Völklinger ErzengelEs schadet ja nicht

Völklinger ErzengelEs schadet ja nicht

Völklingen. Mit dem Kochlöffel in der Hand empfängt Sabine Graf die Teilnehmer ihrer Führung "Not am Mann? Frauen ran!" am Haupteingang des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Was das Küchenutensil mit dem Stahlkochen zu tun hat, erklärt die Homburger Autorin an zehn Stationen auf dem Hüttengelände. Dort nämlich, wo die Frauen wirkten

Völklingen. Mit dem Kochlöffel in der Hand empfängt Sabine Graf die Teilnehmer ihrer Führung "Not am Mann? Frauen ran!" am Haupteingang des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. Was das Küchenutensil mit dem Stahlkochen zu tun hat, erklärt die Homburger Autorin an zehn Stationen auf dem Hüttengelände. Dort nämlich, wo die Frauen wirkten. Ja, es gab weibliche Arbeitskräfte in der Hütte, nicht nur in den Büros oder Kaffeeküchen. Doch das ist kaum bekannt."Die Eisenhütte gleicht einer riesigen Küchenmaschine", veranschaulicht Sabine Graf. Mit diesem Bild im Kopf streift die Gruppe durch die Sinteranlage und die Möllerhalle, wo Eisenerz und andere Rohstoffe zerkleinert und gemischt wurden, um die Hochöfen zu füttern. Es geht durch die Kokerei bis zum Hochofen und in die Gebläsehalle. Der Stahlkocher auf der Gichtbühne, die Hausfrau am Herd - dieser Vergleich zieht sich wie ein roter Faden durch die Führung. Denn immer wieder geht es ums Rühren, Kochen, Backen, Ordnen, Füttern. Erzählt wird hier die Geschichte der Hütte aus weiblicher Perspektive.

Wie war es wohl, als die "Erzengel", junge Frauen und Mädchen, die Eisenerz-Schiffe entluden? Zwölf Stunden am Tag, mit zehn-Kilo-Körben auf dem Kopf, über schwankende Planken balancierend. Der Stahlbaron Karl Röchling hatte 1884 eine Anzeige in der Völklinger Zeitung aufgegeben, mit der er "kräftige Mädchen für leichtere Arbeit" suchte, wie Graf recherchierte - und 2006 in ihrer Kurzgeschichte "Eisenhut & Weiß" verarbeitet hat (in der Reihe "Menschenwerk - Geschichten aus Völklingen, hrsg. vom Verein Kulturgut Völklingen). Auf einer Planke nahe der Saar kann man die "leichtere Arbeit" ausprobieren: Ein Fünf-Kilo-Korb steht bereit.

Dass zeitweise hunderte Frauen nicht nur beim Entladen, sondern auch beim Koksschaufeln in der Kokerei unter schwersten Bedingungen und für noch weniger Lohn als ihre männlichen Kollegen schufteten, ist nur eine der spannenden Anekdoten.

Während der beiden Kriege und bis in die 50er Jahre ging nichts ohne die Frauen in der Hütte, die die Männer ersetzten. Als die zurückkehrten, wurden die Kranfahrerinnen und Stahlkocherinnen zurück in die Küche verbannt. Frau stopfte wieder Brandlöcher, kochte Tee und Kaffee, und hielt sich schließlich ganz vom Hochofen fern. In der Hütte waren weibliche Arbeitskräfte schließlich nur noch im Büro gefragt.

Weitere Termine: Morgen, 7. und 14. September, jeweils 17 Uhr. Tel. (0 68 98) 910 01 00.

Völklingen. Eine Teilnahmebestätigung auszustellen, das kann nie schaden und kommt meistens gut an. Im Weltkulturerbe Völklinger Hütte heißt ein solcher Schein jetzt "Industriekultur-Zertifikat": Besucher, die an vier Themenführungen (zu Technik, Denkmalschutz oder historischen Aspekten), teilnehmen, zu denen auch die über die Hütten-Frauen gehört, können das kostenlose Zertifikat bekommen.

Man wolle Anreize bieten, sich mit der Industriekultur thematisch auseinanderzusetzen, erklärt Generaldirektor Meinrad Grewenig. Zu diesem Zweck wolle man noch enger mit der Saar-Universität kooperieren und auch mit der Volkshochschule vor Ort zusammenarbeiten. Dass sich womöglich vor allem Senioren für die hübsche Teilnahmebestätigung interessieren, stört Grewenig nicht. esb