| 20:51 Uhr

Globus-Chef Bruch im Interview
„Digitalisierung ist für uns eine Chance“

Die Digitalisierung verändert das Einkaufsverhalten. Online-Shops liefern mittlerweile auch schon Frisch-Ware in Städten aus. Doch Thomas Bruch, Gesellschafter der Globus-Gruppe (hier im Saarbrücker Markt), ist um die Zukunft der Warenhäuser nicht bange. Sie sind ihm zufolge weit mehr als nur Einkaufs-Gelegenheiten. Für viele seien sie einfach auch Kontaktzentren.
Die Digitalisierung verändert das Einkaufsverhalten. Online-Shops liefern mittlerweile auch schon Frisch-Ware in Städten aus. Doch Thomas Bruch, Gesellschafter der Globus-Gruppe (hier im Saarbrücker Markt), ist um die Zukunft der Warenhäuser nicht bange. Sie sind ihm zufolge weit mehr als nur Einkaufs-Gelegenheiten. Für viele seien sie einfach auch Kontaktzentren. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Der Globus-Chef erklärt, warum Supermärkte auch in einer vom Internet beherrschten Welt eine Zukunft haben. Von Hélène Maillasson und Joachim Wollschläger
Hélène Maillasson

Die Supermarktbranche ist im Umbruch. Vor allem getrieben durch den Online-Händler Amazon und die zunehmende Digitalisierung entstehen völlig neue Geschäftsmodelle – von der regionalen Auslieferung frischer Waren, die Kunden im Internet bestellt haben, bis hin zu Supermärkten, in denen es keine Kassen mehr gibt. Thomas Bruch, Gesellschafter der Globus-Gruppe, gibt einen Ausblick darauf, was die Digitalisierung für die Supermarktbranche bedeutet.


Herr Bruch, Amazon hat vor wenigen Wochen erstmals einen Laden eröffnet, in dem es keine Kassen mehr gibt. Wird das die Zukunft sein?

BRUCH Für uns glaube ich das nicht. Man muss sich genau anschauen, wie dieser Laden aufgebaut ist. Amazon hat ein Kamerasystem installiert, mit dem der Kunde während des gesamten Einkaufs komplett überwacht wird. Nur so kann sichergestellt werden, dass jede Ware erfasst wird, die der Kunde in seine Tasche oder in den Einkaufswagen legt. Ich stelle mir die Frage, ob die Kunden das wirklich möchten. Würden Sie als Käufer wollen, dass ein Unternehmen während des Einkaufs alles aufzeichnet und dann auch für eine ungewisse Zeit speichert? Und das nur, damit es keine Kassen gibt? Wir sehen es so, dass ganz viele Menschen das nicht wollen. Die Privatsphäre sollte schon privat bleiben.



Das klingt aber schon sehr kritisch, was die Digitalisierung angeht.

BRUCH Digitalisierung ist für uns in vielen Bereichen durchaus eine Chance. Denken Sie nur an die Zusammenarbeit mit unseren Lieferanten, in der mittlerweile fast alles nur noch papierlos läuft. Kritisch sehe ich, wenn die Schraube überdreht wird, wenn der Mensch nicht mehr Herr der Dinge, sondern eher Diener des Systems wird. Ich glaube nicht, dass das es mit unserer deutschen oder europäischen Ethik vereinbar ist, wenn die Entwicklung zu stark in diese Richtung geht.

Digitalisierung gilt vielen ja auch als ein Weg, Arbeitskräfte abzubauen. Sie haben in vielen Ihrer Märkte mit Scan & Go eine Technik eingeführt, mit der Kunden ihre Waren selber scannen. Heißt das nicht, dass dadurch auch Kassierer oder Kassiererinnen wegfallen?

BRUCH Wir bieten es unseren Kunden nicht als Ersatz, sondern als Alternative an. Es ist nicht als ein Modell zu sehen, das Kassiererinnen überflüssig macht. Vielmehr ist es eine zusätzliche Service-Leistung, bei der die Kunden ihre Ware am Band nicht noch einmal auspacken und anschließend wieder einpacken müssen. Außerdem ermöglicht das System, dass der Kunden während des gesamten Einkaufs einen Überblick über seine Kosten behält.

Aber ist es nicht so, dass Sie dann weniger Kassenpersonal brauchen?

BRUCH Tatsächlich sind auch bei Scan & Go für den Kassier-Vorgang weiter Menschen nötig. Viele unserer Kassiererinnen arbeiten sehr gerne an diesen Kassen. Sie haben dort eine abwechslungsreiche Tätigkeit und mehr Möglichkeit zur Kommunikation mit unseren Kunden.

