"Neubau" von Johannes Maria Schmit gewinnt den Ophüls-Preis in Saarbrücken

Die Preisverleihung beim 41. Filmfestival Max Ophüls Preis : „Seid mutig und lasst euch nicht reinquatschen“

Der Film „Neubau“ ist der große Gewinner des 41.Filmfestivals Max Ophüls Preis, das am Sonntagabend zu Ende ging. Ein Blick auf die Preisverleihung am Samstag im Saarbrücker E-Werk, mit vielen schönen Momenten (mit Bildergalerie).

„Mut“ war vielleicht das Schlüsselwort des Abends. Den attestierte etwa Heike Makatsch dem Filmemachernachwuchs und wünschte sich, in dessen „unangepassten“ Filmen „mal mitspielen zu dürfen“. (Moderator Tobias Krell riet dem Künstlernachwuchs: „Ruft sie einfach mal an.“) Auch Schauspieler Heiko Pinkowski, ein regelmäßiger Festivalgast (diesmal im mittellangen Film „Auf und Ableben“), sprach auf der Bühne des E-Werks von jungen Filmemachern, die man in Saarbrücken beim Festival treffen könne, „die oft noch mutig sind. Das ist später leider anders – wenn dann viel Geld im Spiel ist, kommt oft ein Konsensfilm raus.“ Sein Rat an den Nachwuchs: „Seid mutig und lasst Euch nicht reinquatschen.“

Man muss also abwarten, was aus den am Samstagabend prämierten Künstlerinnen und Künstlern wird – aber niemand erweckte den Eindruck drohender Mutlosigkeit oder Konsenslust. Überhaupt: Es war ein Jahrgang vieler eigenwilliger Stimmen und einiger Filme, die sich etwas trauten – nicht zuletzt das leider preislos gebliebene Tristesse-Tableau „Fellwechselzeit“ von Sabrina Mertens (wir berichteten).

Den Hauptpreis des 41. Festivals Max Ophüls gewann am Samstagabend der Spielfilm „Neubau“ von Johannes Maria Schmit, Theatermann im Umfeld des Gorki Theaters. Der Film  erzählt die Geschichte eines jungen schwulen Mannes in der Ost-Provinz, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach einem neuen, besseren Leben in Berlin und der Sorge um seine demente, langsam sterbende Großmutter. Die Jury lobte, der Film komme „ohne Budenzauber aus“ und biete „Szenen, die das Geschehen auf der Leinwand nicht für eine Dramaturgie funktionalisieren“ (was durchaus ein Problem manch anderer Filme im Wettbewerb war). Regisseur Schmit, 1981 in Trier geboren, bedankte sich bei seinem überwiegend weiblichen Team, das seinen Film erst möglich gemacht hätte; Drehbuchautor und Hauptdarsteller Tucké Royale, Berliner Theatermacher und Performance-Künstler, erhielt für „Neubau“ den „Preis für den gesellschaftlich relevanten Film“. Er verlas ein Manifest, das eine „Neue Selbstverständlichkeit“ forderte für alle, die nicht den Normen entsprechen, die die Mehrheit vorgibt.

Hauptfigur Carlotta (aus dem Dokumentarfilm „Lost in Face“) und Regisseur Valentin Riedl. Foto: ffmop / Oliver Dietze/Oliver Dietze

Ebenfalls zweimal auszeichnet wurde die berührende Dokumentation „Lost in Face“ von Regie-Quereinsteiger Valentin Riedl (von Haus aus Hirnforscher): Er beschreibt das Leben von Carlotta, einer Frau, deren Gehirn keine Gesichter erkennen kann – nicht einmal das eigene. Riedl brachte seine Hauptfigur auf die Bühne, die enthusiastisch berlinerte: „Ick freu mir wie Bolle!“

Das taten auch Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch, die Regisseure von „Masel Tov Cocktail“ (Publikumspreis Mittellanger Film): eine rasante und sehr witzige Betrachtung von Klischees über jüdische Kultur, produziert an der Filmakademie Baden-Württemberg. Khaet freute sich, dass „wir Juden und wir Deutschen miteinander lachen können“. Für die Festivalleitung hatte er zwei Dosen „Gefilte Fisch“ dabei, deren Zubereitung im Film erklärt wird.

Vergäbe das Festival einen Sonderpreis für den entspanntesten/entrücktesten Auftritt, müsste er dem Darsteller Simon Frühwirth (Darstellerpreis 2019 für „Nevrland“) gebühren. Er war, warum und wodurch auch immer, nicht ganz in dieser Welt zugegen; da konnte auch Moderator Krell („Soll ich die Frage nochmal wiederholen?“) wenig ausrichten.

