Auto-Krise als Chance für das Saarland

Dialog in Berlin : Auto-Krise als Chance für das Saarland

Beim Automobil-Dialog in der Landesvertretung in Berlin macht Ford-Chef Gunnar Herrmann Hoffnung für den Saar-Standort in Saarlouis.

Schwere Schatten liegen über der deutschen Autoindustrie, über der des Saarlandes besonders. 44 000 Arbeitsplätze sind hierzulande direkt von der Branche abhängig, einige Tausend davon bei Ford. In der Landesvertretung in Berlin diskutierte am Mittwochabend eine hochrangige Runde beim „Automobildialog“ über die Frage: „Geplanter Wandel oder Planwirtschaft?“

Gekommen waren Bundesaußenminister Heiko Maas (mit Dreitagebart), Wirtschaftsminister Peter Altmaier (stark verspätet), Saar-Ministerpräsident Tobias Hans und Ford-Chef Gunnar Herrmann. Im Publikum saß unter anderem die frühere Grünen-Vorsitzende Simone Peter. Wäre auch noch Annegret Kramp-Karrenbauer da gewesen, dann hätte man die komplette bundespolitische Macht des kleinsten Flächenlandes vor sich gehabt. SZ-Chefredakteur Peter Stefan Herbst moderierte.

Planwirtschaft wollte keiner der Beteiligten, aber dass es äußerst ernst ist, wurde sofort klar. Da ist zum Beispiel der Brexit, der speziell für Ford ein Riesenproblem ist. „Wenn Großbritannien die Türen zumacht, bricht einer der größten Märkte für uns über Nacht zusammen“, sagte Ford-Chef Herrmann. Allerdings, bei diesem Thema kann Deutschland nichts tun.

Anders ist es bei den drohenden amerikanischen Zöllen gegen europäische Autos. Tobias Hans forderte: „Irgendwann muss man den Amerikanern auch mal zeigen, wo der Hammer hängt.“ Für einen Ministerpräsidenten eine mutige Aussage. Hans verwies darauf, dass Google und Co. bisher in Europa Geschäfte machen, ohne Steuern zu zahlen. Altmaier bremste. Man müsse mit einer Doppelstrategie aus Angeboten an US-Präsident Donald Trump und Gegenwehr arbeiten, sagte er. Maas beklagte: „Die Rückbesinnung auf das Nationale ist eine einzige Katastrophe.“ Europa müsse in dieser Lage zusammenhalten, das sei das Wichtigste.

Das dritte und langfristig noch weit durchschlagendere Problem für die Branche ist die Klimapolitik. Und die kommt jetzt mit Macht. Hans sagte, dass ein „Kraftakt“ bevorstehe. Und Maas betonte: „Dass wir diesen Weg nicht gehen, halte ich nicht für vertretbar.“ Altmaier widersprach nicht, verlangte aber Augenmaß bei den einzelnen Maßnahmen.

Ford-Chef Herrmann nannte die CO2-Reduktionsziele für den Verkehrssektor (minus 37 Prozent bis 2030) zwar „aggressiv“, will ihnen aber nicht ausweichen. Die Umstellung werde „extrem komplex“. Dabei hat, schilderte er, Ford es besonders schwer. Denn E-Autos sind teurer als Verbrenner, die Kundschaft im Mittelklassesegment werde „preislich an die Grenzen getrieben“. Herrmann sagte, man arbeite bereits an Plänen, wie es nach 2024 in Saarlouis weitergehen solle, kommuniziere sie jetzt aber noch nicht. Die Tatsache, dass gerade Investitionen in Höhe von 200 Millionen Euro freigegeben worden seien, zeige jedoch, „dass wir interessiert sind, im Saarland weiterzuarbeiten.“ Der eigens angereiste Betriebsratschef Markus Thal hörte an dieser Stelle besonders aufmerksam zu.

Ministerpräsident Hans versuchte sich in Optimismus. Erstens werde es auch 2030 noch einen gewissen Anteil an Verbrennungsmotoren geben – er schätzt ihn auf 40 Prozent plus 30 Prozent Hybridantriebe. Zweitens habe das Saarland schon früher einen Strukturwandel bewältigt. Und drittens sei man mit der „exzellenten“ Forschungslandschaft besonders im Bereich Künstliche Intelligenz und Cybersicherheit schon sehr gut aufgestellt. Aus dem Publikum meldete sich an dieser Stelle Simone Peter zu Wort – und unterstützte diese Sicht. Im Saarland sei schon vieles vorhanden. Wenn es nun versuche, „Modellregion“ für saubere und intelligente Mobilität zu werden, „dann haben wir eine Riesenchance“.

Mehr von Saarbrücker Zeitung