Briten stellen Stacheln gegen Obdachlose auf

Briten stellen Stacheln gegen Obdachlose auf

Die Aktion erinnert an den Kampf der Innenstädte gegen unliebsame Tauben. Doch die soliden Metallspitzen vor einem Nobelquartier im Londoner Stadtteil Southwark wurden offenbar angebracht, um Obdachlose davon abzuhalten, dort ihr Nachtquartier aufzuschlagen.

Der Twitter-Nutzer Andrew Horton hatte die auf dem Asphalt montierten Dornen in einer geschützten Ecke des luxuriösen Wohnblocks entdeckt, fotografiert und das Bild über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet. "Anti-Obdachlosen-Spikes. So viel zum Thema Gemeinsinn", schrieb er dazu.

In sozialen Netzwerken zeigen sich seither Menschen aus aller Welt empört. "Arme werden jetzt also als Ungeziefer bezeichnet", schreibt ein Nutzer. Ein anderer sieht die Dornen als "hässliche Antwort auf ein noch hässlicheres Problem". In London ist derweil eine Debatte über den Umgang mit Wohnungslosen ausgebrochen. Eine Online-Petition, die aus Wut auf die Verantwortlichen gestartet wurde, fand bis gestern Nachmittag knapp 60 000 Unterzeichner. Sie verlangen die Beseitigung der Metall-Spike s .

Auch Londons Bürgermeister Boris Johnson hat sich eingeschaltet. Er fordert die Hauseigentümer auf, die Stacheln so schnell wie möglich entfernen zu lassen. Sie seien "hässlich, unsinnig und dumm", twitterte der Bürgermeister. Umgerechnet 42 Millionen Euro seien bereits ausgegeben worden, um Wohnungslose von der Straße zu bekommen, erklärte Johnson und fügte hinzu: "Wir müssen mehr tun." Metallspitzen seien "einfach nicht die Antwort" auf die Problematik in Englands Hauptstadt.

Ein Sprecher des Bezirks Southwark weist jede Verantwortung für die Installation zurück. Doch einige Bewohner der Apartments, die vor fünf Jahren für umgerechnet je rund 990 000 Euro verkauft worden waren, bestätigen den Zweck der Maßnahme: Das sei wegen der Obdachlosen, erklären sie frei heraus. Vor einigen Wochen habe ein Wohnungsloser an dieser Stelle übernachtet, daraufhin seien die Stacheln angebracht worden.

Hilfsorganisationen zeigen sich kaum überrascht. Solche Metallspitzen würden schon seit mehr als zehn Jahren genutzt, teilte der Wohltätigkeitsverband Crisis mit. Im ganzen Land schlagen demnach immer mehr Menschen ohne Bleibe ihr Nachtquartier auf der Straße auf. In London sei die Zahl gar um 75 Prozent gestiegen, sagt Crisis-Chefin Katharine Sacks-Jones. In vorigen Jahr lebten mehr als 6400 Menschen auf den Straßen der Hauptstadt. "Wir werden das Problem niemals mit Metallstacheln bewältigen", sagt Sacks-Jones. Stattdessen müsse man auf die Ursachen von Obdachlosigkeit schauen.

Ausgelöst durch diesen Fall twittern nun Menschen aus der ganzen Welt Fotos von Orten, die auf ähnliche Art und Weise Wohnungslose abschrecken sollen. So wurden beispielsweise Bilder veröffentlicht, die zeigen, dass auch die britische Supermarktkette Tesco Metall-Spikes verwendet. Eine Nutzerin verbreitete Fotos von verschiedenen Plätzen in New York, die ebenfalls mit Spitzen ausgestattet sind. "Auch New York City hasst Wohnungslose", schreibt sie. Und in Japan, so ist zu lesen, würden immer mehr runde, "obdachlosenfeindliche" Bänke aufgestellt.

Die Londoner Polizei hat inzwischen Untersuchungen wegen der Spikes eingeleitet. Den Hauseigentümern in Southwark droht ein Ermittlungsverfahren.

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