| 20:12 Uhr

Premiere im Theater im Viertel
Neues wie immer: Sigi Beckers Gedankenmusik

 Sigi  Becker präsentierte sein neues Programm.
Sigi  Becker präsentierte sein neues Programm. FOTO: Kerstin Kra§mer
Saarbrücken. Von Oliver Sandmeyer

Dass Sigi Beckers musikalische Reise im Zuge der Protestbewegung der 68-Generation begann, ist auch heute noch klar erkennbar. Sein Œvre atmet das Echo der damals erlangten Haltung, besser gesagt Anti-Haltung. Mit seinem neuem Programm „Zwischenhausen“ gastierte er jetzt im Saarbrücker Theater im Viertel am Landwehrplatz. Vor annähernd vollem Haus präsentierte sich der Chansonier gemeinsam mit seinem künstlerischen Langzeit-Companion KH Heydecke.


Das Aufbegehren, das kritische Hinschauen, das Becker eigen ist, zeigt sich bereits im Auftakt des Abends: Becker, der auch seit Jahren Lieder ins Deutsche übersetzt, berührt mit einem Lied des 1942 im Krakauer Ghetto erschossenen polnisch-jüdischen Poeten Mordechai Gebirtig. Und auch die weiteren Übertragungen anderer Künstler, wie „Die Geschichte von Isaak“ (im Original von Leonard Cohen), das sich gegen das Verheizen der eigenen Kinder in einem sinnlosen Krieg ausspricht, sind alles andere als seichte Unterhaltungsmusik.

Das Paar Becker/Heydecke spielt sich dabei fein aufeinander abgestimmt durch das Set. Vor allem Multiinstrumentalist Heydecke wechselt immer wieder zwischen Gitarre, Geige und Mandoline hin und her – oft auch innerhalb eines Liedes, wobei er das Publikum ein ums andere Mal mit einem theatralischen Stoßseufzer ob dieser vielen Wechsel, zu belustigen weiß.



Sein Spiel bereichert dabei kongenial die Rhythmusgitarre Beckers: Heydeckes Soli verkommen nie zu reinen Fingerübungen. Mit durchdachten Melodiebögen und lautmalerischen Verrücktheiten – zu bestaunen bei „Küsst die Faschisten“ – addiert der Musiker eine besondere Facette zu Beckers Kompositionen.

Textlich arbeitet sich Becker an den Themen des Anti-Establishments ab, zum Teil bis zur Ermüdung: Hedonismus-Thematik – Häkchen dran. Ein Lied wider das Hamsterrad der Arbeitswelt, das Thema Selbstoptimierung sowie der Rechtsruck in Europa – auch abgehakt. Das Publikum hängt dabei an seinen Lippen, ist begeistert. Sigi Beckers Texte und Übertragungen zeugen stets von einem feinen Sprachgefühl und breitgefächerter Belesenheit. Und in politisch unruhigen Zeiten, ist so etwas – allen Ermüdungstendenzen zum Trotz – von großem Wert.
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