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Studie zu Diskriminierung und sexueller Belästigung
Der Campus als Kampfzone

Auch an der Université de Lorraine – hier der Campus Saulcy in Metz – fühlen sich Menschen wegen ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe benachteiligt, zeigt eine Internet-Umfrage.
Auch an der Université de Lorraine – hier der Campus Saulcy in Metz – fühlen sich Menschen wegen ihres Geschlechts oder ihrer Hautfarbe benachteiligt, zeigt eine Internet-Umfrage. FOTO: Stadt Metz / Philippe Gisselbrecht/
Metz. Als erste Hochschule Frankreichs hat die Uni Lothringen das Ausmaß sexueller Belästigungen bei Studenten untersucht. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

Ob in der Glitzer-Welt von Hollywood oder an weniger glamourösen Arbeitsplätzen – seit dem Skandal um Produzent Harvey Weinstein und der „Metoo“-Kampagne sind sexuelle Belästigung und die Diskriminierung von Frauen in den Fokus der öffentlichen Debatte gerückt. Neu ist das Thema aber nicht. Und es zieht sich durch verschiedene Bereiche der Gesellschaft. Auch vor der Universität machen diese Missstände und Schieflagen nicht halt. Welche Erfahrungen Studenten und vor allem Studentinnen mit Diskriminierung und sexueller Belästigung machen, hat die Université de Lorraine in Lothringen als erste Hochschule in Frankreich anhand sieben verschiedener Kriterien untersucht. Und das schon, bevor das Thema breit öffentlich diskutiert wurde.


Im Januar und Februar 2017 wurden 22 000 Studenten an verschiedenen Standorten der Universität (unter anderem Metz, Nancy und Longwy) dazu aufgerufen, an einer Online-Befragung zu diesem Thema teilzunehmen. 4020 machten mit, 2267 füllten die Befragung bis zum Ende aus. Ein Drittel von ihnen ist im ersten Jahr eingeschrieben. Obwohl die Studie mit einem Rücklauf von zehn Prozent nicht als repräsentativ gewertet werden kann, weisen ihre Ergebnisse deutlich auf, welche Gruppen sich im akademischen Alltag am meisten diskriminiert fühlen. Als Kriterien dienen: Alter, Behinderung, Geschlecht, Geschlechtsidentität (zum Beispiel Transsexualität), sexuelle Orientierung, Herkunft und Religion. Fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) gab an, schon Zeuge von diskriminierendem Verhalten im Rahmen des Studiums gewesen zu sein. Am häufigsten haben sie beobachtet, dass Menschen wegen ihrer Herkunft und ihres Geschlechts benachteiligt wurden.

659 Befragten gaben an, selbst Opfer einer Diskriminierung gewesen zu sein. Auch hier sind das Geschlecht (283, davon 230 Frauen) und die Herkunft (217) die zwei am häufigsten genannten Gründe. Aus der Perspektive der Betroffenen sind also Studentinnen am meisten mit Diskriminierung konfrontiert. Doch noch höher als die Zahl der Studenten, die eine Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts erlebt haben, sind diejenige, die von sexueller Belästigung berichten. Im Rahmen der Untersuchung waren es 376, die mindestens einmal Opfer eines solchen Verhaltens wurden. In den allermeisten Fällen (88 Prozent) sind es Frauen. In 84 Prozent der Fälle werden andere Studenten als Täter bezeichnet, in 32 Prozent der Fälle Dozenten oder Professoren (Mehrfachnennungen möglich). In rund einem Viertel der Fälle fanden die sexuellen Belästigungen am Praktikumsort statt, sprich außerhalb des Unigeländes.



Wie die Belästigungen konkret aussehen, wird in der Studie nicht präzisiert. Eine Ahnung davon bekommt man auf der Internetseite payetafac.tumblr.com. Hier schildern Studentinnen Beispiele von Sexismus und sexueller Belästigung in ihrem Alltag. „Sie gehören nicht in diesem Studiengang. Sie sind ein Stück Scheiße. Sie werden die Aufnahmeprüfung nicht bestehen. Gehen Sie lieber auf den Strich“, ist ein Beispiel von der Uni Nancy. Überprüfen lässt sich das nicht, denn alle Zuschriften sind anonym.

Die Universitätsleitung der Lothringischen Hochschule will das Thema aktiv angehen. „Wir sind damit Vorreiter und bekommen positives Feedback. Unsere Studenten und unser Personal reagieren positiv, weil sie merken, dass die Universität dieses Thema ernst nimmt“, sagt Vize-Präsident Pascal Tisserant der Saarbrücker Zeitung. Auch konkrete Maßnahmen wurden schon eingeleitet, um dem Problem entgegenzuwirken. „Wir haben nun ein Alert-System mit Telefonnummer und Mailadresse, um die Opfer solcher Taten zu betreuen und interne Ermittlungen durchzuführen“, so Tisserant.