Der Spielfilmwettbewerb des Ophüls-Festivals

Filmfestival Max Ophüls Preis : Die sieben ersten Spielfilme im Wettbewerb im Überblick

16 Filme stehen im Spielfilmwettbewerb, sieben sind am Dienstag erstmals gelaufen. Was fällt auf? Erzählerischer Mut, aber auch übervolle Drehbücher.

Da mögen die Eltern noch so laut „Felicita“ grölen – ihre Tochter ist todunglücklich. Maya will sich umbringen und findet in Prag die Quelle für einen tödlichen Drogenmix. In ihrem Langfilmdebüt „Nothing more perfect“ erzählt Teresa Hoerl (Buch, Regie, Ko-Schnitt) von tiefer Traurigkeit, von Depression und auch davon, wie man mit der Gewissheit umgeht, dass es dem überwiegenden Rest der Welt eigentlich schlechter geht als einem selbst. In Prag, wohin sie mit ihren Eltern gereist ist (als „teure Therapie“, wie der Vater das sieht), sitzt sie neben dem jungen Sev, einem drogendealenden Nihilisten: „Im Endeffekt macht nichts einen Sinn – und das ist geil“, sagt er und dreht noch eine Argumentations-Pirouette: Man solle alles ungehemmt genießen, denn „das sind wir den Leuten in den Slums schuldig, denn die können das nicht“. Maya ist, man versteht es, wenig überzeugt. Als sie in einer Prager Badewanne zum Giftcocktail greift, erklärt sie sich in ihrer (scheinbar) letzten Nachricht.

Von dieser Sinnsuche erzählt der Film berührend und mit Figuren abseits von Karikatur. Die Klassenkameradinnen reden zwar über die „Schande“, mehr als 50 Kilo zu wiegen; oberflächliche Furien sind sie aber nicht, sondern einfach Teenager, gefangen in der medialen Optimierungs-Maschinerie. Die tragikomisch berufsjugendlichen Eltern sind guten Willens, aber schlechte Zuhörer und schon mit sich selbst überfordert. Das Zentrum des Films ist Lillia Herrmann als Maya mit einer zarten, gleichzeitig kraftvollen Darstellung, ohne mimische Psycho-Exzesse. Die lange Szene in der Badewanne, bei der sich Kino- und Handy-Bilder abwechseln, ist herzerweichend, aber nicht sentimental – genau wie der gesamte, sehr sehenswerte Film. (Mittwoch, 22.30 Uhr, CS 3; Donnerstag, 11.30 Uhr, CS 1; Freitag, 14.30 Uhr, CS 5, und 20 Uhr, Thalia Bous; Sonntag, 17.15 Uhr, Filmhaus.)

Lilia Herrmann, Darstellerin in „Nothing more perfect“. Foto: MOP/Manuela Pickart

Den Stillstand kann man riechen: Hier steht die Luft der vergangenen Jahrzehnte, die Tapeten vergilben, auf alten Ausgaben der „Bild“ döst der Staub. „Fellwechselzeit“ ist eine Studie über Isolation, Einsamkeit und auch  schmerzhaft langsam verstreichende – und ist dabei, durchaus ein Kunststück,  selbst nicht langweilig: Die Konsequenz, mit der Sabrina Mertens (Regie, Buch, Ausstattung, Kostüme) ein lange ungelebtes Leben in Tab­leaus, mit langen Szenen, manchmal harten Schnitten, ohne Kamerabewegung nachzeichnet, beeindruckt. Zu Anfang glaubt man an eine sommerliche Idylle, wenn die junge Stephanie (Zelda Espenschied; nach einem Zeitsprung Miriam Schiweck) mit ihrer Mutter (Freya Kreutzkam) ein Brettspiel spielt und der Vater (Bernd Wolf) verkündet: „Kinder, ist das gemütlich.“ Doch der Geduldsfaden des Vaters ist so dünn wie die Belastbarkeit der Mutter minimal. Sie liegt ganze Tage im Bett neben alten Puppen, und wenn Stephanie Spielkameradinnen ins Haus bittet, dann haucht sie: „Das passt jetzt nicht so gut.“ Ist sie länger auf den Beinen, fallen Sätze wie „Ich muss mich jetzt wieder hinlegen“. Es ist ein Haus der Vergangenheit und der Reliquien, die Stephanie zumindest eine winzige Flucht bieten: Sie schaut sich immer gerne die Hinterlassenschaft ihres Großvaters an, der einst Metzger war und neben einem Messer auch ein Bolzenschussgerät hinterlassen hat. Stephanies Mutter pflegt ein anderes Relikt – das alte Gebiss ihrer Mutter, das Stephanie in einer ziemlich verstörenden Szene sexuell zweckendfremdet.

