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Vierter Wettbewerbstag Spielfilme Filmfestival Max Ophüls Preis

Max Ophüls Preis : Von Strandliebe und Pornovideos

Vier neue Werke sind gestern in den Spielfilm-Wettbewerb gestartet. Dessen Stärke ist auch diesmal wieder die Vielseitigkeit, erzählerisch wie stilistisch – auch wenn nicht alle Filme voll überzeugen. Sie sind mal mutig, mal originell, aber auch eigenwillig oder sperrig.

Erwachsen werden, sich vom Elternhaus lösen, seinen Platz im Leben suchen, Neues ausprobieren – das sind Themen, die Nachwuchs-Filmschaffende seit jeher beschäftigen. Auch im diesjährigen Spielfilm-Wettbewerb des Festivals Max Ophüls Preis.

In „Lovecut“  stehen sechs Jugendliche in Wien im Mittelpunkt. Da ist der auf Bewährung verurteilte Ben (Max Kuess), der über Tinder die junge Luka (Luca von Schrader) kennenlernt. Sie beginnen eine Affäre, aber Luka will keine Beziehung und auch keine Gefühle. „Das kannst du nicht steuern“, entgegnet Ben. „Doch“, beharrt Luka, die nicht glaubt, dass Liebe und Beziehungen funktionieren können. Lukas Freundin Momo (Melissa Irowa) führt eine Beziehung – aber nur virtuell, denn Alex (Valentin Gruber) sitzt im Rollstuhl und will sich ihr (noch) nicht offenbaren. Anna (Sara Toth) und Jakob (Kerem Abdelhamed) dagegen kennen wenig Hemmungen. Um Geld zu verdienen stellen sie selbstgedrehte Sexvideos ins Netz. Doch schnell stoßen sie an Grenzen.

„Lovecut“ ist das Langfilm-Debüt von Iliana Estañol und Johanna Lietha, die Koproduktion aus der Schweiz und Österreich überzeugt mit ihrem präzisen Blick auf eine Handvoll Jugendlicher unserer Zeit. Diese finden in der digitalisierten Welt von heute schier unendliche Möglichkeiten vor, stehen aber auch vor dem Dilemma, diese Freiheiten sinnvoll für sich und ihr Leben zu nutzen. Zumal sie ja oft noch nicht wissen, was das eigentlich ist oder sein soll – ihr Leben. Die Unsicherheit, das Ausprobieren, das Rebellieren, die Hoffnungen und Ängste der jungen Leute – das fängt dieser kraftvolle Film sehr gut ein, wirkt authentisch, auch in der Sprache. Und den jungen Darstellerinnen und Darstellern sieht man sehr gerne zu. (Donnerstag, 15.15 Uhr, CS 5; Freitag, 10.30 Uhr, CS 3; Samstag, 19.30 Uhr, CS 5; Sonntag, 15.30 Uhr, CS 2.)

Die 13-jährige Claire (Zita Gaier) ist in den Sommerferien mit ihrer Mutter Sophie (Sabine Timoteo) und der älteren Schwester Zoe (Nicolais Borger) nach Andalusien gefahren, in ein ziemlich hässliches Hotel am Meer. Die Mutter faulenzt und flirtet am Pool, lässt ihre Töchter an der langen Leine. Zoe hat schon bald ein Auge auf einen Jungen geworfen – und so ist Claire auf sich alleine gestellt. Als sie den jungen senegalesischen Strandverkäufer Amram (Gedion Oduor Wekesa) kennen lernt, versucht sie, ihm zu helfen.

In hellen, oft überstrahlten, manchmal milchigen Bildern erzählt „Sunburned“ nicht nur vom Erwachsenwerden, sondern auch von Flucht, Migration und Armut. Da prallen Welten aufeinander: Hier die Erholung und Kurzweil suchenden Touristen, dort Menschen, die ums Überleben kämpfen. Carolina Hellsgard, die 2019 mit ihrem zweiten Spielfilm „Endzeit“, einer Zombie-Apokalypse, bereits im Ophüls-Wettbewerb dabei war, legt mit „Sunburned“ einen eher ruhigen Film vor, mit präzisen Beobachtungen und einem offenen Ende, das nachdenklich macht. (Donnerstag, 14 Uhr, CS 1; Freitag, 12.15 Uhr, CS 5; Samstag, 17 Uhr, Camera Zwo; Sonntag, 10.30 Uhr, CS 4.)

