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„Was ist das, eine Jüdin? Ich verstand es nicht“

„Was ist das, eine Jüdin? Ich verstand es nicht“

Landtagspräsident Hans Ley (CDU) hat gestern bei einer Gedenkfeier des Landtags in Saarbrücken gemahnt, die Erinnerung an die NS-Verbrechen wach zu halten. Die Jüdin Inge Deutschkron war als Zeitzeugin Ehrengast.

. Inge Deutschkron, 91, wirkt zerbrechlich, wie sie da allein am Tisch auf der Saal-Bühne des Hotels Mercure sitzt und etwa 250 gebannt lauschenden Zuhörern erzählt, wie es war für sie als Mädchen und junge Frau in der Zeit des NS-Terrors in Berlin von 1933 bis 1945. "Als die Braunhemden unter dem Jubel der Berliner am Abend des 30. Januar 1933 mit Fackeln durch das Brandenburger Tor marschierten, haben sie gesungen: Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht es uns noch mal so gut", berichtete Deutschkron, die das alles als Zehnjährige mit ansah.

In der Schule sei sie ab dem Tag angefeindet worden. "Lass' dir nichts gefallen", habe ihr die Mutter gesagt, "wenn sie dich angreifen, wehr' dich." Das sei ein Satz gewesen, den sie ihr Leben lang beherzigt habe. "Doch was ist das, eine Jüdin? Ich verstand es nicht", so Inge Deutschkron, die im vergangenen Jahr noch vor dem Bundestag die Rede anlässlich des Auschwitz-Gedenktages am 27. Januar gehalten hatte.

Diesmal war sie auf Einladung des Landtagspräsidenten Hans Ley (CDU) und des Chefs der Landeszentrale für politische Bildung, Burkhard Jellonnek, Ehrengast der Gedenkveranstaltung im Hotel Mercure, das in den 1960er Jahren an der Stelle errichtet worden war, wo sich der Frauentrakt des Gestapo-Lagers Neue Bremm befunden hatte. Deutschkron sagte, ihre Eltern seien nicht religiös, sondern Sozialisten gewesen, denen es um die Gleichheit über alle Rassenschranken hinweg gegangen sei. Mit Hitlers Machtergreifung sei die Angst in ihr Leben eingekehrt. Ihr Vater verlor als Jude alsbald seine Lehrerstelle, er konnte noch rechtzeitig vor dem deutschen Überfall auf Polen 1939 nach England fliehen. Inge und ihre Mutter schafften es nicht mehr, überlebten jedoch mit Hilfe mutiger Freunde in Berlin zweieinhalb Jahre in einem Versteck die Massenverhaftungen der letzten Juden und deren Deportation in die Vernichtungs-KZ. Sie habe gesehen, wie die blinden Juden aus der Bürstenfabrik Otto Weidts abgeholt wurden, und Senioren, die an ihren Mänteln noch die Eisernen Kreuze aus dem Ersten Weltkrieg trugen. "Ich hatte überlebt, alle anderen nicht", beschrieb Deutschkron ihr Gefühl 1946. Sie erkannte, dass sie nun den Auftrag hatte, "die Wahrheit lückenlos, präzise und emotionslos aufzuschreiben".

Ley sagte, auch im Saarland gelte es, die Erinnerung an NS-Verbrechen wach zu halten. Bei der Begrüßung der Honoratioren vergaß er, sechs Kinder von Holocaust-Opfern zu nennen, die im Saal waren, und ebenso Abgesandte der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten (VVN/BdA) zu begrüßen, wie Saar-VVN-Vorstand Horst Bernard kopfschüttelnd der SZ sagte.