Vertrackte Restitution: Rückgabe zweier Exponate des Stuttgarter Linden-Museums an Namibia

Rückgabe von Kulturgütern : Vertrackte Heimkehr von Kulturgütern

Die Rückgabe zweier Kolonialgegenstände an Namibia ist ein Paradebeispiel dafür, wie komplex das Thema „Restitution“ ist.

(kna) In Namibia herrscht Streit um die Rückführung zweier Kolonialgegenstände: Gestern hat eine von Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) angeführte Delegation die bislang im Stuttgarter Linden-Museum aufbewahrte Bibel und eine Peitsche des legendären Stammesführers Hendrik Witbooi (1830-1905) an Namibia zurückgegeben. Die deutsche Botschaft in Windhoek sprach von einer „offiziellen Rückgabe durch einen Staatsempfang“ im Süden Namibias. Doch der Vorgang sorgt für Protest unter den Witbooi-Nachkommen.

Die traditionellen Anführer der Nama-Volksgruppe fühlen sich ausgeschlossen. Sie sehen sich und den Witbooi-Clan als rechtmäßige Besitzer von Bibel und Peitsche. Kritik üben sie daher an Namibias Regierung. Die betrachtet Witbooi nämlich als „Nationalhelden“ – und dessen Erbe entsprechend als öffentliches Eigentum. „Zum einen ist zu begrüßen, dass das Linden-Museum die Rückgabe so proaktiv und konsequent betrieben hat“, meint der deutsch-namibische Afrikanist und Politologe Henning Melber. Zum anderen zeige der aktuelle interne Streit aber, dass es bei Restitution immer auch um die Frage gehe, wer einen rechtmäßigen Anspruch auf die zurückgeführten Objekte habe. Auch Deutschland blieb von dem Streit um Witboois Erbe nicht unberührt. Die traditionellen Behörden hatten vor Gericht versucht, die Rückführung zu stoppen. Bibel und Peitsche dürften nur an die Nachkommen übergeben werden, beharrten sie. Vergangene Woche wies der Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg jedoch einen Antrag der Vereinigung der Nama-Stammesältesten zurück. Der Streit betreffe Deutschland nur indirekt und sei „innerhalb Namibias“ zu klären, befand der Richter.

Laut Melber ist Namibias Regierung unter Staatspräsident Hage Geingob jedoch um einen „Kompromiss“ bemüht. So würden Bibel und Peitsche vorübergehend in Empfang genommen, ehe in Witboois Heimatdorf Gibeon ein geeignetes Museum gebaut sei. „Das sind Zeichen, dass der Zentralstaat die Befugnisse der Witbooi-Familie zu respektieren sucht“, so der Experte.

Dass die Relikte nicht direkt an die Erben des einflussreichen Nama-Kapteins zurückgegeben worden sind, überrascht Melber nicht. „Für das Linden-Museum, aber mehr noch die Bundesregierung, ist die namibische Regierung eine Instanz, an der nicht vorbei etwas passieren kann und darf.“ Eine Alternative wäre, die Rückgabe erst vorzunehmen, wenn eine erforderliche Infrastruktur zur sachgerechten Aufbewahrung in Gibeon geschaffen sei. „Aber es ist verständlich, dass angesichts der aktuellen Debatte das Linden-Museum gerne ein Zeichen setzen möchte.“ Die Bibel soll vorerst ins Nationalarchiv, die Peitsche ins Nationalmuseum von Windhuk gebracht werden.

Namibia war unter dem Namen Deutsch-Südwestafrika von 1884 bis 1919 deutsche Kolonie. Während dieser Zeit wurden die Einheimischen ausgebeutet und unterdrückt. Besonders brutal gingen deutsche Truppen von 1904 bis 1908 gegen einen Aufstand der um ihren Landbesitz fürchtenden Herero und Nama vor. Das Geschehen mit Zehntausenden Toten bezeichnen Wissenschaftler und Politiker inzwischen übereinstimmend als Völkermord.

Witbooi wurde 1830 in ein traditionelles Herrscherhaus geboren; bereits sein Vater und Großvater waren „Kapteine“ der Nama. Seine Ausbildung erhielt er an einer deutschen Missionsschule. Er beherrschte neben den lokalen Sprachen Khoekhoegowab und Herero auch mehrere europäische Sprachen. 1905 führte Witbooi einen Aufstand gegen die deutschen Kolonialtruppen an und wurde im Kampf tödlich verletzt. In Namibia wird er bis heute von vielen als Held verehrt – sein Kopf ist auf den Noten der offiziellen Währung „Namibia-Dollar“ abgedruckt. Die sogenannte Witbooi-Bibel und die Lederpeitsche fielen im Gefecht an die „Kaiserliche Schutztruppe“. Seit 1902 waren die Exponate im Stuttgarter Linden-Museum zu sehen.

Dem aktuellen Trend nach zu urteilen, werden sie nicht die letzten Objekte sein, die ihren Weg zurück nach Afrika finden. Vor kurzem betonten Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik, Michelle Müntefering (SPD): „Von Museen und Sammlungen erwarten wir die Bereitschaft, sich offen der Frage einer Rückgabe von Kulturgütern zu stellen.“