Es gibt einige Filme im diesjährigen Wettbewerb, die sich viel Zeit nehmen, in langen, oft starren Einstellungen Menschen und die sie umgebende, ja beherrschende Natur zeigen. Einer davon ist „Neubau“ von Johannes Maria Schmit, ein Heimatfilm, wie es ganz ausdrücklich heißt, gedreht in der Uckermark in Brandenburg. Es ist Sommer, es ist warm, der Himmel meist zart hellblau. Hier lebt Markus (Tucké Royale), er dürfte so um die 30 Jahre alt sein, kümmert sich um seine demente Großmutter Alma (Jalda Rebling) und deren Partnerin Sabine (Monika Zimmering).

Gleich zu Beginn hat er ein Date mit einem Mann. Sie sind im Bett, die Kamera nah dran, man hört sie stöhnen, sieht aber nicht wirklich, was abgeht, es wirkt eher angestrengt – vielleicht weil beide Männer kurze Sporthosen tragen. Die Sporthose bleibt dem Zuschauer fast durch den ganzen Film erhalten, denn Markus trägt sie beim Joggen, beim Bügeln und beim Essen mit Alma und Sabine. Denen offenbart er dann endlich, was ihn wirklich bewegt: „Ich möchte nach Berlin gehen.“ Um sofort einzuschränken: Es kann dauern, erst wenn er hier nicht mehr gebraucht werde. Ab und zu tagträumt Markus, dann kommen eine Handvoll illustrer Personen ins Spiel, eine Art „Dämonen“, aber ganz ungefährlich. Und schließlich lernt er den Fernsehtechniker Duc (Minh Duc Pham) kennen und lieben, was die Situation noch komplizierter macht.

„Neubau“ erzählt ruhig und durchaus eigenwillig, vielleicht auch sperrig, von der Provinz, von Familie und Verantwortung, vom Wunsch, sich zu verändern und den Konflikten, die daraus erwachsen. Ende offen. Und zum Abspann gibt’s einen sehr schönen Song von Dirk von Lowtzow: „Relax, It’s Only A Ghost“. (Donnerstag, 10.30 Uhr, CS 5, und 18.30 Uhr, Camera Zwo; Freitag, 22.15 Uhr, Filmhaus; Sonntag, 12.45 Uhr, CS 4.)

Während sich die meisten jungen Filmschaffenden mit dem Hier und Jetzt befassen, wagt Lisa Charlotte Friederich mit „Live“ einen Blick in die Zukunft. Sie greift dabei auf die Bibel zurück und erzählt eine moderne „Kain und Abel“-Geschichte. Im Mittelpunkt steht Claire (Karoline Reinke), die als Psychologin arbeitet und Überlebende von Terroranschlägen betreut. Wegen der Gefahr von Terror sind öffentliche Versammlungen verboten, die Menschen dürfen sich nur noch im virtuellen Raum begegnen. Frustriert von diesem Leben in der Isolation beschließen die Musikerin Claire und ihr jüngerer Bruder Aurel (Anton Spieker), ein erfolgreicher Trompeter, ein echtes Livekonzert zu organisieren, vor physisch anwesenden Menschen. Mit Hilfe von zwei Hackern gelingt ihnen dieses schier unmögliche Unterfangen tatsächlich. Doch danach kommt es zur Katastrophe.

In ihrem ersten langen Spielfilm entwirft Lisa Charlotte Friedrich in düsteren, bläulich-kalten, oft nächtlichen Bildern eine Atmosphäre der ständigen Bedrohung, der Unbehaustheit und der Trostlosigkeit. Claire und Aurel haben schon früher zusammen Konzerte gegeben, wobei Aurel immer der erfolgreichere, beliebtere Musiker war. „Live“ kommt am Ende vielleicht etwas zu plakativ daher, überzeugt aber trotzdem als ebenso mutige wie gelungene Filmparabel über mögliche Gründe für die Entstehung von Neid, Hass, Zwietracht und Gewalt. (Donnerstag, 14.45 Uhr, CS 8; Freitag, 19 Uhr, CS 1; Samstag, 22 Uhr, CS 5; Sonntag, 17.15 Uhr, CS 3.)

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