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Der Ladenhüter Denkmalschutz regt sich

Der Ladenhüter Denkmalschutz regt sich

Landesdenkmalrat fordert eine gesellschaftliche Debatte und mehr Einfluss für das ehrenamtliche Gremium.

Verglichen damit, dass Denkmalschutz als eines der größten anzunehmenden Unthemen im Saarland (Interessiert keinen! Stört bloß! Bringt nur Verdruss!) gehandelt wird, ist derzeit ganz schön Musik im Karton. Seine hiesige Spielart gilt wahlweise als notwendiges Übel, einflusslose Lachnummer oder nervender Störfaktor. In jedem Fall beackern seine Wächter ein undankbares Feld, auf dem selten ein Blumentopf zu gewinnen ist. Denkmalschutz hat hierzulande keinen guten Ruf und vor allem keine Lobby.

Dass er eine quantité négligeable ist, offenbart nichts klarer als die auf die lange Bank geschobene Novelle des Landesdenkmalschutzgesetzes. Als Heike Otto im Januar 2016 als Kulturabteilungsleiterin im zuständigen Bildungsministerium anfing, hieß es, die Novelle - in der letzten Legislaturperiode fester Bestandteil des Koalitionsvertrages von CDU/SPD - werde von Otto zügig in Angriff genommen. Passiert ist bis heute nichts. Ein Referentenentwurf blieb in der Schublade. Doch hinter den Kulissen rumort es. Die Gründe hätten mehr öffentliche Wahrnehmung verdient, als es das Klischee vom Ladenhüter Denkmalschutz will.

Spricht man mit dem Vorsitzenden des ehrenamtlich tätigen Landesdenkmalrates, seit 2009 ist dies der Saarbrücker Architekt Henning Freese, wird deutlich weshalb. Der Rat berät die Landesdenkmalbehörde und fungiert als Clearingstelle. Alleine zwischen 2010 und 2015 sind an der Saar gut 30 Baudenkmäler aus der Denkmalliste gelöscht worden. Was nicht heißt, dass diese Bauern- und Wohnhäuser, Wegkreuze oder Kapellen alle verschwanden. Viele wurden gestrichen, weil die den Erhalt der Originalsubstanz vorsehenden Auflagen nicht mehr zu erfüllen waren. Manches Objekt aber fiel tatsächlich dem Abriss zum Opfer. Weshalb Freese eine Debatte darüber anmahnt, wieviel uns Denkmäler heute wert sind.

Barock-Ensembles wollen alle retten, sobald man sich aber der Moderne nähert, fehlt vielen das Verständnis für die kulturgeschichtliche Bedeutung von Bauten. "Die Diskussion über Denkmalschutz ist völlig beliebig geworden", sagt Freese. Während selbiger oft als Bremsklotz verschrien sei, der Privateigentümern angeblich per Auflagen das Leben schwer macht, habe das Landesdenkmalamt als oberste Fachbehörde zuletzt lieber lauter Westwall-Anlagen zu Denkmälern erklärt, meint Freese. Dass Letzteres Sinn machte, bezweifelt er. So wie er 2010 die Unterschutzstellung des historische Blickachsen rabiat zerschneidenden Finanzministeriums, 1965 erbaut, geißelte.

Es sei, schiebt der Ratsvorsitzende nach, "zusehends frustrierend, ein Gremium zu leiten, das nicht beißen kann". Zumal die Kooperation mit dem federführenden Landesdenkmalamt gelinde gesagt nicht optimal läuft, weshalb der Rat oft zu spät von Problemfällen erfährt. Als jüngstes Beispiel nennt Freese den Kirchheimer Hof in Breitfurt, dessen Historie vor den Dreißigjährigen Krieg (1618-48) zurückreicht. Das im Bliesgau liegende Gehöft diente später Zweibrücker Herzögen als Residenz, wurde dann zum klassizistischen Schlösschen ausgebaut und hernach um den (1939 gesprengten) Alexanderturm erweitert, einst mit 401 Metern die höchste Bliesgau-Erhebung. Heute droht dem Hof der Verfall seines Herrenhauses.

Nach Auffassung des Landesdenkmalrats, weil der Besitzer den Verfall mutwillig herbeigeführt haben soll. Freese wirft dem obersten Denkmalpfleger des Landes, Josef Baulig, im Falle Kirchheimer Hof weitgehende Untätigkeit vor. Statt die Instandsetzung des denkmalgeschützten Gebäudes schriftlich zu verfügen, habe Baulig viel zu nachgiebig agiert. Eine Stellungnahme von Baulig war am Freitag nicht zu erhalten. Kürzlich zog der von Freese persönlich informierte Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) als oberster Dienstherr Bauligs die Notbremse. Sein Ministerium untersagte den Abriss des Herrenhauses. Begründung: Die wirtschaftliche Unzumutbarkeit der Denkmalerhaltung sei nicht schlüssig erbracht worden.

So froh Freese über den Breitfurter Etappensieg auch ist: Er ist die Ausnahme. Eben wegen jenes berüchtigten Nachsatzes im Paragraf 7 des entsprechenden Landesgesetzes, der auch in Breitfurt im Spiel war. Er lädt dazu ein, Denkmalauflagen auszuhebeln. Gilt für Erhalt und Pflege von Baudenkmälern doch der Vorbehalt "soweit dies wirtschaftlich zumutbar ist". Zwar fordert das Gesetz, eine Unzumutbarkeit sei glaubhaft zu machen. Doch sucht die Denkmalbehörde selten die Konfrontation. Ihre Macht ist begrenzt. "Paragraf 7 hat eine verheerende Wirkung", findet Henning Freese. Will das Saarland nicht peu à peu wertvolles Bau-Erbe einbüßen, muss diese verkappte Lizenz zum Abriss fallen - so die Novelle je kommt. Zum Ob und Wann will man sich im zuständigen Bildungsministerium mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen derzeit nicht äußern.