Saarländisches Staatstheater: Der Tod und das Kleidchen

Saarländisches Staatstheater : Der Tod und das Kleidchen

Bekannte Wahrheiten, herrlich gespielt: Elfriede Jelineks „Das Licht im Kasten“ in Saarbrückens Alter Feuerwache.

„Seien Sie nicht zu früh entsetzt!“ Ironisch warnte Dramaturgin Simone Kranz bei der Einführung vor der Premiere. „Es kann sehr anstrengend sein, Elfriede Jelinek in ihrer Genialität zu folgen.“ Nun, der Freitagabend in der Feuerwache war weder anstrengend noch entsetzlich, sondern vergnüglich und witzig – auch wenn man dem Text nicht die erwähnte Genialität zuschreiben würde.

In „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“ geht es, zumindest an der Oberfläche, um Mode, Modewahn, Modezirkus, Modeindustrie. Kein Drama im herkömmlichen Sinne, sondern eine gedankliche Stoffsammlung ohne konkrete Figuren; die Literaturnobelpreisträgerin spricht selbst von einer „Textwurst“. Bei deren Zubereitung auf der Bühne lässt sie den Theatern Freiheit. Die haben Regisseur Matthias Rippert und Dramaturgin Kranz genutzt, den Text um über die Hälfte gekürzt und ihm mehrere Figuren zugewiesen – Models, Modebewusste, Modeopfer, Modezaren und eine Frau, die man als das Gewissen des Ganzen deuten kann, eine Art Bühnen-Jelinek. Sie deklamiert, dass wir immer dasselbe wollen, „das Alte, aber ganz neu“. Ein Verkäufer verkündet einer Kundin das ästhetisch-gesellschaftliche Todesurteil: „In ihrer Größe gibt es das nicht mehr.“ Die Anatomie entscheidet, und Schlankheit geht über alles: „Nicht einmal beim Sterben erreiche ich mein Idealgewicht.“

Pointiert sind diese Sätze, Dialoge, Gedanken – aber aufrüttelnd? Neu? Im Grunde weiß man das ja alles. Es ist, um im Bilde zu bleiben, ein alter Hut. Und ein Satz über die smartphoneversessene Generation wie „Die Jugend spricht nicht in Gesichter, sondern in Geräte“ ist eher pauschal kulturpessimistisch denn wirklich treffend. Bezöge sich das alles bloß auf die Mode und die textile Spaßgesellschaft, wäre der Text also etwas fadenscheinig. Tiefer greift er, wenn er die Mode als Zeichen einsetzt für die menschliche Sehnsucht, oft das sein zu wollen, was man nicht ist, so auszusehen, wie man es nun leider nicht tut. Man wird alt und vergeht, da hilft auch kein Designer-Leichenhemd. „Wir sind in uns eingeschlossen.“

Beim Verkünden dieser Botschaften vertraut Regisseur Rippert ganz auf die Sachkenntnis des Publikums. Wenn wir alle ohnehin wissen, dass wir vergänglich sind und uns auch die Mode nicht rettet, hilft auch kein tränenfeuchter Theaterabend – aber vielleicht ein beschwingter? Mit Lust an Inszenierung, auch am Jux? Es ist ein wonniger Abend der in Unterwäsche und Nylon leicht bekleideten Schauspieler; fünf von sechs sind frisch in Saarbrücken, und es ist eine Freude, ihnen zuzuschauen.

Marcel Bausch ist das einzige nicht neue Gesicht. Er trägt einen langen Zopf, der mitunter phallische Bedeutung gewinnt, staucht als Modezar ein Model zusammen, dem Zucker und Fett die Form genommen haben; ihm selbst geht es dabei aber gar nicht gut, denn er hat seinen liebsten Mantel verlegt, ausgerechnet den „körpernahen“, auch das noch. Für ihn ist Mode eine Frage von Leben und Tod, denn fair produzierte Textilien kann man sich nur leisten, wenn man sich nichts mehr zu essen kauft. Dann doch lieber Billiglöhne, Ausbeutung und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen der anderen. Das nehmen wir ja jeden Tag in Kauf und verdrängen es.

Das alles wird in einem schlichten weißen Raum verhandelt (Bühne: Fabian Listz). Links ein tunnelartiger Eingang, der manchmal zur Schwelle zwischen Leben und Tod wird, rechts auf Bodenhöhe eine Batterie von Scheinwerfern, die ab und an wie Blitzlichter ihre Ladung kanonenartig verschießt.

Raimund Widra setzt komödiantische Glanzlichter mit einer ausufernden Körpersprache, er räkelt sich auf einer Bank raumgreifend angeberisch und erleidet später einen gnadenlos lang ausgespielten Wein-Heul-Wut-Anfall (Weltschmerz? Oder bloß Bauchschmerz?). Wie eine herrliche Pa­rodie auf hysterisches Kreisch-Theater wirkt das – mittendrin beginnt Widra zu trippeln wie ein Pferdchen, fast möchte man ihm eine Möhre reichen. Körperkomik bietet auch der rein mechanische Erotik-Exzess mit seiner Partnerin Lisa Schwindling. Da wackelt die Bank, Musiker Robert Pawliczek lässt dazu Volksmusik dudeln – Sex rettet uns also auch nicht. Martina Struppek gibt ein Mode-Opfer mit Tendenz zur Großmäuligkeit, das sich selbst noch als Asche in der Urne um die letzte Optik sorgt:  „Diese Schuhe musste ich mir einfach kaufen.“

Philipp Weigand, mit einem Rahmen aus Haaren ums Gesicht (Kostüme: Johanna Lakner)  mimt  einen glatten Modemenschen („Den Körper will ich haben, auch wenn ich krepiere“) und spielt am Klavier ein locker perlendes Medley aus „Sag mir, wo die Blumen sind“, „Let it be“ und „Götterfunke“ – die Untermalung eines Finales, das keines im strengen Sinne ist. Ratlosigkeit macht sich breit unter den Figuren, auch bei der Bühnen-Jelinek (Verena Bukal), die mehrmals betont, sie habe ja „auch keine Ahnung“ und sich auch über die eigene Arbeit lustig macht: „Warum habe ich das jetzt gesagt? Um zu zeigen, wie die Zeit vergeht. Sehr langsam.“

Am Ende ist alles gesagt. „Mir sind jetzt auch die Begriffe ausgegangen“, heißt es da – nur zwei Möglichkeiten bleiben: das Anklicken von Produkten am PC, auf dass sich der Warenkorb füllt und der Körper kurzfristig die Glückshormone ausschüttet. Oder das blanke Entsetzen angesichts der banalen menschlichen Existenz. Mit großen Augen blickt die Quasi-Jelinek-Figur in die Welt, die sie nicht mehr versteht. Aber vielleicht bestellt sie ja auch noch etwas, wenn das Bühnenlicht erloschen ist. Es wäre banal, aber nur allzu menschlich.

Nächste Termine: 22., 23., 29. September, 4., 6., 10.  20., 27., 29. Oktober.

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