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Wie Luther zuletzt nach Luxemburg fand

Wie Luther zuletzt nach Luxemburg fand

Mit „Der Fall Sola“ gelingt dem Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble in der Alten Feuerwache eine exzellente, geistreiche Sprach-Klang-Bild-Collage.

In seinem 1530 erschienenen "Sendbrief vom Dolmetschen", in dem er die Sprachklingen wetzt und Obrigkeit und Klerus selbstbewusst die Leviten liest, erklärt Luther die Prinzipien seiner Bibelübersetzung ins Deutsche. "Wer dolmetschen will, muss großen Vorrat von Worten haben, damit er die recht zur Hand haben kann, wenn eins nirgendwo klingen will", schreibt er. Luther hatte solchen Vorrat und paarte, dem Volk aufs Maul schauend, zuhauf neue Komposita. Ob Gewissensbiss oder Machtwort. Wenig indessen erzürnte die Papstanhänger mehr als seine Übersetzung von Vers 28 in Paulus' Römerbrief: "Wir halten, daß der Mensch gerecht werde ohn des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben", übertrug Luther. Wie viel Sprengstoff lag in diesem Wort "allein", das im lateinischen Original fehlte: Ein "sola" fand sich nicht - war für den Reformator aber sinngemäß enthalten.

Womit wir mitten in "Der Fall Sola" wären - einer am Wochenende in der Alten Feuerwache gegebenen, verteufelt guten sprachbildmusikalischen Performance des Saarbrücker Liquid Penguin Ensembles. Zum Reformationsjahr entworfen und mit Mitteln der Bundeskulturstiftung gefördert, gelingt den flüssigen Pinguinen - in dem Fall Katharina Bihler (Text, Stimme), Stefan Scheib (Komposition, Kontrabass), Monika Bagdonaite (Viola), Julien Blondel (Violoncello), Kaori Nomura (Klavier), Klaus Harth (Live-Zeichnung), phasenweise ergänzt um Mitglieder der St. Wendeler Chöre "Chorlores" und "Die VielHarmonie" - eine geistreiche und künstlerisch blendende Collage aus Wörtern, Tönen und Bildern.

Das Stück verschränkt Luthers Bibelübersetzung nicht nur mit dem Gleichnis von einem traumwandlerischen König, der ein großer Sprachphilosoph ist, sondern spiegelt Luthers unbotmäßiges Übersetzungsgebirge zugleich in einer fast kafkaesken EU-Übersetzer-Parabel: Eine "Außenstelle für Vermündlichungen und Musikalisierungen" soll die (auf Beethovens "Ode an die Freude" basierende) Instrumentalfassung der Europahymne in einen lautmalerischen, alle 24 Sprachen der Union vereinenden Hymnen-Hybriden überführen.

Der Abend bezwingt durch zweierlei: Einerseits segelt Katharina Bihlers Textkomposition immer wieder beherzt hinaus in die betörenden Gestade der Poesie, wo wohlverpackte Worte Schätzen gleich mit gleichmäßigem Ruderschlag von einem Sprachufer zum anderen geleitet werden. Wobei Bihlers Text Mal um Mal genauso mühelos und höchst komisch die Absurditäten eines modernen Babels auf dem Luxemburger Kirchberg zu evozieren weiß, wo in einem 24-stöckigen Übersetzerturm ein bürokratischer Kanon in eben so vielen Sprachen angestimmt wird. Andererseits lebt "Der Fall Sola" von der punktgenauen Verdolmetschung des Gesagten in mehrstimmigen, mal dramatisch aufgeladenen, mal elegisch grundierenden, mal jazzhaft pulsierenden Akkordsätzen. Nicht genug damit, wird der Klang der Worte auf einem zum Zauberkasten werdenden Overhead-Projektor unter Einsatz von Stift, gefaltetem Papier, Farbtropfen abstrahiert und visualisiert. Wenn man so will, entsteht eine synästhetische Dreifaltigkeit aus Sprache, Klang und Zeichen (nebst Chor, Hörspielfitzeln, Radiostimmen). Zuletzt wird der König durch den Übersetzerturm fallen und ihn als Inkarnation der europäischen Idee in 24-fach geklonter Gestalt verlassen. Chapeau!

Wieder am 23. Juni in der Stadtbibliothek Weberbach in Trier; am 9. November im Karlsruher ZKM im Rahmen der ARD-Hörspieltage und am 25. November in der Luxemburger Abbaye de Neumünster.

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