1. Saarland

"Es steht nicht schlecht um den Chorgesang"

"Es steht nicht schlecht um den Chorgesang"

Sulzbach-/Fischbachtal. "Die jungen Leute wollen sehr wohl singen" lautete die Überschrift über den SZ-Artikel vom 21. Oktober, der sich mit dem organisierten Gesang auseinander setzte. Zu Wort kam die Musikwissenschaftlerin Martina Haupenthal (48). Sie hatte sich kritisch geäußert zu den ihrer Ansicht nach teils überkommenen Vorstellungen von Vereinsvorständen

Sulzbach-/Fischbachtal. "Die jungen Leute wollen sehr wohl singen" lautete die Überschrift über den SZ-Artikel vom 21. Oktober, der sich mit dem organisierten Gesang auseinander setzte. Zu Wort kam die Musikwissenschaftlerin Martina Haupenthal (48). Sie hatte sich kritisch geäußert zu den ihrer Ansicht nach teils überkommenen Vorstellungen von Vereinsvorständen. Sie erhielt, wie sie sagt, auf ihre Anmerkungen in der SZ hin Worte des Dankes, aber auch Drohanrufe.

"Im Großen und Ganzen gebe ich Frau Haupenthal recht." Mit diesen Worten meldet sich nun auch der Leiter des Hühnerfelder Kirchenchores, Daniel Kopp, zu Wort. Die Aussagen, dass junge Menschen kein Interesse mehr am Chorgesang haben und wenn, dann nur in Englisch, so der 23-jährige angehende Lehrer, würden sicherlich auf Einzelfälle zutreffen, verfehlten aber das eigentliche Problem. Kernproblem sei, dass viele traditionelle Chöre lange Zeit von Familien getragen wurden. Es sangen Großeltern, Eltern und dann auch oft die Kinder mit. Diese Kinder-Generation habe heute aber schon selbst Kinder, "die leider aus unterschiedlichsten Gründen kein Interesse mehr an einer Betätigung in dem Chor haben, in dem so viele Generationen mitsangen". Daher sei diese lediglich durch Traditionsbewusstsein legitimierte Nachwuchsquelle weggebrochen. Zudem gebe es heute ein größeres Freizeitangebot, sodass sich ein Chor großer Konkurrenz gegenüber sehe, gegen die er sich behaupten müsse. Daniel Kopp: "Dennoch gibt es ungebrochen eine Vielzahl von jungen oder jüngeren Menschen, die sich ernsthaft mit Chorgesang auseinandersetzen."

So gebe es etwa in St. Hildegard, St. Ingbert, einen Kirchenchor mit 70 Sängerinnen und Sängern, in Blieskastel ein Collegium Vocale mit 55 aktiven Sängern - beide unter der Leitung von Regionalkantor Christian von Blohn. Und: "Im pfälzischen Landau gibt es eine evangelische Kantorei, die einen so hohen Zulauf an Sängern hat, dass man ernsthaft darüber nachdenkt, für einige Zeit keine Mitglieder mehr aufzunehmen." Das Bistum Speyer wiederum betreibe eine Jugendkantorei, die im Juni 2009 ein großes Konzert mit anspruchsvollen Chorwerken von Händel, Haydn und Mendelssohn-Bartholdy aufführte. All diese Chöre, so Kopp, "haben das, was Martina Haupenthal ebenfalls fordert, mit finanziell einigermaßen guter Ausstattung: einen guten Chorleiter." Allerdings müsse dies noch ergänzt werden, denn ein kompetenter Chorleiter sei zwar wichtig, es müssten aber auch noch weitere finanzielle Möglichkeiten vorhanden sein, um Konzerte mit entsprechendem Niveau aufzuführen und hierfür etwa ein gutes Orchester zu engagieren. Daniel Kopp: "Auch dieses Kriterium wird bei den von mir genannten Beispielen erfüllt, sodass solche Chöre sich über Nachwuchs keine allzu großen Sorgen machen müssen, da auch junge Leute, die ernsthaft am Chorsingen Interesse haben, eher dazu motiviert sind, in solch einem Chor mitzusingen." Ein weiteres Problem vieler Chöre sei tatsächlich, wie Martina Haupenthal bereits anmerkte, dass es verpasst worden sei, ein funktionsfähiges Nachwuchskonzept auf die Beine zu stellen, "denn zweifelsohne müssen sich Gruppen, bei denen ein großes Altersgefälle besteht, aufeinander einstellen." Will heißen: "Mozarts Krönungsmesse gehört genau so gesungen wie Schuberts ,Am Brunnen vor dem Tore' und ,I will follow him' aus dem Film Sister Act."

Dennoch, so Kopp, trotz aller Suche nach Gründen sei es sehr schade, dass viele traditionsreiche Chöre von der Bildfläche verschwinden, denn diese Vereine erfüllten für ihre Mitglieder auch eine ganz wichtige soziale Funktion. Am Schluss blieben ein positiver und ein negativer Aspekt: "Der negative ist, dass viele traditionsreiche ,Dorfchöre' sterben, weil es dort aus unterschiedlichen Gründen kein funktionsfähiges Nachwuchskonzept gab oder gibt. Der positive aber ist, dass es dennoch um die Pflege des ernsthaften Chorgesanges nicht schlecht steht, sieht man die große Motivation, mit der sich auch junge Leute mit alter und neuer Chormusik auseinander setzen. Hierfür reicht aber eben nicht nur Traditionsbewusstsein, vielmehr muss ein interessantes Angebot mit für ernsthafte Sänger interessanten Rahmenbedingungen geschaffen werden. In welcher Sprache gesungen wird, ist dann wohl eher Nebensache." "In welcher Sprache gesungen wird, ist wohl eher Nebensache."

Daniel Kopp