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Die alte Drachme findet neue Freunde

Die alte Drachme findet neue Freunde

Rund 100 Tage regiert Europas - neuerdings eher zahmes - Schreckgespenst nun in Athen . Und seit 100 Tagen rangelt der linksradikale Premier Alexis Tsipras mit seinen öffentlichen Gläubigern EU, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) darum, wie es mit dem ewigen Euro-Sorgenkind weitergehen soll.

Wieder einmal steht Griechenland kurz vor dem Staatsbankrott. Und die griechische Tragödie produziert immer neue Szenarien des (vermeintlichen) Schreckens. Oder wäre der ominöse "Grexit", Griechenlands Ausstieg aus der Eurozone , am Ende doch eher ein Segen?

Die griechische Wirtschaft sollte dieses Jahr um 2,9 Prozent wachsen. Jetzt korrigierte die EU ihre Prognose auf 0,5 Prozent, Experten fürchten den Rückfall in die Rezession. Seit 2008 ist die Wirtschaftsleistung kumuliert um ein Viertel geschrumpft - wegen immer neuer Sparpakete. Nun setzt sich die Talfahrt fort: Das Wirtschaftsklima fiel im April auf ein 16-Monats-Tief. Die Einfuhren brachen dieses Jahr um 16 Prozent ein, die Ausfuhren um 13 Prozent. Eine neue Pleitewelle rollt. Im Schnitt schließen seit Jahresbeginn täglich 59 Firmen, mehr als 8500 könnten es bis Ende Juni sein. Der Run auf die Banken setzt sich fort, Investoren sind verunsichert, die Arbeitslosigkeit verharrt auf Rekordniveau.

Der Marschrichtung des bekennenden Euro-Befürworters Tsipras zum Trotz: Immer mehr Griechen plädieren für einen "Grexit". Nach jüngsten Umfragen meinen genau die Hälfte der Befragten, der Euro-Beitritt Anfang 2002 habe ihnen nichts genutzt. Nur 44 Prozent der Griechen sehen das anders. Dennoch: Auf die allgemein gehaltene Frage, ob Hellas im Euro bleiben solle, sprechen sich 66,5 Prozent pro Euro und nur 27 Prozent pro Drachme aus. Wird die heikle Euro-Frage aber differenzierter gestellt, steigt der Anteil der "Grexit"-Freunde deutlich an. Nur noch 55,5 Prozent sind für den Euro , wäre dies ausdrücklich mit der Umsetzung neuer Spar- und Reformauflagen verbunden. Dagegen wollen 35 Prozent der Hellenen die Rückkehr zur Drachme, wenn dies wieder "eine unabhängige Wirtschafts- und Finanzpolitik" ermögliche. Brisant: Unter den Anhängern der regierenden Syriza-Partei liegt der Anteil der Drachmen-Fans bei jener differenzierteren Fragestellung schon bei stattlichen 58 Prozent - und zwar schon vor der sich abzeichnenden neuen Sparrunde.

Derweil werden auch im Parlament die Stimmen lauter, die - als ersten Schritt - die Einstellung des Schuldendienstes an die öffentlichen Gläubiger fordern. Athens nächste Zahlungsverpflichtung: Morgen muss Hellas 770 Millionen Euro an den IWF zahlen. Nach bisheriger Planung werde die Regierung von Januar bis Ende August 15 Milliarden Euro für den Schuldendienst zahlen, rechnet die Athener Zeitung "Efsyn" vor, die Syriza nahe steht. "Hätten wir stattdessen dieses Geld zum Wohle der Gesellschaft ausgegeben, wäre da nicht etwas Gutes herausgekommen?", fragt der Kommentator und fordert einen Zahlungsstopp.

Auch der Syriza-Abgeordnete Kostas Lapavitsas, Star-Ökonom des linken Parteiflügels, nennt den Bruch mit der Eurozone unverblümt "eine Option". Die Gruppe stellt etwa ein Drittel der 149 Syriza-Abgeordneten im 300 Sitze umfassenden Parlament. Auch andere Mitglieder des Regierungslagers lehnen einen allzu moderaten Kurs gegenüber den Gläubigern ab, etwa die dynamische Parlamentspräsidentin Zoe Konstantopoulou. Fest steht: Schon bei einer Abkehr der Syriza-Linken stünde Alexis Tsipras ohne Parlamentsmehrheit da.