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Ausstellung
Von Gelatinebetten und Leuchtplankton

Thilo Seidel und Birte Spreuer stellen gemeinsam mit Lucie Sahner (nicht im Bild) ihre Werke in der Stadtgalerie Saarbrücken aus.
Thilo Seidel und Birte Spreuer stellen gemeinsam mit Lucie Sahner (nicht im Bild) ihre Werke in der Stadtgalerie Saarbrücken aus. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Die Stadtgalerie in Saarbrücken zeigt eine neue „Statements“-Ausstellung mit ungewöhnlichen Einblicken. Von Isabell Nina Schirra

Was Gelatine, biolumineszierender Plankton und Pornobilder in einer Kunstgalerie zu suchen haben, darf man sich zu Recht fragen. Dabei steckt hinter der Stadtgalerie-Ausstellung von Lucie Sahner, Thilo Seidel und Birte Spreuer, die den unmissverständlichen Namen „Tender kissing that leads to some rough ass fucking stuff“ trägt, ein ganz besonderes Konzept.


Die drei Absolventen der Hochschule der Bildenden Künste Saar kennen sich schon länger: Lucie Sahner und Birte Spreuer sind seit fast 20 Jahren befreundet, Thilo Seidel lernten sie während des Studiums kennen. Untereinander gab es Zusammenarbeiten, gemeinsame Ausstellungen. Durch diese Projekte haben die Drei „viele intensive Stunden miteinander verbracht“, wie Thilo Seidel sagt. Aus dieser „emotionsoffenen“, so Seidel, Verbindung heraus begannen die drei sich mit einem Thema auseinander zu setzen, über das „gerade in gemischten Gruppen nicht unbedingt gesprochen wird“, erklärt Birte Spreuer: Intimität. Die Drei recherchierten, diskutierten, hörten in sich selbst hinein.

Zu Beginn des Jahres kam dann die Ausschreibung zur „Statements“-
Ausstellungsreihe, einer Kooperation der HBK Saar mit der Stadtgalerie Saarbrücken, mit der Absolventen der HBK Saar eine Möglichkeit bekommen sollen, ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. „Wir dachten uns: Warum bewerben wir uns nicht einfach mit dem Thema, mit dem wir uns sowieso schon beschäftigen?“, erzählt Seidel. Mit ihrem Intimitäts-Konzept setzten sich die drei gegen sieben weitere Bewerbungen durch. In der Umsetzung ihres Konzeptes näherten sich die drei dann dem Thema Intimität aus verschiedenen Blickwinkeln. Für Thilo Seidel ging es um Sexualität. In seiner Recherche stellte sich der Fotograf die Frage „Wie machen das noch mehr Menschen?“ – und durchforstete Homemade-Porno-Communitys. Dabei ging es ihm um einen ästhetischen Blickwinkel. „Da lädt jemand 50 Bilder von einer Gang-Bang-Orgie hoch und da ist dann zufällig eines dabei, das super aussieht“, erzählt er. Diese Fundstücke wurden dann ausgedruckt, gerahmt und erhielten so eine Wertigkeit. Daneben: Eigene Aufnahmen vom Wald, der hier als Metapher für unbekanntes Terrain und einen suchenden Gedanken dient. Aber auch als „kontemplativer Ruhepol“ zu den oft verstörenden Pornobildern. Für Birte Spreuer ging es um Grenzüberschreitungen: „Wie kann man mit jemandem intim sein, wenn man sich nicht selbst spürt? Was passiert, wenn ich nicht hier bin – mich nicht spüre, mich nicht abgrenze und es dadurch zu einer Grenzüberschreitung kommt?“ Neben einer theoretischen Arbeit hat sie selbst biolumineszierenden Plankton gezüchtet. „Ein ideales Material“, wie sie sagt. Das Plankton leuchtet, wenn man es berührt. Sieht schön aus.



Lucie Sahner beschäftigte sich mit dem vereinnahmenden Aspekt von Intimität. „Spätestens beim umgangssprachlichen Satz „Ich hab’ dich zum Fressen gern“ wird der Akt des Essens und der Einverleibung in Zusammenhang mit starker Liebe gestellt“, sagt sie. Auch deswegen hat sie ein Bett, „Ort der gedanklichen Einkehr, aber auch des sexuellen Exzesses“, aus einem organischen, fast fleischartigen Material gegossen: Gelatine. Es lädt zum Anfassen ein – wenn auch mit einem gewissen Widerwillen verbunden. Für solchen Phänomene haben sich die Drei ein Kunstwort einfallen lassen: „Errekel“.

Die Ausstellung der Hochschulabsolventen ist bis einschließlich Sonntag, 13. Januar, 2019 in der Stadtgalerie in Saarbrücken zu sehen.