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Mispel-Anbau im Saarland
Shakespeare, Lafontaine und der „Hundsärsch“

Wolfgang Maffert (hier mit Ehefrau Cinthia), Chef der Edelostbrennerei Monter in Hemmersdorf, ist Deutschlands größter Mispelbrand-Hersteller.
Wolfgang Maffert (hier mit Ehefrau Cinthia), Chef der Edelostbrennerei Monter in Hemmersdorf, ist Deutschlands größter Mispelbrand-Hersteller. FOTO: Thomas Reinhardt
Hemmersdorf. Die Mispel, die im Saarland auch anders heißt, begeistert Wolfgang Maffert. Er veredelt die kleine, berühmte Frucht zu Obstbrand – im großen Stil. Von Thomas Reinhardt
Thomas Reinhardt

Ein milder Oktobermorgen in Hemmersdorf, Gemeinde Rehlingen-Siersburg. Eine milchige Wolkendecke sorgt für weiches Licht. Wolfgang Maffert steuert mit dem Wagen über holprige Feldwege oberhalb der Gemeinde auf eine Streuobstwiese zu. Südhang, bei gutem Wetter von der Sonne verwöhnt. „Hier oben sind die Temperaturen milder als unten an der Nied, das mögen die Obstbäume, hier gedeihen sie prächtig“, sagt Maffert.


Wir steigen aus, gehen auf der Wiese ein Stück an abgeernteten Mirabellenbäumen vorbei. Und da sind sie. Geschützt vor einem Wäldchen stehen sie in einer Reihe und leuchten im milden Morgenlicht: Mispelbäume. Ein Teil der Blätter ist noch grün, der andere hat sich bereits herbstlich gefärbt. Neben Blättern tragen die Bäume auch reichlich Früchte. „Die sind jetzt baumreif“, sagt Maffert und pflückt eine Mispel mit ihrer charakteristisch aufklaffenden Fruchtspitze, die fünf schmale Kelchblätter erkennen lässt – wegen dieses ungewöhnlichen Aussehens wird das Obst im Saarland umgangssprachlich „Hundsärsch“ genannt.

Zurzeit sind die Mispeln noch ziemlich hart und mehlig, schmecken sehr herb, aber die feinen Zitrusaromen sind schon deutlich vorhanden. Maffert, in 6. Generation Inhaber der Genussbrennerei Monter in Hemmersdorf, erntet sie in diesen Tagen und lagert sie dann im Freien, damit sie im Winter möglichst noch Frost abgekommen, dann werden sie weicher und aromatischer, lassen sich besser verarbeiten. In einem alten Sprichwort heißt es: „Zeit und Stroh macht die Mispeln reif.“



Die Mispel ist eine alte Kulturpflanze und gilt als Perle des Saargaus. „Hier wachsen geschätzte 3000 bis 4000 Bäume, so viele wie nirgends sonst in Deutschland“, sagt Maffert. Es gebe noch Mispeln am Niederrhein und in Hessen, sagt der Edelbrand-Spezialist. „Doch das Saarland und vor allem der Saargau sind die Hochburg – und unser Betrieb ist mit 200 Bäumen und rund 5000 Kilo Mispeln pro Jahr der größte Verarbeiter der Frucht in Deutschland.“ Maffert stellt daraus Edelbrand und Likör her, auch seinen hauseigenen Gin reichert er mit Mispelbrand an. Das edle Mispel-Destillat von Maffert mit fruchtig-herbem Geschmack gilt bei Liebhabern als echte Spezialität. Destilliert wird in Kupferbrennblasen aus dem Jahr 1920, die auf den neuesten Stand der Technik gebracht wurden.

Das Obst, das Maffert veredelt, lässt sich außerdem zu Marmelade, Gelee und Säften verarbeiten. Und es ist keineswegs nur regional bekannt. In Form von Schnaps hat es der saarländische „Hundsärsch“ sogar schon zu gewisser bundespolitischer Berühmtheit gebracht. 1999 nämlich, als Oskar Lafontaine nach seinem spektakulären Rücktritt aus der Bundespolitik den wartenden Reportern vor seinem Saarbrücker Zuhause eine Runde „Hundsärsch“ ausgab. Ein Zeichen saarländischer Gastfreundschaft, das eine lange Geschichte hat.

„Die Mispel hat zwar den botanischen Artnamen Mespilus germanica, stammt aber aus Vorderasien. Die Römer haben sie vor 2000 Jahren zu uns gebracht“, erzählt Maffert, während er und seine Frau Cinthia weitere Früchte ernten und in einem Körbchen verstauen. Die Mispel gehört wie die meisten heimischen Obstarten zu den Rosengewächsen und ist mit der Quitte und dem Weißdorn verwandt. Jahrhundertelang war sie eine weit verbreitete Frucht, die Bäume in Bauern- und Klostergärten beliebt. Sogar in der Landgüterordnung Karls des Großen (742-814) ist die Mispel in der Liste der Bäume an prominenter sechster Stelle genannt. William Shakespeare (1564-1616) hat die Mispel in zweien seiner Stücke erwähnt. In „Romeo und Julia“ unterhalten sich Mercutio und Benvolio über ihren Freund Romeo, und Mercutio bemerkt: „Nun sitzt er unter einem Mispelbaume und wünscht, sein Herzlieb wäre eine Mispel, die auf ihn fiel.“

Hierzulande ist das Rosengewächs in den letzten Jahrzehnten aber stark in Vergessenheit geraten und in den Gärten nur noch ein seltener Gast. Im internationalen Handel spielt das Obst schon länger keine Rolle mehr. Warum mag Wolfgang Maffert diesen kleinen Exoten so sehr? „Die Frucht ist robust und pflegeleicht. Sie blüht spät, erst im Mai, und ist deswegen nicht frostempfindlich. Außerdem bildet sie keine Alternanz, das heißt, sie wächst in jedem Jahr mehr oder weniger gleichmäßig, man kann sich auf eine regelmäßige Ernte verlassen. Und ich mag dieses typische, einzigartige Aroma.“ Mispeln wachsen in der Natur strauch- oder baumartig, Maffert zieht sie mit Weißdorn-Unterlagen als Bäume. „Die hier sind rund 20 Jahre alt, drei bis fünf Meter hoch und breit, typisch sind die verschlungenen Äste und die ausladende Krone.“

Dieses Jahr falle die Ernte trotz der großen Dürre sehr gut aus, in Sachen Menge und auch Qualität, sagt Maffert. „Die Mispeln und auch das andere Kernobst zeichnen sich durch hohe Öchslegrade aus, sie sind sehr aromatisch – das werden ganz edle Brände in diesem Jahr.“

Wegen ihrer aufklaffenden Fruchtspitzen werden Mispeln im Saarland auch „Hundsärsch“ genannt.
Wegen ihrer aufklaffenden Fruchtspitzen werden Mispeln im Saarland auch „Hundsärsch“ genannt. FOTO: Thomas Reinhardt