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Vor 100 Jahren entstand mit dem Bauhaus die bedeutendste Architekturbewegung der Avantgarde

100 Jahre Bauhaus : Einfach, klar, funktional, seriell und billig

„Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Bauhaus“: Vor 100 Jahren entstand die wichtigste Architekturbewegung der Avantgarde.

(kna) „Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Bauhaus“ – mit diesem Satz drohten die Weimarer Bürger ihren Kindern in den 1920er Jahren. Die Kunstschule, die jedem offen stehen sollte, unabhängig von Schulabschluss, Geschlecht oder Staatsangehörigkeit, war vielen offenbar suspekt. Am 21. März vor 100 Jahren wurde das Bauhaus von dem Berliner Architekten Walter Gropius in Weimar eröffnet. Es entstand aus dem Zusammenschluss der örtlichen Kunstgewerbeschule mit der Kunsthochschule und sollte in einer Art Arbeitsgemeinschaft die Unterscheidung zwischen Künstler und Handwerker überwinden.

Bauhaus – das war für viele Konservative nicht weit weg von der Irrenanstalt. Verbanden sie damit doch Lehrer wie etwa den Schweizer Kunstpädagogen Johannes Itten, der mit kurz geschorenen Haaren in langen, wallenden Gewändern herumlief und lebensreformerische und esoterische Ideen vertrat. Und Studenten, die es ihm gleich taten, dazu studierende Frauen und soziale Gleichheit: Nein, die konservativen Weimarer hatten für die Bauhäusler, die durch ihr Schaffen gesellschaftliche Unterschiede beseitigen wollten, nicht viel übrig.

Für Gropius ging es in erster Linie um die „Idee der Vermittlung zwischen kreativen Künstlern und der Welt der Industrie“. Gebrauchsgegenstände sollten kostengünstig in Serie produziert werden, funktional und leicht zu reinigen sein. Das gleiche Prinzip wurde auf die Architektur übertragen: Einfache Bauteile sollten beliebig kombiniert werden, um Häuser billig zu gestalten. Ziel sei die „fabrikmäßige Herstellung von Wohnhäusern“, so formulierte es Gropius. Eine Maßgabe, die dem Bauhaus auch Kritik einbrachte: So geht etwa auch der viel gescholtene Plattenbau – Gropius entwarf nach dem Zweiten Weltkrieg etwa in Berlin die sogenannte „Gropiusstadt“, bis heute ein sozialer Brennpunkt – letztlich auf Bauhaus-Ideen zurück.

Nach Weimar berief Gropius hochkarätige Künstler als Meister, darunter Lyonel Feininger, Oskar Schlemmer, Paul Klee oder Wassily Kandinsky. Das Bauhaus, in der thüringischen Provinz gelegen, wurde so zu einem wichtigen Treffpunkt der europäischen Avantgarde. Das Musterhaus „Am Horn“ in Weimar etwa wurde 1923 das erste Projekt, das in Architektur und Einrichtung konsequent von der Neuen Sachlichkeit geprägt war. Es orientierte sich am Prinzip des „Wabenbaus“, das eine Raumkonzeption aus einem großen Hauptraum mit angrenzenden kleinen Räumen vorsah und auf die Nutzung durch eine Familie ohne Personal ausgelegt war.

Dennoch blieb das Bauhaus den Weimarer Bürgern ein Dorn im Auge: Finanziell und politisch von der rechten Thüringer Regierung unter Druck gesetzt, beschloss der Meisterrat daher 1925 den Umzug in eine andere Provinzstadt. Es ging nach Dessau. Eine folgenschwere Entscheidung, die sich im Nachhinein jedoch als richtig erwies: Die neue Einheit von Kunst und Technik, die dem Ruf der Bauhaus-Bewegung bis heute zugrunde liegt, kam erst hier zur vollen Entfaltung. Die Zusammenarbeit mit der Industrie begann in Dessau.

An der „Hochschule für Gestaltung“ entstanden so auch die ersten Möbel aus dem neuartigen Material Stahlrohr. Berühmt geworden ist insbesondere der so genannte „Freischwinger“ von Marcel Breuer. 1926 wurde am neuen Standort dann das neue, von Gropius entworfene Bau­hausgebäude eröffnet, das besonders mit dem vollständig verglasten Werkstattflügel zur Straßenseite beeindruckte. Außerdem wurden die von Martin Gropius entworfenen „Meisterhäuser“ errichtet, die die Vorstellungen von Wohnen und Arbeiten vereinten und in denen die Meister von Feininger bis Kandinsky selbst Quartier bezogen.

Die Leuchten für das neue Bau­hausgebäude entwarf hauptsächlich Marianne Brandt – eine der wenigen Frauen, die sich am Bauhaus einen Namen machten: Denn auch wenn zeitweise genauso viele Frauen wie Männer am Bauhaus studierten, wurde die nach außen gerne propagierte Gleichberechtigung in Wahrheit nur ansatzweise umgesetzt. „Zuerst wurde ich nicht freudig aufgenommen. Eine Frau gehört nicht in die Metallwerkstatt, war die Meinung“, äußerte sich Marianne Brandt im Rückblick. Man habe ihr „vorwiegend langweilige, mühsame Arbeit“ übertragen und das ihr gegenüber später auch bestätigt. Brandt schaffte es dennoch, die Vorbehalte der Männerriege zu überwinden und wurde stellvertretende Leiterin der Metallwerkstatt. Ihr Mini-„Teekännchen“ aus Silber und Ebenholz von 1924 machte sie weltberühmt.

1932 auf Druck der Nationalsozialisten geschlossen, kam das Bauhaus anschließend noch kurze Zeit in einer alten Telefon-Fabrik in Berlin-Steglitz unter, ehe es 1933 dann vollständig aufgelöst wurde. Zahlreiche Bauhäusler gingen ins Exil und trugen neben den heimkehrenden internationalen Studenten zur Verbreitung der wegweisenden Bauhaus-Ideen in der ganzen Welt bei: In Tel Aviv etwa errichteten ab den 1930er Jahren emigrierte Bauhaus-Architekten mehr als 4000 Gebäude, die sogenannte Weiße Stadt, die heute längst zum Unesco-Weltkulturerbe zählt. Auch wenn inzwischen einige abgerissen wurden: Mehrere tausend Gebäude existieren noch, knapp 1000 stehen seit 2009 unter Denkmalschutz.