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Letzter Tag im Wettbewerb der Spielfilme beim Max Ophüls Preis 2020

MOP Spielfilm-Wettbewerb : Bonbonpapier-Wunder und bigotte Helfer

Flüchtlingsdramen und Luxusprobleme, hoffnungsvolle Kinder und suizidale Eltern: Beim Ophüls-Festival sind die letzten fünf Werke im Spielfilm-Wettbewerb gestartet.

Einzelgänger Alexander verliebt sich in dem Klub „Tagundnachtgleiche“ in die mysteriöse Varietétänzerin Paula. Doch nach einer somnambulen Nacht will Paula (Aenne Schwarz, „Vor der Morgenröte”, „Alles ist gut”) von Liebe nichts mehr wissen und verunglückt bald darauf tödlich. Alexander (Thomas Niehaus, festes Mitglied des Thalia Theaters Hamburg) gerät mehr und mehr in den Bann der Entrückten. Als er aber Bekanntschaft mit Paulas ziemlich realer Schwester Marlene macht, wird sein Gefühlschaos noch mehr entfacht.

In „Tagundnachtgleiche“ kreist Regisseurin und Autorin Lena Knauss („M wie Martha“, 2015 im MOP-Kurzfilmwettbewerb) um einen Protagonisten, der sich in Sehnsucht und Lebensflucht verliert. Den Abstieg von Alexander, von Thomas Niehaus schön verloren und eigenbrötlerisch gespielt, zeichnet der Film zwar behutsam nach. Doch mit der Zeit wird dieses Kreisen um das Selbstmitleid zunehmend anstrengend und erreicht einen Sättigungspunkt, ab dem sich auf der Handlungsebene Langeweile ausbreitet. Dagegen hilft auch das Zitieren intermedialer Referenzen nicht viel – darunter Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“, einer der literarischen Meilensteine für alle Melancholiker. So riskiert der Film, seine Zuschauer vom Protagonisten zu entfremden und gleichgültig werden zu lassen. Aber dafür bleiben die Bilder stilvoll und können mit Lichtblümchen und Zeitlupe des Öfteren magische Momente erschaffen. (Freitag, 16.15 Uhr, CS 1, und 21.45 Uhr, CS 3; Samstag, 12 Uhr, CS 5; Sonntag, 19.45 Uhr, CS 3.)

Es ist ein pfiffig flotter Einstieg, mit dem Regisseur Christian Werner „Irgendwann ist auch mal gut“ eröffnet. In nur ein paar Minuten ist der Trümmerhaufen, den der schnöselige Bestatter Karsten (Fabian Hinrichs) sein Leben nennt, unterhaltsam skizziert. Die Ehe ist am Ende, das Haus soll verkauft werden, und der Wellensittich ist auch noch tot von der Stange gefallen. Überhaupt soll Karsten sein Job als Bestatter bald viel näher gehen, als ihm lieb ist. Denn das Schlimmste steht noch bevor: Beim Weihnachtsessen eröffnen ihm seine Eltern, dass sie gemeinsam Suizid begehen wollen. Vater Theodor (Michael Wittenborn) leidet an Parkinson und hat den Lebensmut verloren, Mutter Marion (Franziska Walser) will nach 52 Jahren Ehe keine Sekunde ohne ihren Mann sein und – allerdings kerngesund – ebenfalls aus dem Leben scheiden. Karsten protestiert aufs Heftigste. Die große Frage ist, ob er es bis Silvester schafft, die beiden Menschen, die ihm im Leben noch bleiben, von ihrem Entschluss abzubringen. Denn an diesem Tag wollen sie sterben.

Dem ernsten Thema zum Trotz hat sich Christian Werner getraut, den Film, eine Koproduktion mit ZDF – Das kleine Fernsehspiel, konsequent und mit viel Humor zu inszenieren. Und weil das so gut funktioniert, macht „Irgendwann ist auch mal gut“ viel Spaß beim Zusehen. Die Gags sitzen, meist kommen sie unverhofft, schnell und trocken um die Ecke gebogen. Noch dazu agieren die Schauspieler durchweg sympathisch und überzeugend. In Verbindung mit verschrobenen Nebenfiguren und kleinen Slapstick-Einlagen schafft es die Besetzung, zu berühren, ohne Tränendrüsen zu bemühen. Hauptdarsteller Fabian Hinrichs („Der Fall Barschel“, „Acht Tage“) legt Bestatter Karsten stilsicher zwischen ungläubigem Schuljungen und desillusioniertem Gestrandeten an. (Freitag, 11 Uhr, CS 1 und 17 Uhr, CS 5; Samstag 15 Uhr CS 2; Sonntag, 14 Uhr, Capitol Movie World Saarlouis, und 17.30 Uhr, CS 1.)

