Letzte Nachricht von einer Jazzinstanz

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Als Kontrabassist Charlie Haden 1969 sein 13-köpfiges Liberation Music Orchestra präsentierte, eine Allstarband des neuen amerikanischen Jazz, war das eine Sensation, weil es den wortlosen Jazz um eine unverhoffte politische Dimension bereicherte, die Vorgängeralben von Max Roach oder Archie Shepp weiterdachte.

Die Pianistin Carla Bley, die Trompeter Don Cherry und Mike Mantler, die Saxofonisten Gato Barbieri und Dewey Redman, der Posaunist Roswell Rudd, die Schlagzeuger Paul Motian und Andrew Cyrille intonierten auf ihre Art Lieder aus dem spanischen Bürgerkrieg oder eine unter die Haut gehende Version von "Hasta Siempre", dem Lied für Ernesto Che Guevara. Die Platte war Charlie Hadens Debüt als Bandleader, nachdem er zuvor vor allem im stilbildenden Quartett Ornette Colemans präsent gewesen war.

Im Juli 2014 ist Charlie Haden 76-jährig gestorben. Posthum wird nun noch ein Dokument seines einzigartigen Liberation Music Orchestras veröffentlicht. Eingerahmt wird es von zwei 2011 live aufgenommenen Tracks, auf denen Haden selbst noch zu hören ist. Den Bill Evans/Miles Davis-Klassiker "Blue in Green" hat Carla Bley einem Orchestra mit Musikern aus der nächsten Generation passgenau arrangiert, und am Ende dann hört man Haden ein letztes Mal als Solist vor den Seinen. Die drei Stücke dazwischen fügen sich nahtlos in den Reigen dieser ungewöhnlich emotionalen Musik. Es sind Klassiker von Carla Bley, die in Charlie Hadens Liberation Music Orchestra die wichtigste Konstante war. Die nun vakante Stelle des Bassisten hat sie mit ihren Lebenspartner Steve Swallow besetzt.

In der Summe ist die Musik elegischer, geradezu feierlich. Anlässlich einer Gedenkveranstaltung für Haden am 12.1. 2015 in der New Yorker Town Hall fand diese letzte Besetzung seines Orchestras noch einmal zusammen, um sich von ihrem Leader zu verabschieden.

Charlie Haden Liberation Music Orchestra: Time/Life (Universal)