Wie Putin den Kurort Sotschi neu erfand

Wie Putin den Kurort Sotschi neu erfand

Russland darf endlich selbst Gastgeber von Winterspielen sein. Angefeuert von Präsident Wladimir Putin, plant das größte Land der Erde in Sotschi ein Ringe-Spektakel der Superlative. Dafür ließ der Kreml die Region vollkommen verändern.

Mit seiner riesigen Glasfassade und der Kuppel passt der Bolschoi-Eispalast nicht recht zum eher beschaulichen Kurort Sotschi. In der Halle direkt am Schwarzen Meer will Olympia-Gastgeber Russland bei den Winterspielen endlich wieder Gold im Nationalsport Eishockey gewinnen.

Für Kritiker ist die Wettkampfstätte ein wahr gewordener Alptraum. Teure Spezial-Mehrschichtscheiben müssen wegen der meist milden Temperaturen in der subtropischen Region dafür sorgen, dass es drinnen kühl bleibt. Wohl auch wegen dieser horrenden Kosten bauen die Organisatoren die Halle nach den Spielen zur Radrennbahn um. Die Rohstoff-Großmacht nehme eine ungeheure Energieverschwendung in Kauf, um den Winter an die Schwarzmeerküste zu bringen, kritisieren Umweltschützer. Ähnlich sieht es Oppositions-Politiker Boris Nemzow: "Es ist schwer, einen Ort in Russland zu finden, an dem es nie schneit. Putin hat es geschafft. Und dort macht er Winterspiele."

Der Zauber der 450 000-Einwohner-Region liegt in den klimatischen Gegensätzen: Von den Palmen an der "russischen Riviera" bis zu den Skigebieten in den Bergen sind es nur 50 Kilometer Entfernung. Die Region zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus gehört seit Jahrzehnten zu Russlands beliebtesten Zielen. Hier verbringen Hunderttausende ihre Sommerferien oder reisen zur Kur in eines Thermalbäder. Und jeder Kremlchef verfügte hier über eine Residenz. Doch mit Olympia will Russland auch den Massen-Wintersport - der hier eigentlich keine Tradition hat - in der Region etablieren.

Der Aufwand dafür ist nahezu beispiellos, weil fast die gesamte Infrastruktur neu errichtet wird. Mit Kosten von rund 37,5 Milliarden Euro gelten die Wettkämpfe in Sotschi als die bisher teuersten Winterspiele der Geschichte. Hinter der Glitzerfassade ist aber bei weitem nicht alles so, wie Präsident Wladimir Putin es sich wünscht. Dabei geht es nicht nur um Umweltprobleme - Menschenrechtler beklagen etwa die massive Ausbeutung von Arbeitern aus Zentralasien. Zudem ärgern explodierende Kosten und eine weit verbreitete Korruption viele Einwohner in Sotschi. "Die stecken sich doch das meiste Geld in die eigenen Taschen", sagt etwa der Ingenieur Wladimir Tetjuchin.

In Prospekten und Filmen wirbt Sotschi mit Urlaubern, die unter Palmen flanieren. Bei einem Treffen mit IOC-Chef Thomas Bach gibt Putin jedoch eine Garantie für "weiße Spiele". Sollte es nicht genügend schneien, könnten Zehntausende Kubikmeter Schnee verteilt werden, die Russland seit Monaten als Reserve lagere, sagt er. Zudem stünden Hunderte Schneekanonen bereit.

Als Beispiel dient Kritikern auch der neue Olympia-Bahnhof. Moderne Schnellzüge aus deutscher Produktion bringen Sportfans und Skitouristen zu den Spielen. "Dieser Bahnhof ist strategisch wichtig für die Entwicklung der ganzen Region", betonte Putin bei der Eröffnung. Das russische Staatsfernsehen übertrug live, wie Putin das milliardenteure Projekt Bach vor kurzem präsentierte.

Während der Wettkämpfe soll der Bahnhof auch rund 15 000 Passagieren pro Stunde einen schnellen Transfer zwischen Flughafen und Sportstätten ermöglichen. "Ich bin überzeugt, dass die Spiele in Sotschi ein hohes Niveau haben werden", sagt Bach. Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew vergleicht Olympia 2014 aber eher mit dem Bau von St. Petersburg im 18. Jahrhundert. Die einstige Zaren-Metropole wurde mit gigantischem Aufwand, hohen Kosten und vielen Opfern einem Sumpfgebiet abgetrotzt. So schließe sich der "Kreis der russischen Geschichte", schreibt der Autor in einem Essay: Die heutigen Machthaber im Kreml hätten beschlossen, "ihr" St. Petersburg neu zu erschaffen. Am Schwarzen Meer. In Sotschi.Klassische Musik und Profi-Sport - passt das zusammen? Na klar, findet Vanessa Mae. Die weltbekannte Geigerin wird bei den Winterspielen ihre Abendrobe gegen einen Skianzug tauschen. Im russischen Sotschi tritt die 35-Jährige im Slalom für Thailand, der Heimat ihres Vaters, an.

