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Jazz in St. Wendel
Fließen, tupfen, meißeln, abheben

Ein fantastischer Auftritt, bei dem Schlagzeuger Anton Eger fast abhob: das Trio Phronesis und die HR-Bigband.
Ein fantastischer Auftritt, bei dem Schlagzeuger Anton Eger fast abhob: das Trio Phronesis und die HR-Bigband. FOTO: Kerstin Krämer
St. Wendel. Die 27. Ausgabe der St. Wendeler Jazztage ist zu Ende gegangen - Rückblick auf ein fulminantes Festival.

Wattestäbchen-Mikado? Saftige Melonenstücke? Die Internationalen St. Wendeler Jazztage sind nicht nur ein musikalisches, atmosphärisches und kulinarisches Fest, sondern auch eine Herausforderung für Denksportler: Jedes Jahr darf man rätseln, was das Plakatmotiv einem sagen will.



Bei der aktuellen und wieder einmal fulminanten 27. Ausgabe provozierte nun, passend zur Jahreszeit, eine aufgeplatzte Kastanie die zerebralen Synapsen. Doch diesmal lieferte der künstlerische Leiter Ernst „Ernesto“ Urmetzer die Lösung zur Eröffnung im Saalbau gleich mit: glatt polierter Kern, eine innen weiche und außen harte, stachlige Schale – es ging um Kontraste. Und die bot das Festival in der Tat reichlich: Musiker aus insgesamt neun Ländern (den Prolog am vorvergangenen Wochenende im Kurhaus Harschberg mitgerechnet) servierten inhaltliche wie formale Kontrapunkte von traditionell bis avantgardistisch – angesichts der globalgesellschaftlichen Wirren wollte Urmetzer das Programm bewusst als Plädoyer für ein freies und kosmopolitisches Kulturverständnis begriffen wissen.

Den sanften Einstieg bescherte am Freitag der Norweger Ketil Bjørnstad, der in Deutschland eher als Bestsellerautor denn als bedeutender Musiker bekannt ist. Als klassisch geschulter Pianist weiß Bjørnstad seine beträchtlichen Mittel sehr kalkuliert bis plakativ einzusetzen. Typisch skandinavisch, mochte man zunächst denken: dieses kontemplative, Sog-artig ruhige Fließen; diese pointillistisch getupften oder ehern gemeißelten Landschaftsgemälde; diese perlende Melancholie – wäre Bjørnstad nicht unmerklich vom Melodie-orientierten zum mitreißend Rhythmus-betonten Spiel mit popularmusikalischen Anleihen gewechselt und hätte damit Erwartungshaltungen unterlaufen.

Nach diesem raffinierten Solo stürzten Andreas Schaerer und das virtuose eidgenössische Arte-Saxofon-Quartett die Hörer in ein zirzensisches „Perpetual Delirium“, so der Name ihrer komplexen neunteiligen Suite. Wer ihn nicht kennt: Andreas Schaerer, nun schon zum dritten Mal bei WND Jazz zu Gast, ist so etwas wie der Bobby McFerrin der Schweiz. Ein begnadeter Sänger mit einer Stimmlage bis zum Countertenor, ein vokalakrobatischer Irrwisch, Beatboxer und Oralperkussionist; obendrein Komponist und vergnüglicher Plauderer – und ein Zauberer, der in verschiedensten Projekten scheinbar unversöhnliche musikalische Welten mühelos in stimmige Gesamtkonzepte packt. Hier bündelten er und das präzise und organisch agierende Arte-Quartett (geerdet vom rumorenden Puls des E-Bassisten Wolfgang Zwiauer) Experimentaljazz mit Neuer Musik und volkstümlichen Harmonien – ein überwältigender kammermusikalischer Drahtseilakt zwischen verhaltener sakraler Inbrunst und heftiger Groove-Orgie, zwischen geordneter Kakophonie und orchestralen Flächen, dabei unerhört transparent und von dynamischem Breitwandformat.

Ebenfalls eine facettenreiche Zusammenarbeit der Superlative und richtungsweisende Musik fürs 21. Jahrhundert: die Kooperation des dänisch-britisch-schwedischen Trios Phronesis mit der HR-BigBand. Die Titel des Phronesis-Albums „The Behemoth“, die der englische Saxophonist Julian Argüelles den hier gewohnt sinnlich und unverkopft aufspielenden Hessen kongenial auf den Leib arrangiert hat, versetzten das Publikum am Samstag in Trance. Phronesis (Ivo Neame, Piano; Jasper Høiby, Kontrabass; Anton Eger, Schlagzeug) fungierte als schier unberechenbares Kernkraftwerk, das die BigBand zur sinfonischen Erweiterung des Klangspektrums nutzte, mit ihr zur gigantischen Rhythmusmaschine verschmolz oder den intensiven Dialog mit wechselnden Solisten suchte. Faszinierend, dieses hochsensible Oszillieren zwischen lyrischen und fetzigen Passagen – und Anton Eger als feinnervig-energetischer Motor des Ganzen ist eine (Welt-)Klasse für sich.



Nicht auf dem Hocker still sitzen mochte zuvor auch der vor Spiellaune schier berstende niederländische Altstar Jasper van‘t Hof, ebenfalls gern gehörter Gast in St. Wendel. Zusammen mit dem emotional zurückhaltenderen, aber nicht weniger expressiv und vital agierenden ungarischen Saxofonisten Tony Lakatos präsentierte der pianistische Tausendsassa eine Sternstunde des Duo-Jazz: eine wunderbare Synthese aus rhythmischer Finesse, Klangkultur, Emotion, introvertierter bis offensiver Improvisierlust und innigem Miteinander.

Auftritt des Altstars: Pianist Jasper van’t Hof mit dem Saxophonisten Tony Lakatos.
Auftritt des Altstars: Pianist Jasper van’t Hof mit dem Saxophonisten Tony Lakatos. FOTO: Kerstin Krämer