprallen Mozart-Ton. Gerne werden die Konzerte des Salzburgers ja auch mal unterschätzt. „Ich finde aber, da steckt sehr viel drin, was man auf den ersten Blick nicht ahnt“, meint Klieser. Auch er sammelte in diversen Hörerfahrungen, der Arbeit mit Orchestern und Dirigenten „Mosaiksteine“, um sein Mozart-Bild zu runden. Und ist damit noch lange nicht fertig. Mittlerweile unterrichtet er auch an der Musikhochschule Münster – und bleibe dabei selbst auch Lernender. Lange habe er etwa überlegt, wie sagt er’s den Studierenden, dass man gerade bei Mozart nicht einfach bloß die Töne spielt? „Wie verklickere ich Ihnen das Gefühl, das eigentlich Unbeschreibliche?“ Klieser erzählt dann gern Geschichten, dass Mozart seine Hornkonzerte für einen Freund, den Hornisten Joseph Leutgeb schrieb. Und dem da auch ganz schön was mitgab: „Triff wenigstens einen Ton, Sauschwanz“, zeterte Mozart, gern mal zu derben Späßen aufgelegt. „Und wenn man solche Geschichten erzählt, dann fängt es an zu arbeiten“, meint Klieser. Man erschauert dann nicht mehr vor dem unfassbaren Talent, sondern hört auch die „sehr menschliche Musik“.

Diesen Sonntag und Montag ist Klieser aber nicht mit Mozart sondern mit Strauss in Saarbrücken zu Gast. 18 Jahre jung war Richard Strauss, als er sein erstes Hornkonzert komponierte, noch sehr im romantischen Ton. Für Klieser führt da auch ein direkter Weg zu Mozart. Franz Strauss, Richards Vater, war selbst Hornist und zog den Filius mit der Musik von Mozart groß. „Und einiges von Mozarts Stil steckt auch in diesem Konzert“, meint Klieser. Und mehr noch: „Für mich ist es ein richtiges Fun-Stück. Man kann da alles zeigen, auch mal ordentlich schmettern.“ Andere Stücke seien dagegen anstrengend zu spielen, sagt der Hornist: „Die sind so, als käme man nach Hause, und da ist im Kühlschrank das Vernunft-Fach mit Obst, Gemüse und Chia-Samen. Darunter aber ist das Lust-Fach mit Pommes und Pizza. Und da gehört für mich dieser Strauss rein.“ Hat das je jemand schon mal treffender gesagt?

Konzerte: Sonntag, 31. März, 11 Uhr, und Montag, 1. April, 20 Uhr, Congresshalle Saarbrücken. Dirigent: Jean-Yves Ossonce, Horn: Felix Klieser, Saarländisches Staatsorchester.

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