Ein Erfolgsmodell

Sieben Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich in die Befindlichkeit der Deutschen eine gewisse (Selbst-)Zufriedenheit eingenistet. Längst schon sind wir wieder wer, keine Frage, und vielleicht auch etwas überdrüssig der ständigen Ermahnungen, niemals zu vergessen, was im Namen Deutschlands angerichtet wurde.

Andererseits müssten wir aus eben diesem Anlass unserer Verantwortung für den Frieden in der Welt stärker gerecht werden. Denn aus großer Schuld ergibt sich große Verpflichtung.

Spannend ist auch die Frage, wieso ausgerechnet die Deutschen nur 70 Jahre nach dem globalen Inferno ein Ansehen und Niveau in der Welt erreicht haben, politisch, wirtschaftlich, sozial und kulturell, um das uns viele Nationen beneiden. Ist es "nur" der sprichwörtliche Fleiß, der uns so beflügelt hat? Ist es das preußische Pflichtbewusstsein, unser "Gen" als Volk der Denker und Tüftler? Oder war es schlichtes Glück, dass wir als Prellblock der Systeme zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu wichtig waren, um uns selbst überlassen zu bleiben?

Nun, es war alles zusammen, was uns so stark und (ausweislich internationaler Umfragen) beliebt gemacht hat: Das Funktionieren des Marshallplans von außen. Der Drang, den (eigenen) Erwartungen gerecht zu werden, von innen. Es war das föderale System der Bundesrepublik, also der Zwang zum Ausgleich der Interessen. Das System der (privat und öffentlich-rechtlichen organisierten) Presse- und Meinungsfreiheit, das gesellschaftliche Debatten fördert und fordert. Während etwa die Supermacht USA sich selbst genug ist und die alten Groß-Nationen in Europa ihrer verblichenen Bedeutung nachtrauern, pflegen die Deutschen eher nüchtern ein ökonomisches und ökologisches System, das die Ideen der Aufklärung und Demokratie vorbildlich miteinander verbindet.

Gewiss, das hier gezeichnete Bild ist nicht vollkommen, es hat Fehler und Unschärfen. So soll und darf nicht verschwiegen werden, dass die grandiosen Erfolge auch das deutsche System anfällig gemacht haben für einen aggressiven Neoliberalismus, mit dem die egoistischen Impulse der Menschen stimuliert werden. Obwohl sich die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet, stemmt sich niemand ernsthaft gegen die Propheten und Profiteure der Deregulierung und Gewinnmaximierung. Dabei wird offensichtlich, dass sich Menschen in Wohlstandsgesellschaften weniger solidarisieren. Auch deshalb nähert sich Deutschland 70 Jahre nach der Stunde Null abermals einem Wendepunkt: Nur wenn es gelingt, den Sozialgedanken mit einer Kultur der Vernunft zu bewahren und die gewonnene Attraktivität (auch für Zuwanderer!) sinnvoll zu nutzen, wird die Erfolgsgeschichte des Modells Deutschland weitergehen.