Wenn Sie die Kunden ihre Ware selbst scannen lassen, aber nicht wie Amazon überwachen, was die Kunden wirklich in ihren Wagen packen, ist das nicht ein Risiko, dass auch mal etwas mehr im Wagen landet? Und könnte man das durch mehr Technik nicht verhindern?

BRUCH Ich glaube grundsätzlich, dass unsere Kunden sehr ehrliche Menschen sind. Und wir haben bei Inventuren nicht festgestellt, dass wir durch die Technik mehr Schwund haben.

Der Online-Händler Amazon ist nicht nur mit dem kassenlosen Supermarkt Pionier, er hat jetzt auch Pilotprojekte gestartet, mit denen Frischware über das Internet bestellt werden kann. Gefährdet das das Geschäft der klassischen Supermärkte?

BRUCH Auch dieses Modell muss man sich sehr genau anschauen. Wenn man betrachtet, welche Umsätze Amazon Fresh aktuell in Deutschland macht, entspricht das nach dem, was man hört, dem Umsatz eines einzelnen Supermarktes. Das ist, bezogen auf Deutschland, nicht viel. Dafür gibt es noch viele ungelöste Probleme. Wie kann ich beispielsweise gewährleisten, dass die Kühlkette bei der Belieferung lückenlos sichergestellt ist? Was mache ich mit der Ware, wenn der Kunde nicht da ist und ich im Hochsommer Tiefkühlware im Wagen habe? Wie lege ich fest, welche Kunden ich beliefere und welche nicht, weil die zu weit entfernt wohnen? Es gibt hier viele offene Fragen.

Das heißt, dass Sie sich in diesem Bereich noch zurückhalten?

BRUCH Tatsächlich testen auch wir dieses System, allerdings noch nicht in Deutschland, sondern aktuell in einem Markt in Russland.

Was ist da anders, und warum gelten da all die Probleme nicht, die Sie eben angesprochen haben?

BRUCH Ein entscheidender Unterschied ist die dortige Siedlungsstruktur. Wir haben einen Stadtteil definiert, in dem viele Menschen in Plattenbauten wohnen. Damit ist die Belieferung leichter, weil man Kunden an einem Ort erreichen kann. Außerdem gibt es in Russland häufig Hausverwalter, die die Ware entgegennehmen können, wenn Bewohner nicht da sind.

Könnte es also sein, dass der reine Online-Einkauf doch noch ein Zukunftsthema sein könnte?

BRUCH Sicherlich wird der Online-Einkauf einen gewissen Marktanteil erreichen. Er wird den Einkauf in einem „richtigen“ Geschäft aber nicht überflüssig machen. Dies sieht offenbar auch Amazon so; Amazon hat im letzten Jahr in den USA ein großes Supermarkt-Unternehmen aus diesem Grund gekauft. Der Kauf im Internet ermöglicht nur die reine Versorgung mit der Ware. Vieles andere aber geht verloren: Schmecken, Riechen, Probieren, das alles haben Sie im Internet nicht. Sie können nicht an die Fleischtheke gehen, sich beraten lassen und sich für ein bestimmtes Stück Fleisch entscheiden. Hinzu kommt: Unsere Märkte sind lebendige Orte, wo man Menschen treffen kann. All das ist im Internet so nicht möglich. Ich glaube nicht, dass es irgendwann dazu kommen wird, dass Menschen Lebensmittel nur noch über den Computer bestellen.

In Frankreich ist das Modell sehr erfolgreich, im Internet zu bestellen und die Ware dann im Markt abzuholen. Sie hatten in Ensdorf einen solchen Drive-in-Markt, haben ihn aber wieder eingestellt. Ticken die Franzosen da anders?

BRUCH Drive-In-Märkte haben in Frankreich tatsächlich einen größeren Erfolg als in Deutschland. Ein Grund liegt darin, dass es in Frankreich weniger Lebensmittel-Geschäfte gibt als bei uns. Bei uns ist die Nahversorgung sehr gut ausgebaut, sodass der Bedarf für Drive-In-Märkte geringer ist. Vielleicht sind wir in Deutschland aber auch nicht so technikaffin. Wir haben vor Kurzem noch einmal ein solches Drive-In-Projekt gestartet, nicht in Deutschland, sondern ebenfalls in Russland. Dort ist der Drive-In-Markt erfolgreicher als er es hier war. Möglicherweise spielt dabei eine Rolle, dass die russische Bevölkerung im Schnitt jünger und dem Einkauf per Smartphone gegenüber aufgeschlossener ist als bei uns.

Welche Bereiche der Digitalisierung sind für Sie denn dann vordringlich interessant?