„Fellwechselzeit“ kann polarisieren, vielleicht wird nicht jeder diese Revue der Tristesse goutieren; aber Mertens ist ein sehr souveräner Film über Vernachlässigung und elterliche Überforderung gelungen, der bei allem gruseligen Mief auch einen dunklen Humor besitzt: Im muffigen Haus hängt ein Kalender mit dem sinnigen Spruch „Manche Leute müssen erst zum Mond fliegen, um die Schönheit der Erde zu entdecken.“ Und das Weihnachtsfest mit der „Stille Nacht“ intonierenden Mutter wirkt wie eine Kreuzung aus David Lynch und Loriots „Weihnachten bei den Hoppen­stedts“. Kein Film für den leichten Kino-Abend – aber eine Entdeckung, auch durch die Darstellerin Freya Kreutzkam, die aus der Mutter kein eindimensionales Monstrum des ewigen Abschlaffens macht, sondern ein Opfer der eigenen Biografie, die ihre Tochter zum nächsten Opfer zu machen versucht. (Mittwoch, 14 Uhr, CS 1, und 19.30 Uhr, CS 5; Donnerstag, 21.30 Uhr, Filmhaus; Sonntag, 18 Uhr, CS 2.)

Eine Szene aus „Sekurias“ mit Kathrin Veith. Foto: MOP/Abrakadabra Films

Was denken eigentlich Häuser über ihre Bewohner? Über Generationen sehen sie Menschen ein- und ausgehen, leben, vielleicht sterben. Und wenn über ihnen selbst die Abrissbirne pendelt – was wird aus ihren Erinnerungen? Das fragt sich die Schweizerin Carmen Stadler in ihrem Langfilmdebüt „Sekuritas“, das furios beginnt: mit einer Kamera, die Büroräume und Gänge abfährt, sich um ihre Achse dreht, die Zimmerdecken wie den Boden wirken lässt – und mit einer Stimme aus dem Off. Wir hören die Gedanken eines Bürogebäudes, das demnächst abgerissen werden soll, aber noch einen finalen Wunsch im Betonherzen trägt: in seinen vier Wänden eine letzte Liebesgeschichte zu erleben. Die Chancen stehen gut, denn durch das nächtliche Gebäude wandeln einsame Seelen – eine kernige Wachfrau, die strengen Blickes die Büros abschreitet, eine emotional angeschlagene Sekretärin, ein Koch, ein melancholischer Noch-Chef und ein Putzmann. Sie begegnen sich, ziehen sich an (einmal auch aus), wandeln weiter. Ein märchenhaft  enthobenes Kino bietet „Sekuritas“, mit knappen Dialogen, vielsagenden Blicken, surreal angehauchten Situationen. Bei zwei Stunden Laufzeit kommt es aber auch zu filmischen Ermüdungserscheinungen, ein strafferer Schnitt wäre willkommen. Aber über weite Strecken hat das seinen eigenen, abstrakten Reiz. (Mittwoch, 17 Uhr, CS 3; Freitag, 18 Uhr, Camera Zwo; Sonntag 20 Uhr, CS.)

Eine Szene aus „Paradies“ mit Franziska Machens, Holger Daemgen und Johannes Kühn (v.l.). Foto: MOP/Kunsthochschule für Medien Köln

