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Für „Heimkehr“ hat Wolfgang Büscher ein halbes Jahr spartanisch im Wald gelebt. Sein Roman ist ein grünes Allerlei aus Episoden und Momenten.

Ein halbes Jahr im Wald : Ein Waldleben jenseits von Eichendorff

Für „Heimkehr“ hat Wolfgang Büscher ein halbes Jahr spartanisch im Wald gelebt. Sein Erfahrungsbericht ist ein grünes Allerlei.

Saarbrücken Die Idee hatte heutzutage wohl schon so mancher Städter: Wie wäre es, einmal ein halbes Jahr in einer einsamen Waldhütte zu leben und, weit weg von allem Alltagstrubel und Mediengeklapper, zur Ruhe zu kommen und – wie man das so sagt – „im Einklang mit der Natur zu sein“? Wolfgang Büscher, vielfach ausgezeichneter Autor von Reisebüchern wie „Deutschland – eine Reise“ (2005) oder „Hartland“ (2011) und Journalist der Tageszeitung „Die Welt“, hat es getan. Im vergangenen Jahr verbrachte er mehrere Monate in einem nordhessischen Wald – in der Gegend des ehemaligen Fürstentums Waldeck, in der Büscher 1950 zur Welt kam und als Junge mit seinen Kumpels Baumhäuser und Zäune baute, die der zuständige Förster allerdings regelmäßig wieder abreißen ließ.

Das Buch „Heimkehr“, das Büschers Waldleben auf Zeit beschreibt, ist also ein Stück weit auch Rückkehr in die eigene Kindheit. Mehrmals überlässt sich der 69-Jährige einige „Heimkehr“-Seiten lang den Erinnerungen an den Zehn- oder Zwölfjährigen, der er war. So beschreibt er beispielsweise den Einsturz der ersten, mit Freunden gebauten Waldhütte: „Einen Moment noch standen wir um das Grab unseres Traums herum, wortlos, beklommen, ahnend, dass etwas endete und etwas Neues begann, das uns fortführen und wandeln würde.“

Überdies verlässt Büscher mehrmals sein eigentliches Erzählfeld, die Walderfahrungen 2019, um Besuche am Sterbebett der Mutter zu schildern, die nicht weit von seiner Hütte entfernt ihrem Tod entgegensieht: „Weil ich in den Wald gezogen war, konnte ich so oft zu ihr gehen, war ich ihr in diesen Tagen des Abschieds so nahe, wie sie es sich im Leben gewünscht hatte, als der Sohn den anderen Weg einschlug, den Weg fort.“

Wie viel Zeit der Autor tatsächlich am Stück in der Jagdhütte verbrachte, die ihm von dem „Erbprinzen“ des hier dereinst ansässigen Fürstenhauses in generöser Geste überlassen wurde, wird nicht deutlich. Jedenfalls packte Büscher die Gelegenheit beim Schopf, und richtete sich im März ’19 in der spartanisch nur mit Feldbett, Holzofen, Gaskocher, Stuhl und Tisch bestückten Hütte ein: „Alles äußerst schlicht, kein fließendes Wasser, kein elektrisches Licht, überhaupt kein Strom, Latrine.“ Zum einen beschreibt Büscher auf diesen 200 Seiten sein Eintauchen in die ihm fremde, doch mit viel Wohlwollen und Sympathie eingefangene Welt der Schützenfeste und Treibjagden. Zum anderen fängt er sein Streunen durchs Unterholz, „sein Hingehenlassen der Zeit“ und die einsamen Abendstunden auf Hochsitzen ein. Hinzu treten Begegnungen mit Menschen, denen er näher kommt: Neben dem jungen „Erbprinzen“, der bis heute über einen Privatwald verfügt, ist dies insbesondere der Revierförster, dem die Monotonie moderner Waldwirtschaft mit ihren in Reih und Glied gestellten Fichten ein Gräuel ist – ein Mann „von einer energischen Freundlichkeit, wie sie Leuten eigen ist, die ihren Weg kennen, ihn beherzt gehen“.

Büschers Buch erzählt nicht von einem eremitenhaften Ausstieg auf Zeit aus der Zivilisation. Büschers Hütte ist auch keine Dichterklause, so sehr er zwischendurch gerne einen Dichterton anschlägt. Der Wald, in dem er sich ein halbes Jahr einrichtet, ist kein romantischer Zufluchtsort mehr à la Eichendorff. Vielmehr heulen darin zwischendurch riesige Holzerntemaschinen – Harvester-Stahlsaurier, die die jüngsten Sturmschäden und deren Verwüstungen beseitigen, die Teile des Waldes „wie nach einem Luftangriff“ aussehen lassen. Auch ist der Weg in die Residenzstadt nicht gar so weit, dass er sich nicht hin und wieder mal einen Gasthausbesuch gestatten würde.

Doch büßt das Buch durch dieses dauernde erzählerische Pendeln – hier ein wenig geschildete Abgeschiedenheit, da ein paar Lektionen in heutigem Waldbewirtschaftungs-Einmaleins; hier das Eintauchen in die Welt der Rehe, Wildschweine oder Füchse, da die viel Bodenständigkeit und Konservatismus verströmenden Zusammenkünfte in Jagd- und Schützengesellschaften – letztlich das ein, was man sein Herz, einen inneren Kern, nennen könnte. Es zerfleddert vor lauter Blickwechseln und wird zu einem grünen Allerlei aus Episoden, Szenen und Andachtsmomenten. Wenn auch „Heimkehr“ vielleicht Wolfgang Büschers persönlichstes, so ist es doch sicherlich nicht sein bestes Buch. Was nicht heißt, dass es nicht immer wieder schöne, subtile Passagen enthielte. Etwa, wenn Büscher über die Metamorphosen des Waldes meditiert: „Mal war er die Weite, ein Wehen und Gehen, ein Heranbrausen und Fortwogen gegen Unendlich, mal eine Kammer. Jeder Ton kristallin scharf und nah.“

Demgegenüber stehen nüchterne, reportagehafte Kurzkapitel, in denen das Waldsterben heute thematisiert wird oder auch die Nutzung als Friedwald. Büscher betreibt alles andere als eine Verklärung des sturmzerfetzten und borkenkäferzerfressenen Waldes. Wie heißt es gegen Ende? „Ganz falsch, sagt diese Zeit – der Mensch ist mächtig, der Wald schutzlos und schwach. Er muss vor dem Menschen gerettet werden, am besten, er wird wieder ursprünglich ein deutscher Urwald.“ Als er sein Waldsemester beendet, dies vor allem nimmt man aus „Heimkehr“ mit, hat er verinnerlicht, dass seine Holzwege ihn in ewige Zyklen hineinführten, in deren Rhythmen der Mensch sich am Ende wiedererkennen kann.

Wolfgang Büscher kehrte an den Ort seiner Kindheit zurück. Foto: Zauritz/Rowohlt

Wolfgang Büscher: „Heimkehr“. Rowohlt Berlin, 205 Seiten, gebunden, 22 Euro.