Saarbrücker Sommermusik: Ein Text-Klang-Marathon von Gulden und Thewes

Saarbrücker Sommermusik : Ein Text-Klang-Marathon von Gulden und Thewes

Von Astrid Karger

Sie halten’s wie die Mönche. Der Schriftsteller Alfred Gulden hat gedanklich auf klösterliche Rituale zurückgegeriffen, als er mit dem Musiker Christof Thewes ein „Tagwerk in neun Stationen und neun Aktionen“ plante; die „Novene“, Gebete an neun aufeinander folgenden Tagen, kam ihm in den Sinn, auch der Rosenkranz.

Die Saarbrücker Sommermusik bot am Samstag ab sieben Uhr morgens – ja, auch bei dieser Frühmesse im Kleinen Theater im Rathaus gab es Besucher – bis zum mitternächtlichen Ende im Theater im Viertel einen wahren Text-Klang-Marathon. Der Komponist und Posaunist Christof Thewes sagte vor gut 20 Jahren zum Sprachkünstler Alfred Gulden: „Ich werde alles komponieren, was du schreibst“, er ging noch weiter, „was Du schreibst, das höre ich, ich könnte ein Gedicht von dir sofort singen“. Gulden schrieb den Gedichtzyklus „TotenRoteln“ über Vergangenes und Verbleibendes.

Totenroteln, um einen Stab gewickelte Pergamentrollen, kündeten vom Tod eines Klosterbruders und bewahrten ihm zugleich ein Gedächtnis. Christof Thewes komponierte, und 20 Musiker aus dem Saarland, aus Köln, Stuttgart, Berlin verwandeln Guldens Gedankenwelt in einen langen Tag voller Musik. Ein Gesamtkunstwerk, das sich aus vielen Quellen speist. Alfred Gulden wurde 1944 in Saarlouis geboren, gerade noch Kriegskind, nah am Leid der Elterngeneration. Thewes und er sind bekennende Saarländer. „Gott verschont die Stadt, wenn nur zwei Gerechte darin wohnen“, meint der bibelfeste Katholik Gulden seine Heimattreue rechtfertigen zu müssen. „Tote Strecken“ haben sie die Prozession durch Saarbrücken mit den Stationen Kleines Theater am Rathaus, Kino Achteinhalb, Echelmeyer Park, Domicil Leidinger, Johanneskirche, Stadtgalerie, Theater im Viertel genannt, „tote Strecken, das sind abgehängte Bahnhöfe, das sind stillgelegte Stollengänge“. Das Saarland scheint Abschiedsgedanken zu provozieren.

Von Müdigkeit ist bei den Musikern um 18 Uhr im Innenhof der Stadtgalerie, beim immerhin sechsten Konzert, nichts zu spüren. Mit fast ekstatischer Energie peitscht die Little Big Band die „Pain Songs“, hoch, ein älteres Werk. Sabine Noß singt den Schmerz, Gulden deklamiert voller Dringlichkeit. Fulminante Soli der Musiker ernten Bewunderung, auch untereinander. Eigensinnig behauptet sich die virtuos von Martin Schmidt gespielte Mandoline in der Klangvielfalt. Thewes Musik zwischen Jazz und „Neuer Musik“ reißt mit. Leise, zurückgenommen agieren die Profis in der Johanneskirche, manche Besucher bringt „Nahe Tode“ zum Weinen. Familiär aber nicht weniger intensiv geht es im Kleinen Theater am Rathaus weiter („Mei Tablette“ darf Thewes auch im Getriebe dieser vierzehnstündigen Extremleistung nicht vergessen.) „Es liege einer auf Leich“ verbindet gesprochenes und gesungenes Wort. Thewes’ Posaune wirkt manchmal plaudernd, obwohl das Thema so ernst ist. Gulden sagt, er sei glücklich, jemanden zu haben, der „meine Welt versteht.“

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