Sonst lässt die zierliche Musikerin, die in London aufwuchs, ihre Hände über die Saiten einer Geige gleiten. Dass Mae mit ein paar Skistöcken einen Abhang hinunter rast, ist schwer vorstellbar. Tatsächlich passiert es selten, dass prominente Musiker oder Schauspieler an Olympia oder an Weltmeisterschaften teilnehmen.

Costa Cordalis zählt zu diesen Raritäten. Der Schlagerstar war mit seinem Hit "Anita" schon lange bekannt, als er 1985 bei den Ski-Weltmeisterschaften in Seefeld (Tirol) teilnahm. Im 30-Kilometer-Langlauf fuhr er als 75. durchs Ziel - und belegte den letzten Platz. Mit dem Sport hatte er angeblich 13 Jahre zuvor wegen einer Filmrolle begonnen.

Unter der royalen Prominenz kommen sportliche Karrieren schon häufiger vor. Fürst Albert von Monaco fuhr bei mehreren Olympischen Winterspielen im Bob. Die britische Prinzessin Anne, Tochter von Queen Elisabeth, trat in den 70er Jahren im Reiten an. Außerdem scheint Segeln unter den Hoheiten ziemlich beliebt zu sein. In dieser Sportart machten sich zum Beispiel König Juan Carlos von Spanien und Prinz Frederik von Dänemark einen Namen.

Zwischen den royalen Sportlern und Geigen-Star Mae gibt es allerdings einen großen Unterschied: Die Musikerin setzt mit ihren Olympia-Ambitionen ihren Job aufs Spiel. Wenn sie sich an den Händen verletzt, kann die 35-Jährige vielleicht nie wieder Geige spielen. Schwer vorstellbar, dass etwa Prinzessin Anne mit gebrochenem Fuß nicht mehr Prinzessin hätte sein können.

Mae ist sich der Gefahr bewusst. "Natürlich besteht das Risiko, dass ich mir etwas breche", sagte sie kürzlich der BBC: "Aber das Leben ist kurz, und man muss alles mitnehmen." Für die Olympia-Qualifikation habe sie sich ein Jahr Auszeit genommen und sich nur noch aufs Ski-Training konzentriert, berichtet der Sender.

Trotz des Engagements: Die Musikerin verdankt ihre Teilnahme in Sotschi einer Art Quotenregel. Auf der Weltrangliste belegt sie momentan Platz 3166 - eigentlich viel zu schlecht für Olympische Spiele. Aber: Das Olympische Komitee will möglichst viele Nationen bei den Spielen dabei haben - und Mae startet für den Ski-Exoten Thailand. Deshalb musste die Musikerin nur bei ein paar offiziellen Rennen antreten und dabei eine bestimmte Punktzahl unterschreiten. Das hat sie haarscharf geschafft.

Ein erfolgloser Olympia-Bewerber ist übrigens Stefan Raab. 2002 beantragte der Moderator sogar die moldawische Staatsbürgerschaft, um in Salt Lake City als Langläufer an den Start gehen zu können. Angeblich hatte er einen vorläufigen Pass in der Tasche - dann setzte ihn das Moldawische Olympische Komitee aber nicht auf die Nominiertenliste. Raab gab sich damals kämpferisch. "Als Sportler gebe ich mich nicht geschlagen", ließ er mitteilen: "Das sind ja nicht die letzten Olympischen Spiele in diesem Jahrzehnt." Zumindest war es bisher seine letzte Olympia-Bewerbung.

Vanessa Mae.
Costa Cordalis.
Stefan Raab.
Winterspiele der Gegensätze: Das linke Bild zeigt einen Blick auf die Skisprung-Anlage „RusSki Gorki“ in Krasnaja Poljana – etwa 50 Kilometer entfernt von Sotschi, wo zeitgleich russische Polizisten die Sportstätten an der von Palmen gesäumten Schwarzmeerküste überwachen (rechts). Fotos: Ilnitsky/dpa.

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HintergrundIm Olympia-Park von Sotschi hat Gastgeber Russland die Wettkampfstätten für die Olympischen Winterspiele vereint. Fisht Olympiastadion: In dem 63,5 Millionen US-Dollar teuren und 40 000 Zuschauer fassenden Stadion finden die Eröffnungs- und die Schlussfeier statt.Bolschoi-Eispalast: 300 Millionen Dollar soll die Multifunktions-Arena gekostet haben. Sie bietet 12 000 Zuschauern Platz und ist Bühne der Eishockey-Stars. Schaiba-Eisarena: Die 35,5 Millionen Dollar teure Halle für 7000 Zuschauer ist ebenfalls für Eishockey konzipiert.Ice Cube Curling Center: Die Halle beheimatet die Curling-Spezialisten und kostete 14 Millionen Dollar. 3000 Zuschauer finden hier Platz.Eisberg Eislaufpalast: Die Eiskunstlauf- und Short-Track-Halle kostete 43,9 Millionen Dollar. Sie ist auf 12 000 Zuschauer ausgerichtet.Adler Arena: In der 32,8 Millionen Euro teuren Halle werden die Eisschnelllauf-Wettbewerbe vor 8000 Leuten ausgetragen. Die Schnee-, Bob- und Rodelwettbewerbe finden rund um das Gebirgsdorf Krasnaja Poljana, etwa 60 Kilometer von Sotschi entfernt, statt. jeb

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