Der Tod kommt hier nicht mit der Sense – sondern mit dem Klemmbrett. Eine Frau und zwei Männer, in mausgrauen Funktionsanzügen, tuckern im Lieferwagen übers Land, vertreiben sich die Zeit mit „Ich sehe was, das Du nicht siehst“ und müssen immer mal wieder arbeiten: Sie fragen Menschen nach dem Namen, die Angesprochenen fallen zügig tot um, werden in Leichensäcke gehüllt und verschwinden dann nachts. Wohin? Das interessiert das Trio wenig, der Tod ist ihr Außendienst-Job, nicht der Abstransport. Ums Sterben und um den Blick auf das eigene Ende geht es in dem originellen Film „Paradies“ von Immanuel Esser (Regie und Ko-Drehbuch zusammen mit Mathias Sahli und Angelo Wemmje). Der Film erschafft sich seine ganz eigene, hermetische Welt, die an der frischen Luft spielt und wohl in der Zukunft: „Früher haben sie die Leute begraben – im Boden!“, wundert sich das Trio, gespielt von Franziska Machens, Johannes Kühn und Holger Daemgen. So etwas wie Feierabend scheinen die Drei nicht zu kennen (ideale Arbeitnehmer also), doch der Arbeitgeber ihrer sinnig „Styx“ genannten „Wiederverwertungsgesellschaft“ hat plötzlich keine Verwendung mehr für sie. Die Entsorger kommen ins Grübeln. Davon erzählt „Paradies“ in einem entspannten Rhythmus, mit einer ironisch kommentierenden Musik, kargen Dialogen, Vogelzwischer und Bildern (Kamera: Philipp Künzli), die der Natur eine gewisse geometrische Strenge abgewinnt. Das Darstellertrio ist famos als Außendienstler, die sich langsam in eine Welt abseits ihrer eingespielten Arbeitsräume vortasten. (Mittwoch, 11.30, CS 1; Donnerstag, 17.30 Uhr, CS 5; Freitag, 10.30 Uhr, CS 8; Samstag, 16.30 Uhr, Capitol Movie World Saarlouis; Sonntag, 20 Uhr, CS 8.)

Eine Szene aus „For the time being“ mit Pila del Pino. Foto: MOP/Salka Tiziana

Die Hitze flirrt, die Grillen zirpen, Menschen warten. „For the time being“ ist ein Film, den man mutig nennen kann in seinem Desinteresse an klassischer Dramaturgie, an einem Spannungsbogen, an Figuren, die einem nahe kommen. Andererseits: Nicht jeder wird Zugang finden zu dem Langfilmdebüt von Salka Tiziana (Regie, Buch, Schnitt, Casting). Eine Frau ist mit ihren Söhnen unterwegs zu einer Finca, wo sie deren Vater treffen will. Doch er bleibt fern, man wartet, vertreibt sich die Zeit, während die Mutter des absenten Vaters das Haus richtet und deren Tochter auf der Finca arbeitet – das zeigt „For the time being“ in aller Ruhe, filmt in einer Einstellung zwei Minuten aus dem fahrenden Auto heraus, hält dabei die Dialoge knapp; das Ergebnis ist ein gewisses Unbehagen, eine Spannung, die über der verdorrten Landschaft in der Sierra Morena liegt. Ein Funke könnte hier einen Flächenbrand auslösen, ob nun emotional oder buchstäblich. Derweil filmt die Kamera auf einer Drohne von weit oben die (Seelen-)Landschaft, die verdorrt ist, mit einem vertrockneten Stausee – aber immerhin ist der Pool für die Gäste noch gefüllt. Das Wasser hat einige Symbolik, das Bild eines Bootes auf dem Trockenen beginnt und schließt diesen ambitionierten Film. (Mittwoch, 12.45 Uhr, CS 5; Donnerstag, 19 Uhr, Filmhaus; Freitag, 15.15 Uhr, CS3; Sonntag, 13 Uhr, CS2.)

„Julia muss sterben“ mit Michel Diercks, Nellie Thalbach und Sabrina Amali (v.l.). Foto: MOP/Magentafilm

