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Der beste Linkshänder der WeltJennifer Oeser schockt sich selbst Carolin Nytra und Ralf Bartels freuen sich über Bronze

Der beste Linkshänder der WeltJennifer Oeser schockt sich selbst Carolin Nytra und Ralf Bartels freuen sich über Bronze

Barcelona. Der Mann, den sie "Zorro" nennen, ist ein sehr ruhiger Mensch. Sein Trainer Boris Henry (Foto: SZ) beschreibt ihn als jemanden, dem er "die Würmer aus der Nase ziehen" muss. Nicht aber an diesem Abend. Da sprudeln die Worte aus Matthias de Zordo heraus. Vor allem eins: "Draufdreschen." Das sagt er gern. Das macht er gern

Barcelona. Der Mann, den sie "Zorro" nennen, ist ein sehr ruhiger Mensch. Sein Trainer Boris Henry (Foto: SZ) beschreibt ihn als jemanden, dem er "die Würmer aus der Nase ziehen" muss. Nicht aber an diesem Abend. Da sprudeln die Worte aus Matthias de Zordo heraus. Vor allem eins: "Draufdreschen." Das sagt er gern. Das macht er gern. Und im Speerwurffinale der Leichtathletik-EM hat er es am Samstag so gut gemacht wie nie zuvor.Das Resultat: 87,81 Meter, Bestleistung, Silber bei der EM. Und inoffizieller Weltrekord - denn kein Linkshänder hat den Speer jemals so weit geworfen wie de Zordo. Völlig überraschend. So überraschend, dass es jetzt Bundestrainer Boris Henry ist, dem die Worte fehlen. Er kann kaum glauben, dass der Mann vom SV schlau.com Saar 05 Saarbrücken seine Bestleistung tatsächlich ausgerechnet im EM-Finale um knapp dreieinhalb Meter steigerte. Als seine Sprachlosigkeit nachlässt, sagt Henry: "Das war ein Wettkampf, den ich so nie auf der Rechnung hatte, das war überirdisch."Eigentlich sei das Ziel gewesen, unter die besten Acht zu kommen. Schließlich plane man langfristig. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London, da sollte der 22-Jährige bei Weiten wie dieser angekommen sein. Doch dann war schon im Olympiastadion von Barcelona nur der Norweger Andreas Thorkildsen für de Zordo nicht zu schlagen. In einem hochspannenden Wettkampf kam der Olympiasieger auf 88,37 Meter. Ex-Weltmeister Tero Pitkämäki aus Finnland wurde mit 86,81 Metern Dritter.Matthias de Zordo hatte seinen Speer schon im ersten Versuch weiter fliegen lassen als jemals zuvor in seiner Karriere: 86,22 Meter. "Ich habe es nie geschafft, den anderen mal einen im ersten Durchgang vorzusetzen", erzählt Henry. Er selbst war als Speerwerfer 1995 und 2003 WM-Dritter geworden. "Wenn man das kann, ist man ein Großer."Dass Thorklidsen seinen ersten Versuch um zehn Zentimeter und seinen Sensationswurf um 56 Zentimeter überbot, fand de Zordo nicht weiter schlimm. "Gegen Andreas Thorkildsen zu verlieren, ist ja keine Schande." Zumal, wenn einem selbst drei Topwürfe gelungen sind. Mit 87,06 Metern blieb de Zordo auch im dritten Versuch über seiner ehemaligen Bestmarke. Von einem Glückswurf kann also nicht die Rede sein.Bis er 18 Jahre alt war, spielte de Zordo neben der Leichtathletik Handball beim HTC Bad Kreuznach. Da hat er sich einen Schliff seines linken Wurfarmes geholt. Seit 2007 trainiert der Sportsoldat bei Boris Henry, der ihn auf Anhieb zum U-20-Europameister machte. "Viele sagen, ich hätte einen besonders langen Beschleunigungsweg und einen sehr schnellen Arm", sagt de Zordo. Er zuckt die Schultern. Er hat simplere Worte dafür gefunden: "Einfach vorn hinrennen, rechtes Bein stehen lassen - und draufdreschen."Nur drei Deutsche warfen bislang weiter als de Zordo. Raymond Hecht, der Halter des deutschen Rekords (92,60 Meter), Boris Henry (90,44) und Peter Blank (88,70). Dass Matthias de Zordo eines Tages an diesem Trio vorbeiziehen wird, davon ist sein Trainer jetzt überzeugt. Boris Henry wagt sogar einen verwegen anmutenden Vergleich mit dem Tschechen Jan Zelezny, der dreimal Olympiasieger und dreimal Weltmeister wurde und seit 1996 mit 98,48 Metern den Weltrekord hält. "Matthias hat ein von Gott gegebenes Talent", sagt Henry. Er könne mit seinem Körper einen