Tauchen als Lebensform

„Jacques, Entdecker der Ozeane“ ist nicht nur eine Reise in die Unterwasserwelt mit faszinierenden Bildern und ein Film über den legendären Meeresforscher Jacques Cousteau. Regisseur Jérôme Salle vergisst auch nicht, die Schattenseiten des berühmten „Commandant Cousteau“ zu zeigen, den Lambert Wilson spielt. SZ-Mitarbeiter Martin Schwickert sprach mit Wilson.

Gehört Cousteau zu den Helden Ihrer Kindheit?

Wilson: Ich habe ihn eher wie einen Großvater geliebt. Für mich war Cousteau ein netter alter Mann, der diese unglaublichen Abenteuer unternommen hat. Damals gab es ja nur zwei TV-Kanäle und wir haben seine Filme zu Hause auf fast schon religiöse Weise verfolgt.

Was hat Cousteau damals zu einer solchen Ikone gemacht?

Wilson: Zuallererst die Bilder aus der Welt des Meeres, die Cousteau ins Wohnzimmer gebracht hat. Er war der Erste, der solche Unterwasseraufnahmen gedreht hat. Cousteau hat ja die so genannte "Aqualunge" mit erfunden, die es uns erst möglich gemacht hat, unter Wasser zu atmen. Und dann - das sagen alle Leute, die ihn kannten, übereinstimmend - war er ein großartiger Verführer. Sein Charme und sein Charisma waren immens. Das wirkte besonders in Frankreich, weil er auch so ungeheuer französisch war. Seine kultivierte Art und gewählte Ausdrucksweise haben ihm viele Türen geöffnet hat. Er war einfach unwiderstehlich. Auch als er älter war, hat er dieses Charisma nicht verloren, aber da war es eher sein politisches Engagement, mit dem er sich öffentlich profilierte.

Wie kam es zu dieser Wandlung vom Wissenschafts-Entertainer zum Umweltaktivisten?

Wilson: Seit den 60ern hat Cousteau gesehen, wie die Meere durch die Folgen der Industrialisierung verschmutzt werden. Er war sozusagen ein "Vor-Öko". Sein Sohn Philippe brachte dann den ganzen Idealismus der Hippie-Generation mit ins Unternehmen. Gemeinsam haben sie diese Kampagne zum Schutz der Meere vorangetrieben. Cousteau hat es geschafft, alle Regierungen davon zu überzeugen, dass die Bodenschätze der Antarktis bis 2048 unangetastet bleiben. Eine außerordentliche politische Leistung.

Sie sind selbst für die Dreharbeiten in die Antarktis gereist.

Wilson: Die Schönheit der Antarktis ist atemberaubend. Sie hat aber auch enorme symbolische Kraft: Es ist wichtig, dass es einen Kontinent gibt, der von Menschen unberührt bleibt und niemandem gehört.

Wie ist Cousteau eigentlich zu seiner Obsession gekommen?

Wilson: Er wollte ja eigentlich Flieger werden. Die Luft war sein Element. Aber aufgrund einer Verletzung durch einen Autounfall konnte er nicht Pilot werden. So landete er in der Marine, ein Freund nahm ihn mit zum Tauchen. In dem Moment, wo er die Maske aufsetzte und diese Welt vor sich sah, war es um ihn geschehen. Cousteau ist ja ein sehr visueller Mensch gewesen. Für ihn stand immer die Schönheit im Vordergrund. Das galt auch für seine Taucher. Wer keinen eleganten Tauchstil hatte, durfte nicht vor die Kamera.

Hatten Sie schon vor dem Film Taucherfahrungen?

Wilson: Nein, aber ich bin süchtig geworden. Sie mussten mich fast schon mit Gewalt aus dem Wasser ziehen, wenn ich irgendwelche Szenen in einem langweiligen Büro spielen musste.

Sehen Sie sich als Schauspieler auch als Entdecker?

Wilson: Zumindest glaube ich, dass ich auch ein Stück weit die Neugier des Entdeckers in mir trage. Das war nicht immer so. Als junger Schauspieler war ich oft zu sehr auf meine Karriere fokussiert, ich schaute nicht links und rechts und wollte nur mein Ziel erreichen. Mit zunehmendem Alter habe ich mich von diesem Ehrgeiz frei gemacht. Die Zielstrebigkeit verschwindet, aber die Lust am künstlerischem Entdecken nimmt zu. Ich bin da ein bisschen wie Jacques Cousteau.

Frankreichs Kino scheint gerade weniger abenteuerlustig zu sein und in einer Welle von Komödien zu ertrinken. Eine Reaktion auf die düsteren politischen Zeiten, in denen sich das Land befindet?

Wilson: Es gibt einige wenige Filme, die sich mit der sozialen Situation im Land auseinandersetzen. Aber in Krisenzeiten kann sich das Publikum in Komödien am besten seiner selbst versichern. Komödien werden viel leichter finanziert als anspruchsvollere Filme. "Jacques" ist einer der wenigen Nicht-Komödien 2016, die in Frankreich mehr als 1,4 Millionen Zuschauer hatte. Die Leute werden im Fernsehen ja mit der politischen Situation andauernd konfrontiert. Wenn sie dann ein- oder zweimal im Monat ins Kino gehen und die Wahl zwischen einem Film über Terrorismus und einer Komödie haben, wählen sie Komödien.

Wie sehen Sie die politische Lage in Ihrer Heimat Frankreich?

Wilson: Wir sehen komplizierten Zeiten entgegen. Nun hoffen viele, dass mit dem neuen Kandidaten der Konservativen die Karten im Spiel neu gemischt werden und uns ein Wahlsieg der Rechtsextremen erspart bleibt. Es herrscht ein sehr rüder Umgangston im Land. Die Menschen sind aggressiv und misstrauisch. Keiner glaubt mehr an die Politiker. Es klingt vielleicht naiv, aber wir müssen uns im Alltag wieder mit einer positiveren Energie begegnen. Es sind alltägliche Umgangsformen, die die Stimmung in einem Land definieren.

Ab morgen in der Saarbrücker Camera Zwo (Kritik zu allen anlaufenden Filme morgen in unserer Beilage treff.region).