1. Saarland

"Die jungen Leute wollen sehr wohl singen"

"Die jungen Leute wollen sehr wohl singen"

Dudweiler. Kaum war der Bericht über die Auflösung des Gesangvereins Edelweiß-Germania 1868 Bildstock in unserer Regionalausgabe zu lesen (SZ vom 14. Oktober), wurde sie in der Sulzbacher Redaktion vorstellig: Martina Haupenthal aus Dudweiler. Fünf Chöre leitet die studierte Musikwissenschaftlerin im Regionalverband

Dudweiler. Kaum war der Bericht über die Auflösung des Gesangvereins Edelweiß-Germania 1868 Bildstock in unserer Regionalausgabe zu lesen (SZ vom 14. Oktober), wurde sie in der Sulzbacher Redaktion vorstellig: Martina Haupenthal aus Dudweiler. Fünf Chöre leitet die studierte Musikwissenschaftlerin im Regionalverband. Sie wollte als Frau vom Fach grundsätzlich mal was loswerden: Nur schwerlich bis gar nicht will sie hinnehmen, was einige langgediente Vereinsvorstände immer wieder behaupten: Dass man den Nachwuchs nicht begeistern könne für den Chorgesang, deshalb die Klangkörper überaltert seien und folglich deren Fortbestand fraglich bis unmöglich. Martina Haupenthal (48) sieht das ein wenig anders.

Natürlich, sagt sie, konnte man früher aus dem Vollen schöpfen, was die Zahl sangesfreudiger Mitglieder angeht. Weil das aber nicht mehr so ist, müssten Vereine auch mal dran denken, sich auf Veränderungen einzulassen: "Solange das nicht geschieht, wird es nicht besser." Und: "Es soll alles so sein wie vor 100 Jahren und doch ganz anders." Junge Leute, sagt sie, wollten sehr wohl singen, nur nicht unter den Bedingungen, die sie bei Chören oft vorfinden. Es sei überdies falsch zu behaupten, sie wollten nur in englischer Sprache singen, hätten keine Disziplin und kein Engagement. Als Beispiel fürs Gegenteilige nennt Haupenthal einen jüngst gegründeten Dudweiler Männerchor. Die acht Jungs hätten einen fulminanten Gastauftritt hingelegt beim 116 Jahre alten MGV Ritterstraße. "Die wollten richtig gut sein", sagt Haupenthal, hätten sich perfekt gestylt, eine tolle Performance hingelegt und durch ihr Repertoire verblüfft: ein Jazz-Kanon war dabei, dann aber auch das altbekannte Männerchor-Lied "Aus der Traube in die Tonne, aus der Tonne in das Fass…", und dann auch ein Lied von den "Toten Hosen". Erst großes Erstaunen, auch ein bisschen Erschrecken und am Ende die Erkenntnis des Publikums: "Das war einfach klasse."

Davon abgesehen, gibt Martina Haupenthal auch zu bedenken, dass sich der ein oder andere Vorstand nicht aufs Wesentliche konzentriere. Das Wesentliche, das seien eben nicht Vereinsangelegenheiten wie Jahresfahrt oder das neue Jackett, sondern vielmehr die "adäquate Bezahlung" guter Chorleiter. Und von denen gebe es genug. Im Übrigen sei es schon seltsam, wenn über Chorgesang in englischer Sprache geklagt werde: "Auf finnisch, hebräisch, spanisch wird gesungen, nur am Wort Englisch spalten sich die Chöre." Und wie kann man einem Chor neues Leben einhauchen? Indem man mal was Neues wage, frisches Liedgut nehme, Entertainment biete, bei dem der Funke der Begeisterung auch aufs Publikum überspringt, wie das etwa beim Dudweiler Kirmessingen der Fall sei. Und: "Der Spaßfaktor ist eine ganz wichtige Sache." Die Sänger müssten das Gefühl haben, dass sie nicht zur Probe müssen, sondern dürfen. Überdies sollten die Vereine ihre Sänger nicht mit Pflichtveranstaltungen überhäufen. Auf die wirklich wichtigen Auftritte könne man sich so nicht konzentrieren. Und damit auch nicht auf den Erfolg.