Ausstellung: „Game of Thrones“ in der Pfalz

Ausstellung : „Game of Thrones“ in der Pfalz

König, Mythos, Selbstvermarkter: Das Historische Museum in Speyer widmet sich einer großen Ausstellung über Richard Löwenherz.

Er selbst war sein bester PR-Berater. Gerade mal zehn Jahre lang herrschte Richard Löwenherz als König von England, wo er insgesamt nur ein halbes Jahr verbrachte – der Londoner Regen sagte ihm offenbar nicht zu. Und doch galt Löwenherz (1157-1199) über Jahrhunderte als idealtypischer König, als wagemutig und ritterlich, bis heute ist sein klingender Name von Mythen umflort.

Diesen Mythos beleuchtet nun das Historische Museum der Pfalz in Speyer: „Richard Löwenherz. König – Ritter – Gefangener“ heißt die aufwändige Ausstellung, die in vierjähriger Arbeit entstand. Von 77 Leihgebern (darunter die Queen) aus sieben Ländern (darunter Frankreich, Österreich und Dänemark) hat das Museum knapp 180 Exponate zusammengetragen, von denen viele erstmals in Deutschland zu sehen sind. Sie illustrieren das Leben einer überaus schillernden Figur, bei dem es so zugangen ist wie jetzt in der Serie „Game of Thrones“, sagt Sabine Kaufmann, eine der Kuratorinnen der Schau: „Es gibt charismatische Figuren, Feindschaften und Intrigen, alle Dynastien sind involviert.“ Nicht zuletzt auch die Pfalz – dort war Löwenherz, der Kreuzfahrer und begnadete Bastler am eigenen Ruhm, 15 Monate eingekerkert. Unter anderem auf der Burg Trifels, hier als Modell in Handarbeit  zu sehen; das Gemäuer empfand er als so zugig, dass er seine ferne Mutter um die Zusendung eines Pelzmantels gebeten haben soll.

Die Verschleppung in den Pfälzer Wald ist einer der zentralen Punkte dieser prächtigen und chronologisch erzählenden Schau, die zur Einstimmung erklärt, worüber Löwenherz aus dem Haus Anjou-Plantagenet eigentlich herrscht: Das Angevinische Reich erstreckt sich von Irland und England über große Gebiete des heutigen Frankreichs, bis in den Süden an die Pyrenäen – kein Wunder, dass Löwenherz lieber dort weilt als jenseits des Ärmelkanals, zumal sein Angelsächsisch mehr als dürftig ist. Dennoch sieht sich Richard I. in einer Linie mit dem sagenumwobenen König Artus: Kurz nach seiner Krönung 1191 werden angeblich die Gräber von Artus und der Gattin Guinevere im Kloster Glastonbury entdeckt: ein schöner PR-Schachzug und eine Fälschung. Dass Löwenherz anschließend seine Gegner mit Artus’ legendärem Schwert „Excalibur“ erschlägt – bei der Ausstellung kann man versuchen, eine Nachbildung aus einem Felsblock zu ziehen – kann man unter „fake news“ abhaken, verbreitet von seinen emsigen Biografen in seiner Entourage.

Die begleitet ihn auch bei seinem Kreuzzug ab 1189 – auf dem Weg nach Jerusalem erobert er nebenbei Zypern, nachdem dessen selbsterklärter Kaiser Löwenherz’ Schwester bedroht hatte. Die christliche Belagerung der strategisch wichtigen Stadt Akkon verstärkt er maßgeblich und gnadenlos: 3000 muslimische Gefangene, auch Frauen und Kinder, lässt er abschlachten, als seine Lösegeldforderungen nicht erfüllt werden. Ein Massaker – aber im Mittelalter weder ungewöhnlich noch ein Skandal, sondern banal-brutale Kriegsführung.

Viel stärkeres Aufsehen erregt da eine seiner Gesten: Als Akkon kapituliert (die Ausstellung zeigt dazu nahzu kinoreife Computer-Animationen) und der mitkämpfende österreichische Herzog Leopold V. seinen Anteil an der Beute verlangt, lässt Löwenherz dessen Banner in den Dreck werfen. Eine ungeheure Beleidigung, die Löwenherz’ Feindesliste einmal mehr verlängert und zu seinem Zwangsaufenthalt in der Pfalz beiträgt. Denn auf dem Rückweg vom Kreuzzug kerkert ihn der gekränkte Leopold ein und liefert ihn dem staufischen Kaiser Heinrich VI. aus. Der wirft ihm 1193 in einem Schauprozess in Speyer unter anderem vor, den Mord an einem Rivalen in Auftrag gegeben zu haben (die Ermordung von 3000 Gefangenen spielt keine Rolle). Doch Löwenherz ist auch ein guter Redner – seine Rechtfertigungen rühren die Reichsfürsten zu Tränen. In Haft bleibt er trotzdem, aber vom Lösegeld wird nun nicht mehr gesprochen, sondern eher von einer „Aufwandsentschädigung“ – heute hieße es wohl Beraterhonorar: 100 000 Mark Silber, 23 Tonnen (!) schwer. Das Geld kommt, Löwenherz ist am 4. Februar 1194 wieder frei; keinen Tag zu früh, denn in der Haftzeit hat der ewige Rivale, Frankreichs König Philipp II., Richards Territorien attackiert. Der findige Löwenherz gewinnt den Grafen von Flandern als wichtigen Unterstützer, 1199 verordnet der Papst eine Waffenruhe.

Nach so vielen Schlachten, in denen Löwenherz stets in der ersten Reihe kämpft, mutet es wie Ironie des Schicksals an, dass er bei einem banalen Scharmützel stirbt: Die kleine Burg eines aufständischen Adeligen ist fast schon sturmreif geschossen, da trifft ihn der einzige Schuss eines einzigen Armbrustschützen in die Schulter – Löwenherz trägt just an diesem Tag kein Kettenhemd. Der Sterbende setzt seinen Bruder Johann Ohneland als Nachfolger ein und begnadigt den Armbrustschützen – eine noble, aber ignorierte Geste: Löwenherz’ Truppen häuten den Unglücklichen. Kein britisches fair play.

Prost: ein Ritter aus Bronze als Gefäß. Foto: National Museum of Denmark
In diesem Bleikästchen wurde Richards einbalsamiertes (Löwen-)Herz beigesetzt: in der Kathedrale von Rouen. Foto: Inventaire general Region Normandie/Photographer:ck

Eine pralle Biografie ist das, die das Museum opulent und atmospärisch erzählt – der Pfälzer Wald etwa, der Löwenherz so gar nicht gefällt, ist symbolisch durch mannshohe und blütengrüne Leuchtkästen illsutriert. Pläne von Belagerungsmaschinen von Löwenherz’ Kreuzzugsgegner Sultan Saladin sind zu sehen, zeitgenössische Darstellungen von Gefangenschaft und Tod des Herrschers, Königssiegel, Wappensteine und auch ein Kettenhemd. Hätte Löwenherz das konsequent getragen, wäre sein Leben länger gewesen. Aber Kurator Sebastian Zanke hält Löwenherz’ Finale dennoch für sinnig: „Ein ruhiger Tod im Bett hätte zu diesem Mann nun wirklich nicht gepasst.“

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