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„Die Ehe bleibt bestimmend“

Die Superintendenten Christian Weyer (l.) und Gerhard Koepke vor der Saarbrücker Ludwigskirche. Weyer steht dem Kirchenkreis Saar-West mit 88 000 Gemeindegliedern vor. Koepke leitet den Kirchenkreis Saar-Ost mit 58 000 Seelen. Beide Kirchenkreise sind Teil der Rheinischen Landeskirche. Die Mehrzahl der evangelischen Christen im Saarland gehören ihr an. Foto: Oliver Dietze
Die Superintendenten Christian Weyer (l.) und Gerhard Koepke vor der Saarbrücker Ludwigskirche. Weyer steht dem Kirchenkreis Saar-West mit 88 000 Gemeindegliedern vor. Koepke leitet den Kirchenkreis Saar-Ost mit 58 000 Seelen. Beide Kirchenkreise sind Teil der Rheinischen Landeskirche. Die Mehrzahl der evangelischen Christen im Saarland gehören ihr an. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Kein anderes Papier hat in den vergangenen Jahren so für Debatten in der evangelischen Kirche gesorgt wie die Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. In der Kritik ist vor allem das darin vermittelte Familienbild (siehe „Hintergrund“). Wie aber kommt die umstrittene Schrift bei den evangelischen Christen im Saarland an? Gerhard Koepke, Superintendent des Kirchenkreises Saar-Ost, und Christian Weyer, sein Amtskollege im Kirchenkreis Saar-West, sprachen darüber mit SZ-Redakteur Oliver Schwambach. oli

Herr Weyer, Herr Koepke, gab es in Ihren beiden Kirchenkreisen schon Austritte wegen der "Orientierungshilfe"?

Koepke: Ich wüsste nicht, dass es Austritte gab. Es gab Protest, allerdings relativ verhalten. Ich weiß von zwei oder drei Reaktionen. Eine war sehr massiv.

Weyer: Ich habe ein wütendes Schreiben erhalten, das ich zuständigkeitshalber an die Kanzlei des Ratsvorsitzenden weitergeleitet habe.

Was kritisiert das Kirchenvolk an der Schrift?

Koepke: Dass die Kirche traditionelle Standpunkte verlasse. Sie gebe die Institution Ehe auf. Das Thema Homosexualität kam bei den Reaktionen nur unterschwellig zur Sprache.

Also hält sich der Protest in Grenzen?

Weyer: Hier vor Ort auf jeden Fall, aber man muss ja nur die Presse studieren und das Internet anschauen. Da geht es schon kräftig zur Sache.

Wie beurteilen Sie persönlich diese Schrift? Ist sie einfach nur eine Beschreibung des Ist-Zustandes unserer Gesellschaft oder ist sie revolutionär?

Koepke: Sie hat überhaupt nichts Revolutionäres. Diese Themen haben wir in der Evangelischen Kirche im Rheinland schon vor zehn Jahren diskutiert.

Weyer: Es ist ja auch keine theologische Schrift, es ist ein sozialpolitisches Papier. Es geht um Familien, um Bildung und nur am Rande um die Definition von Ehe und Partnerschaft. Ich sehe das Papier als Beschreibung von gesellschaftlicher Realität.

Als Superintendenten gehören Sie zum Mittelbau der evangelischen Kirche: Wurde der bei der Erstellung der Schrift überhaupt gehört?

Weyer: Das Papier ist von der EKD ohne Vorankündigung veröffentlicht worden. Und das hat auch zu Irritationen geführt unter leitenden Geistlichen. Ich habe mir das Papier aus dem Internet heruntergeladen. Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet. Aber man muss auch wissen, dass das Papier in der evangelischen Kirche lediglich eine Diskussionsgrundlage ist.

Viele Leute haben offenbar das Gefühl, dass die evangelische Kirche eine Bastion unserer Gesellschaft schleift, wenn sie die Ehe als Keimzelle der Gesellschaft einfach so neben andere Lebenspartnerschaften stellt.

Koepke: Das ist ein Missverständnis, das steht nirgendwo in diesem Papier. Die Ehe bleibt bestimmend, aber es gibt eben auch andere Formen, und die verlangen auch ihr Recht.

Weyer: Der Familienbegriff hat sich verändert. Familie bedeutet, dass Generationen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen. Und diese Dauerhaftigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ist wichtig. Was wir keineswegs wollen, ist Familie, so wie es einem gerade gefällt.

Aber wenn man liest, wie viele Modelle von Zusammenleben in dieser Schrift aufgeführt werden, wirkt das beliebig.

Weyer: Da gebe ich Ihnen Recht. Das ist ein Schwachpunkt des Papiers, dass es nicht klar genug eine Leitvorstellung formuliert.

Bekräftigt die Schrift nicht den Eindruck, den viele von der evangelischen Kirche haben: Sie mache es sich zu leicht und überlasse letztlich dem Einzelnen, wie er sich zu einer Frage stellt, während die katholische Kirche Prinzipien hat?

Koepke: Das ist überhaupt nicht leicht, das ist schwer, für den Einzelnen seinen Standpunkt zu finden. Evangelische Christen sind an ihr Gewissen gebunden.

Von katholischer Seite hieß es, wenn die Orientierungshilfe zur Lehrmeinung der EKD werde, werde die ökumenische Zusammenarbeit weiter abkühlen.

Weyer: Ich sehe da in der Tat Probleme, weil mir katholische Kollegen sagen: "Wenn das so kommt, wird es schwierig". Andererseits stellt sich mir die Frage, ob die katholische Kirche auf Dauer mit dem Familienbild, das sie vertritt, in der Gesellschaft bestehen kann. Was machen sie denn mit all den Geschiedenen? Warum dürfen sie, wenn sie wieder heiraten, nicht am Abendmahl teilnehmen? Warum sind Geschiedene als Arbeitnehmer in der katholischen Kirche nicht erwünscht? Ist das etwa barmherzig?

Wie halten Sie es denn als Pfarrer mit der Formel: "Bis das der Tod Euch scheidet"?

Weyer: Ich kämpfe in jedem Traugespräch um diesen Satz. Der ist mir ungeheuer wichtig.

Dann sind Sie an der Stelle konservativer, als es das Papier ist?

Weyer: Ja, das stimmt. Diese Unverbrüchlichkeit der Ehe, das hätte man deutlich reinschreiben müssen. Auch wenn wir, genauso wie Jesus, das Scheitern von Menschen einkalkulieren und dann eben nicht mit Steinen werfen.

Koepke: Wenn das konservativ ist, dann bin ich es auch. In den 80er Jahren habe ich Paare erlebt, die fragten, ob man diesen Satz weglässt, aber heute kommt das nicht mehr vor. Die Paare wollen diesen Satz.

Weyer: Die Leute haben überhaupt nichts gegen solche Formulierungen. Das Kirchenvolk ist oft konservativer als die Oberen.

Zum Thema:

HintergrundMit der im Juni präsentierten Schrift "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken" hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Protestwelle ausgelöst. Das Papier widmet sich allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen, stellt aber auch ein moderneres Familienbild vor. Neben traditionellen Ehen würdigt die EKD ausdrücklich darin auch homosexuelle Partnerschaften und Patchwork-Familien. Das Papier, das von einer Kommission der EKD erarbeitet wurde, gilt jedoch nicht als theologische Lehrmeinung, sondern lediglich als Diskussionsgrundlage. oli