Spannungsbogen aufbauen wie kaum ein anderer. Also traut Boris Henry ihm zu, eines Tages den Weltrekord zu knacken? "Warum nicht", sagt der "Bär aus dem Warndt", "nach heute traue ich ihm alles zu."Barcelona. Als sich ihre erste Enttäuschung gelegt hatte, nahm Carolin Nytra (Foto: dpa) eine deutsche Fahne, startete eine Ehrenrunde und lief hinter der türkischen Überraschungssiegerin Nevin Yanit her. "Nach ein paar Metern war mir klar, dass ich eine absolute Hammersaison mit dieser Medaille gekrönt habe", sagte die Bremerin. Sie war im 100-Meter-Hürden-Finale der Leichtathletik-EM Dritte hinter Yanit (12,63 Sekunden) und der Irin Derval O'Rourke (12,65) geworden.Zunächst hatte Nytra (12,68) nicht ganz gewusst, ob sie sich darüber ärgern oder freuen sollte. Als Europas Zeitschnellste 2010 war sie eigentlich als Favoritin in dieses Rennen gegangen. Für einen Moment lag Nytra nach dem Finale enttäuscht auf der Laufbahn. Am Ende des Samstagabends sagte die 25-Jährige aber stolz: "Es ist eine Medaille, von daher bin ich zufrieden."Zufrieden war auch Kugelstoßer Ralf Bartels (Foto: dpa). Mit seinem letzten Versuch sicherte er sich in einem spannenden Wettbewerb die Bronzemedaille. Fast den gesamten Wettkampf über hatte der Titelverteidiger am Samstagabend zwischen den Plätzen vier und sechs hin- und hergependelt. Dann verbesserte er sich mit 20,93 Metern doch noch auf den dritten Platz hinter dem neuen Europameister Andrei Miknewitsch aus Weißrussland (21,01) und Olympiasieger Tomasz Majewski aus Polen (21,00). "Ich habe eben von hinten raus in den Wettkampf gefunden", sagte der 32-Jährige. "Ich bin als Fünfter der europäischen Bestenliste angereist, von daher ist es voll okay." Der Neubrandenburger hat nun je zwei Bronzemedaillen bei Welt- und Europameisterschaften gewonnen.Der ehemalige Junioren-Weltmeister David Storl belegte mit 20,57 Metern Rang fünf. "Ich bin voll und ganz zufrieden", sagte der 20 Jahre alte Chemnitzer, dem viele eine große Zukunft voraussagen. dpaBarcelona. Auch auf Wolke sieben kann die Luft dünn werden. "Die Punktzahl ist utopisch", sagte Siebenkämpferin Jennifer Oeser atemlos nach ihrem Bronze-Gewinn. Mit der persönlichen Bestleistung von 6683 Punkten hat sich die 26 Jahre alte Leverkusenerin in Schock versetzt. "Im Hinterkopf hatte ich 6500 Punkte", sagte sie ungläubig. Seit Sabine Brauns WM-Sieg 1991 hat keine deutsche Mehrkämpferin mehr Punkte sammeln können. "Vor ein paar Jahren habe ich nicht gedacht, in solche Bereiche vorstoßen zu können", sagte Oeser. Nur 24 Frauen auf der Welt waren jemals besser. Für den Leistungssprung um 190 Punkte gab es für die Polizeiobermeisterin zuvor keine Indizien: "Ich weiß es nicht. Es ist vielleicht eine Mischung aus gutem Training und einer gewissen Lockerheit." Diese Lockerheit hat sie durch die Silbermedaille bei der Heim-WM 2009 in Berlin gewonnen. "Da habe ich mehr erreicht, als ich mir jemals erträumt habe", sagte die 1,76 Meter große Athletin, die damals trotz eines Sturzes über 800 Meter noch Zweite wurde. Mit ihren 6683 Zählern wäre sie seit Einführung des Siebenkampfes bei der EM 1982 viermal Europameisterin geworden. Nicht in Barcelona, wo die Britin Jessica Ennis mit neuer Weltjahresbestleistung von 6823 Punkten vor Natalia Dobrynska (Ukraine/6778) gewann. In vier Disziplinen war Oeser besser als je zuvor: Über 100 Meter Hürden steigerte sie sich mit 13,37 Sekunden um sechs Hundertstelsekunden. Von 24,30 auf 24,07 Sekunden drückte sie ihre Zeit über 200 Meter. Auch der Speer flog mit 49,17 Metern weiter als zuvor.Besonders stolz ist sie jedoch über die 6,68 Meter im Weitsprung - eine Steigerung um 13 Zentimeter. "Mit der Weite wäre ich sogar bei den Spezialisten ins Finale gekommen", stellte Oeser ungläubig fest. Über die zwei Stadionrunden und im Speerwurf sieht sie noch Punkte-Potenzial. Und sie weiß auch, wann sie dieses Potenzial abrufen will: "Für Olympia 2012 werde ich ranklotzen." dpa