BRUCH Uns geht es vor allem um die Frage, wie wir unsere Kunden mit Hilfe von Technik noch besser beim Einkauf unterstützen können. Das kann beispielsweise dadurch der Fall sein, dass wir mehr Transparenz über die Herkunft und die Zusammensetzung von Produkten schaffen. Ein Projekt ist auch eine digitale Einkaufsliste, die dem Kunden, der bestimmte Dinge regelmäßig kauft, eine Liste mit Vorschlägen zur Verfügung stellt. Das Programm könnte dann mit einer Karte kombiniert sein, die den schnellsten Weg durch den jeweiligen Markt zeigt.

Das kann Kunden aber auch nerven, wenn sie sowieso an allen Ecken schon von Unternehmen ähnliche Service-Angebote bekommen.

BRUCH Natürlich gilt es grundsätzlich, die Datenautonomie der Kunden zu respektieren. Wir arbeiten nur mit Kundendaten, wenn uns der Kunde dazu ausdrücklich seine Zustimmung erteilt. Gerade aber weil es für den Kunden auch einen Mehrwert gibt – beispielsweise über Rezeptvorschläge oder spezielle Angebote – sind immer mehr Menschen bereit, uns ihre Daten zur Verfügung zu stellen.

Wie sieht es denn mit dem Markt der Zukunft aus? Wird der Supermarkt in zehn Jahren noch so aussehen wie heute?

BRUCH Ich gehe davon aus, dass schon einige Dinge anders sein werden. So wird es zum Beispiel bei Elektrogeräten, die man auch im Internet bestellen kann, künftig wahrscheinlich nur noch ein Kernsortiment geben. Gleichzeitig gibt es dann aber auch einen Bildschirm, an dem man aus einem größeren Sortiment bestellen und sich das Produkt nach Hause liefern lassen kann. Was bleiben wird: Wir haben unseren Kunden viel mehr zu bieten. Viele der Produkte, die wir verkaufen, produzieren wir vor Ort selbst. Wir haben in unseren Märkten eine Meisterbäckerei, eine Fachmetzgerei, eine Sushi-Produktion, eine Gastronomie. Das macht den Unterschied. Und den wird es auch in zehn Jahren noch geben.

Ein anderes Thema: Neben der Konkurrenz aus dem Internet setzten Ihnen zunehmend die Discounter zu, die immer mehr Markenprodukte in ihr Sortiment aufnehmen. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

BRUCH Die Produkte, die Aldi jetzt als Markenprodukte führt, haben wir klassischen Händler über Jahre stark gemacht und im Bewusstsein der Kunden verankert. Und nun können die Discounter sie wegen hoher Absatzmengen zu einem günstigeren Preis einkaufen und profitieren von unserer Vorleistung. Das ist tatsächlich ärgerlich, das kann man nicht anders sagen. Die Konsequenz ist, dass wir immer stärker auf Produkte setzen, die wir selber herstellen oder auf regionale Produkte. Das kann der Discount nicht leisten.

Regionale Produkte haben Sie ja schon seit Längerem im Programm. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

BRUCH Wir stellen fest, dass Produkte aus dem Saarland von den Kunden sehr gut angenommen werden. Wir haben hier 300 regionale Produzenten. Große wie Pizza Wagner und viele kleine beziehungsweise ganz kleine. Unter anderem örtliche Imker oder Obst- und Gemüsebauern. Gerade diese Verbindung mit den saarländischen Landwirten wollen wir noch weiter ausbauen.

Welches Fazit ziehen Sie für die Entwicklung der kommenden Jahre?

BRUCH Sicher ist es so, dass uns die Digitalisierung vor erhebliche Herausforderungen stellt. Diesen Herausforderungen stellen wir uns. Wir arbeiten daran, dass diejenigen, die in der Nacht am Computer sitzen und noch etwas bestellen möchten, dazu die Möglichkeit haben. Entscheidend setzen wir jedoch auch weiterhin auf die Menschen im Saarland, die mit Freude in einem lebendigen Markt einkaufen, in dem es Verkäuferinnen und Kassiererinnen gibt, mit denen man gerne zusammentrifft.

Das Gespräch führten Hélène Maillasson und Joachim Wollschläger

Das Symbol eines Einkaufskorbs auf einer Computertastatur. Die Digitalisierung verändert das Einkaufsverhalten.
Das Symbol eines Einkaufskorbs auf einer Computertastatur. Die Digitalisierung verändert das Einkaufsverhalten. FOTO: dpa / Jens Büttner
Thomas Bruch im Gespräch mit den SZ-Redakteuren Hélène Maillasson und Joachim Wollschläger.
Thomas Bruch im Gespräch mit den SZ-Redakteuren Hélène Maillasson und Joachim Wollschläger. FOTO: Oliver Dietze