Ein visuell verzauberndes und emotional berührendes Filmerlebnis beschert Autor und Regisseur Arash T. Riahi mit „Ein bisschen bleiben wir noch“. Aus der Sicht der Kinder erlebt der Zuschauer die Geschichte der beiden Geschwister Oskar und Lilli, die als Flüchtlinge aus Tschetschenien von ihrer kriegstraumatisierten Mutter getrennt und in Österreich in verschiedenen Pflegefamilien untergebracht werden.

Der österreichische Regisseur iranischer Herkunft lehnt sich frei an den 1994 erschienenen Roman „Oskar und Lilli“ von Monika Helfer an und findet eine feinsinnige und empfindsame Bildsprache. Er leuchtet die Emotionen seiner Figuren behutsam, aber effektvoll aus. Schlüsselmomente, nicht der Handlung, aber der Gefühlswelt der Kinder, werden eindrücklich komponiert – das gelingt auch durch teils ungewohnte Einstellungen, die aber selbst mit einer so einfachen Requisite wie einem Bonbonpapier wunderbar harmonisch funktionieren. Das Straucheln von Oskar und Lilli und der wenigen Seelenverwandten, die sie auf der Suche nacheinander und nach ihrer Mutter treffen, fließt in schönen poetischen Bildern, ohne je auch nur in die Nähe von Kitsch, Überfluss oder Manieriertheit zu kommen. Zudem sind die Jungdarsteller Leopold Pallua und Rosa Zant und ihr authentisches Spiel eine Entdeckung. (Freitag, 13.30 Uhr, CS 1, und 20 Uhr, CS 8; Samstag, 17 Uhr, CS 5; Sonntag, 15 Uhr, CS 1.)

Ebenfalls an die Nieren kann dem Zuschauer „Jiyan“ gehen. Das Flüchtlingsdrama von Süheyla Schwenk (Regie, Buch, Schnitt) begleitet den syrischen Lehrer Harun und seine kurdische, hochschwangere Ehefrau Hayat bei ihrer Eingewöhnung in Berlin. Dort lebt das Paar bei einem Onkel Haruns auf der Ausklappcouch, muss Rassismus der Gastmutter, Asylbürokratie und Arbeitslosigkeit trotzen. Nach einer langen Durststrecke scheint endlich alles gut zu werden.

Der Film bleibt mit Totalen oder Halbtotalen meist auf Distanz und erzeugt so einen nüchternen, fast dokumentarischen Stil. Das minimalistische Werk berührt vor allem in den finalen Szenen, in denen das bis dato angenehm unaufgeregte Spiel von Hauptdarstellerin Halima Ilter ausdrucksstarke Höhepunkte liefert. (Freitag, 10 Uhr, CS 5, und 21 Uhr, Camera Zwo; Samstag, 13 Uhr, CS 3, und 15.30 Uhr, Kinowerkstatt St. Ingbert; Sonntag, 17.30 Uhr, CS 8.)

Wie ernst ist es wirklich mit dem Wunsch, anderen Menschen in Not zu helfen? Erst recht, wenn man selbst dabei Schaden nehmen könnte? Diesen Fragen nähert sich „Waren einmal Revoluzzer“ anhand von zwei befreundeten Paaren in ihren Enddreißigern an. Da wären Weltverbesserin Tina (Aenne Schwarz) und Egoist Volker (Marcel Mohab), Richterin Helene (Julia Jentsch) und Künstler Jakob (Manuel Rubey). Auslöser für den Tumult ihres gesetzten Alltags ist der in Russland politisch verfolgte Pawel (Tambet Tuisk), den die Freunde aus Moskau holen und verstecken wollen. Nicht nur, dass er der ehemalige Liebhaber von Helene ist, noch dazu trifft er überraschend mit Ehefrau Eugenia (Lena Tronina), die per internationalem Haftbefehl gesucht wird, und Kind ein. Die Gelegenheit zu helfen, wird für die Vier nicht nur zur Charakterprobe, sondern stellt auch die Aufrichtigkeit ihrer Freundschaften und Liebesbeziehungen auf die Probe.

Johanna Moder (Buch und Regie) erzählt davon eher in einer Draufschau, was ihr die Möglichkeit eröffnet, die Charakter ihrer Figuren Stück für Stück zu entblößen. Das Ganze lässt den Zuschauer unbeteiligt zurück, ist aber psychologisch interessant und wirft entscheidende Fragen auf – erfreulicherweise ohne die Moralinspritze anzusetzen. (Freitag, 17.15 Uhr, CS 3, und 22 Uhr, CS 2; Samstag, 15.30 Uhr, CS 1; Sonntag, 18.15 Uhr, CS 5.)

Tragikomisch: Fabian Hinrichs berührt als Bestatter in „Irgendwann ist auch mal gut“. Foto: Felix Meinhardt

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