„Sterben ist einfach – Komödie ist schwer“, besagt eine Filmweisheit. So gesehen, nimmt sich „Julia muss sterben“ (eine Ko-Produktion des Saarländischen Rundfunks) viel vor; die Reaktionen auf den Film könnten im weiten Feld zwischen Begeisterung und Irritation liegen. Je nachdem, ob man sich einlässt oder nicht auf diesen bunten Jux  und sein fast durchweg sympathisches Personal – abgesehen von einem öligen Referenten und fremdenfeindlichen Schlägern. Die kann man hier aber lachend im Dauerlauf abhängen, wobei der Oberschläger noch mit dem Gesicht in Farbe landet. Wen das amüsiert, für den ist der Film gemacht. Um die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule geht es, bei der unter anderem die junge Lya (Sabrina Amali) vorsprechen will – nur darf deren Familie, vor Jahren aus dem Irak nach Deutschland geflohen, davon nichts wissen: Schauspieler sind in den Augen der Familie unseriöse „Gaukler“. Clara (Nellie Thalbach) ist ein Hort guter Laune und Lebensratschläge („Wenn man was will, dann schafft man es auch“); die kann der bisexuelle Kasper (Michel Diercks) gut gebrauchen, denn hinter seiner Schnodder-Fassade verbergen sich einige Traumata.

Im harmonieseligen Finale werden lose Ende verknüpft, und (fast) alle Menschen werden Brüder/Schwestern. Das ist als Plot natürlich legitim, aber dem Drehbuch von Marco Gadge geht es oft nur um einen Gag oder einen dramatischen Moment, der wenig Konsequenz hat – etwa wenn Clara Lyas Vater im Rollstuhl den Monolog des Replikanten aus „Blade Runner“ vorspricht und ihm eine Pistole an den Kopf hält, die der Mann für echt hält – und entsprechend Todesangst hat. Sekunden später ist die Situation geklärt, und munter geht es weiter. Allerdings:  Marco Gadges Inszenierung ist besser als sein Drehbuch. Der Film hat Schwung, die Darsteller sind durchweg sehr gut. (Mittwoch, 21 Uhr, Camera Zwo; Donnerstag, 16.30 Uhr, Filmhaus; Freitag, 17.30 Uhr, CS 8; Samstag, 16.30 Uhr, Thalia Bous; Sonntag, 13.30 Uhr, CS 5.)

Der internationale Titel „The accidental rebel“ ist aussagekräftiger als der deutsche „Nur ein Augenblick“, denn der junge Syrer Karim ist tatsächlich so etwas wie ein zufälliger Rebell. Er studiert in Hamburg (der Film spielt 2016), nachdem seine Eltern ihn nach Deutschland geschickt hatten, als die Repressionen des Assad-Regimes immer brutaler wurden. In Hamburg wartet Karim auf seine flüchtende Familie, die auf dem Weg zu ihm ist, seine Freundin Lilly (Emily Cox) ist schwanger – also scheint alles gut, im Rahmen der Möglichkeiten. Doch Bruder Yassir ist im Kampf gegen Assad verschollen. Karim fliegt in die Türkei, um einen Bekannten zu treffen, der mehr wissen könnte, und will danach sofort zurück nach Hamburg. Doch schnell findet er sich mit einer Kalaschnikow in Syrien wieder.

Mehdi Meskar im Film „Nur ein Augenblick“. Foto: Neue Impuls Film/Sören Schulz

In ihrem Kinodebüt verbindet die Regisseurin und Autorin Randa Chahoud Zeitgeschehen mit einer Familien- und einer Liebesgeschichte. Das Konzept geht über weite Strecken auf, der Kontrast zwischen dem beschaulichen Hamburg und dem Krieg im eigentlich nahen, aber doch so fernen, weil verdrängten Syrien schafft einige Spannung; Darsteller Mehdi Mekar als Karim spielt den anfangs etwas Naiven, dann ziemlich Abgehärteten überzeugend. Aber ähnlich wie bei „Julia muss sterben“ muss die Inszenierung über Drehbuchmängel hinweg helfen – manches, was für den Fortgang der Handlung willkommen ist, geschieht sehr zufällig: Ein nicht ausgeschalteter PC etwa liefert die exakte Information, wohin Karim im Finale des Films will. Und just als die einsame Mutter Lilly und Karims bester Freund (Jonas Nay) sich näher kommen, piepst das Handy mit der  Botschaft von Karims Rückkehr. Auch über die konstruiert wirkende Idee, der jungen Mutter noch eine tragische Hintergrundgeschichte mitzugeben, kann man streiten, zumal das arg melodramatische Sätze mit sich bringt. Dennoch: sehenswert. (Mittwoch, 10.15 Uhr, CS 5; Donnerstag, 14.30 Uhr, CS 3; Freitag, 20.30 Uhr, Camera Zwo, Sonntag, 15 Uhr, CS 4.)

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