Mehdi Meskar erhielt einen Preis als bester Schauspielnachwuchs in „Nur ein Augenblick“. Foto: dpa/Oliver Dietze

Nüchterner war da Randa Chahoud, deren Film „Nur ein Augenblick“ den Preis der Jugendjury gewann. Es sei „kein einfacher Weg“ gewesen für ihren Film über einen nach Deutschland geflohenen Syrer, der zurück in der Heimat in Kämpfe hineingezogen wird. „Es gab nicht oft Licht am Ende des Tunnels“, jetzt in Saarbrücken aber schon. Besonders freue es sie, mit ihrem Film, der „keine Kunst um der Kunst willen ist, sondern ein Film fürs Publikum“, die Jugend erreicht zu haben. „Denn schon Goethe sagte, die Zukunft wird von Menschen unter 20 gemacht.“

Knapp über 20 waren die Vertreter der Saar-Politik auf der Bühne, die das Festival kollektiv lobten: Kulturministerin Christine Streichert-Clivot (SPD), Saarbrückens neuer Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU) und Ministerpräsident Tobias Hans (CDU). Der meinte auf die Frage, ob er nicht auch so eine Art Regisseur in der Regierung sei, dass solche „solistischen Einlagen“ in der Demokratie nicht so gerne gesehen seien, was auch gut sei – Hans hatte wohl beim Begriff Regie die Autorentheorie vor Auge oder Inszenierungs-Diktatoren. Uwe Conradt monierte, dass viele der bei Ophüls gezeigten Filme trotz hoher Qualität danach allzu selten in den regulären Kinos liefen, was Festivalchefin Svenja Böttger nicht ganz bestätigen wollte: Die Ophüls-Filme seien später vor allem nicht in den saarländischen Kinos zu sehen.

Schauspielerin Heike Makatsch, die vier ihrer Filme beim Ophüls-Festival zeigte, und Moderator Tobias Krell. Foto: MOP / Oliver Dietze/Oliver Dietze

Was fiel sonst noch so auf an dem Abend? Der Festivalclub Lolas Bistro scheint ebenso die Saarländer wie die Zugereisten zu Nachteulen gemacht zu haben. Jury-Mitglied Franziska Weisz nannte den Ort gar „ein Wurmloch, das einen erst morgens um fünf wieder rausspült“. Und Moderator Krell, selbst Lola-erfahren, erzählte vom Dialog zweier Jungfilmer vor der Johanneskirche, die die blaue Beleuchtung für üblichen Saarbrücker Standard hielten – bis ihnen klar wurde, dass das exklusiv für Ophüls ist. „Du meinst, das machen die alles nur für uns?“ „Jaaaa, Mann.“ Kein Wunder also, dass Susanne Heinrich, 2019 Ophüls-Gewinnerin mit „Das melancholische Mädchen“, das Festival nun „sozial nachhaltig“ nannte, weil man viele Freunde fände. Krells Frage, was der Preis bei ihr verändert habe, beantwortete sie so: „Ich konnte mir wieder Essen kaufen.“ Ihr Film, „ein notdürftig als Spielfilm verkleideter Experimentalfilm“ habe ohne das Festival keine Chance gehabt. Jetzt hoffe sie auf den nächsten Film, auch wenn man es „als Frau in der Branche immer noch schwer hat, einen zweiten Film zu machen“.

Ein Mann scheint immer bei Ophüls zugegen zu sein: der österreichische Filmemacher Arash T. Riahi. In den vergangenen Jahren als Produzent („Einer von uns“, „Cops“, „Die Migrantigen“), diesmal als Autor und Regisseur von „Ein bisschen bleiben wir noch“. Sein Film gewann den Publikumspreis, was Riahi sichtlich freute. „Es gibt ein Publikum, das einen Film über tschetschenische Flüchtlinge mag – würde man das als Verleiher glauben? Aber das Saarland kann nicht lügen, oder?“ Seine Prognose über den Film ist dennoch düster: Ein paar Verleiher würden sich den Film anschauen,  deutsche Stars vermissen und dann dankend ablehnen. Sein eventuell ungehörter Rat: „Vertraut auf die Menschen, dann kommt auch was zurück.“

Vertrauen kann das Festival auf seine zurzeit 64 Paten, die es finanziell unterstützen. Einer von ihnen, Dirk Bauer, stand am Samstag stellvertretend auf der Bühne und sagte einen Satz, der fast wie Poesie oder eine Drehbuchzeile klang: „Wenn das Festival vorbei ist, kommt der Frühling.“ Das nächste Festival jedenfalls kommt am 18. Januar 2021.

Jurybegründungen gibt es unter unter www.ffmop.de. Interviews und Kritiken unter www.saarbruecker-zeitung.de