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Junge Künstler beleben den Pingusson-Bau

Junge Künstler beleben den Pingusson-Bau

Am Freitag wurde die 11. Landeskunstschau SaarArt in der AW-Halle in Burbach eröffnet. Bis Ende der Woche kommen zehn Ausstellungsorte hinzu. Einer der aufregendsten: der Pingusson-Bau in Saarbrücken, wo nun junge Künstler der HBK-Saar ihre Werke ausstellen.

Das Denkmal lebt, wenn auch nur bis 21. Mai. Bis dahin ist die zwischen 1950 und 1955 von Georges Henri Pingusson erbaute ehemalige französische Botschaft, die bis 2014 das Saar-Kultusministerium beherbergte, in Teilen zugänglich. Studenten und Absolventen der Saarbrücker Kunsthochschule (HBK) haben deren Park und den großen, sonnendurchfluteten Sitzungssaal samt Untergeschoss mit eigens für und in Auseinandersetzung mit dem denkmalgeschützten Gebäude entwickelten künstlerischen Interventionen bespielt.

Das Thema: Europa - oder besser die Utopie von Europa. Wie wollen wir hier zusammenleben? Was erzählt uns das mondäne, avantgardistische Gebäude Pingussons, das ursprünglich als Herzstück eines umfassenden, städtebaulichen Konzeptes für das Nachkriegs-Saarbrücken geplant war? Was wissen wir über und lernen wir aus der Geschichte unseres Kontinents, unserer Stadt - und dieser ehemaligen Botschafter-Residenz? Die FAZ schrieb 2014, im Pingusson-Gebäude spiegele sich Europa. Und die jungen Künstler, die dort jetzt ausstellen und Kunst ganz konkret vor Ort machen, spiegeln diese und eigene, persönliche Überlegungen in ihren Werken, in denen sie Bezüge herstellen zu dieser Architektur und dem Geist, der sie durchweht. "Etat d'esprit" lautet denn auch der Titel der Schau. Es geht um (Geistes-)Haltung, Mentalität, Sinn, Einstellung, Befindlichkeiten zu und in Europa. In Video-Installationen, Objekten, Performances, Klangkunst und Malerei haben sich die Künstler und ihre projektleitenden Professoren Eric Lanz (Fotografie/Video) und Georg Winter (Public Art) mit dem bis heute umstrittenen, wie die EU sanierungsbedürftigen Gebäude auseinandergesetzt.

Brandaktuell ist diese Schau. Auch wenn nicht alle Werke zünden: Wer sich auf die junge Kunst einlässt, wird überrascht sein von den Denkansätzen und den Verschränkungen von Kunst, Architektur - und Esprit. So wird schon der Bauzaun, der den Park zur von der HTW-genutzten Fläche hin abgrenzt, zur Installation. Zäune gibt es mittlerweile auch in Europa genügend. Im temporären botanischen Garten des Pingusson-Parks, einer Holzkonstruktion mit Plane, haben junge Künstler Ableger der Riesen-Pflanze aus dem Foyer gepflanzt, die dort schon seit den 50er Jahren wächst. Wird das zarte Pflänzchen EU überleben, austreiben? Professor Georg Winter lässt seine Studenten immer wieder gerne in die Kunst einziehen, um neue Formen des Zusammenlebens zu erproben. Wie schon in Projekten an mehreren europäischen Orten leben auch dieses Mal junge Künstler in ihren Installationen - dieses Mal in einem Langhaus aus Holz im Park, wo auch der einzige Museumsshop mit außergewöhnlichen Angeboten dieser SaarArt platziert ist.

Vieles lässt schmunzeln, das meiste erschließt sich nur schwer. Deshalb sei dem Besucher geraten, mit den Künstlern ins Gespräch zu kommen, so es denn möglich ist. Mit Klang zum Vibrieren gebrachte Betonplatten wie die von Christiane Wien, die damit das Innenleben des Baus sichtbar, die Nähe zur Autobahn hörbar machen will und auf Sinnlichkeit setzt, erklären sich nun mal nicht von alleine.

Während sich einige KünstlerInnen mit der Formsprache Pingussons und seiner Ästhetik auseinandersetzen, Linien, Formen und Farben aufgreifen, wählen andere den persönlichen Zugang. Eine schöne Geschichte als Installation aus alten Fotos, Zeitungsartikeln und Jazz-Klängen erzählt Nora Veneranda Roedelstuertz über ihren Vater, der als junger Saarbrücker Architektur-Student an den Planungen für den Bau mitwirken konnte. Tim Stöcker faszinierten die Staub-Schatten eines abgehängten Bildes von Barbara Steitz-Lausen mit dem Titel "Umarmung". Nur das Schild - quasi als Fetisch des Kunstbetriebs - blieb im Treppenhaus hängen. Stöcker spiegelt es auf die gegenüberliegende Wand und zeigt dazu zwei Frösche beim Paarungsakt. Nicht nur ästhetisch beeindruckend: Mara Ebenhöhs Sakko-Installation in der Garderobe im Erdgeschoss. Sie lädt zum Reinschlüpfen in die Blazer ein. Wer sich traut, geht dort unten, wo Gäste einst im Gebäude ankamen, auf Tuchfühlung mit fremder Kleidung unbekannter Menschen. Eine Anspielung auf die Willkommenskultur?

Wer erschöpft vom Rundgang eine Pause sucht, kann sich auf einer der Liegen draußen ausruhen. Julia Wagner und Christine Reisen haben sie originalgetreu nach Pingusson-Entwürfen nachgebaut. Sie sind heute noch so bequem und schön wie damals und stehen für Modernität, Kontinuität und Zeitlosigkeit. So wie das Pingusson-Gebäude, wo gerade wieder der europäische Geist weht. Wer dieses architektonische Juwel liebt, sollte den Besuch nicht verpassen.

Rahmenprogramm mit sonntäglichen Performances und einer Architektur-Filmreihe im Open-Air-Kino (Do-Sa jeweils um 21 Uhr).

Zum Thema:

Die Schau im Pingusson-Bau wird am Montag um 14 Uhr eröffnet und läuft bis 21. Mai (Mi-So: 14-18 Uhr). Diesen Sonntag eröffnen in Saarbrücken außerdem SaarArt-Ausstellungen in der Stadtgalerie (12 Uhr), der Schlosskirche (14 Uhr), im Künstlerhaus (15.30 Uhr) und im KuBa (17 Uhr). Am 1. Mai startet die Einzelschau von Leslie Huppert in der Völklinger Hütte (17 Uhr). Die Saarländische Galerie in Berlin zeigt Klangkunst von Peter Strickmann. Termine/Infos zu Begleitprogramm im Internet unter www.saarart11.de und auf der exzellenten Facebook-Seite der Saar-Art, wo sich die meisten Künstler vorgestellt haben.