Kenah Cusanits Roman "Babel" ist eine biografische Grabungsarbeit zwischen Wissenschaft & Poesie

Neue Bücher : Kunsträuber zwischen Berlin & Babylon

Grabungen an der Wiege der Zivilisation: Kenah Cusanits Roman „Babel“ über den deutschen Archäologen Robert Koldewey.

Robert Koldewey, der zwischen 1899 und 1917 das antike Babylon ausgrub, war einer der bedeutendsten deutschen Archäologen, aber auch ein schwieriger Mensch: Einzelgänger, Sonderling, Hypochonder, ausgestattet mit mehr künstlerischem Talent als sozialer Kompetenz und mit einem sarkastischen Humor. Als Architekt dachte er in großen Räumen und langen Zeiten. Das brachte ihn immer wieder in Konflikt mit seinen an schnellen Erfolgen und spektakulären Funden interessierten Auftraggebern. Wilhelm II., der vom Orient begeisterte Kaiser, hielt große Stücke auf Koldewey, und sein Lieblingsausgräber enttäuschte ihn nicht. Was er in Babylon ausgrub und allen weltpolitischen Widrigkeiten zum Trotz in 536 Kisten nach Berlin brachte, gehört heute zu den Prunkstücken des Pergamon-Museums: Ischtar-Tor, Prozessionsstraße, Reste von Nebukadnezars Thronsaal und des sagenhaften Turms von Babel. Heute gilt Koldewey vielen nur noch als dreister Kunsträuber. Kenah Cusanit, Altorientalistin, Ethnologin, Anthropologin (und Autorin zweiter Lyrikbände), zeigt in ihrem Romandebüt, dass alles viel komplizierter war.

„Babel“ ist eine historisch-biografische Grabungsarbeit zwischen Wissenschaft und Poesie, Kolonialgeschichte und Komik. Cusanit fördert mit den Schaufeln und Hacken des Worts (und der Plattenkamera der englischen Geheimagentin und Koldewey-Freundin Gertrude Bell) Ruinen und Scherben der „Wiege der Zivilisation“ zutage und setzt sie zu einer neuen Prozessionsstraße zusammen. Vorbei ziehen: Gedankenfetzen und Vexierbilder von Koldewey als Archäologe, Zeichner, umsichtiger Organisator und unkonventioneller Philosoph; dazu Porträts von Mitarbeitern, Landschaftsimpressionen und Alltagsskizzen. Koldewey leidet unter der glühenden Hitze und einer verschleppten Blinddarmentzündung, die er mit Rizinusöl-Einläufen behandelt. Journalisten und Politiker wollen abgewimmelt, Arbeiter angetrieben, Scheichs gebauchpinselt und mit Bakschisch geschmiert werden. Der Kaiser, die Deutsche Orientgesellschaft sowie die Gönner aus Industrie und Politik fordern maximale Prestige-Erträge bei minimalen Kosten; der Pascha und die Engländer schauen misstrauisch zu.

Im Hintergrund laufen wie auf einem Fries Schrifttafeln und diverse Bruchstücke aus Koldeweys und Cusanits weitgespanntem Wissenshorizont mit: Reflexionen über Kultur und Krieg, Schrift und Sprache, Geschichte und Fotografie, technische Details der Rollplattenkamera, medizinische Lehrbücher, trigonometrische Gleichungen, hethitische, sumerische und persische Mythen. Cusanits historische Tiefenbohrungen führen oft bis in die Gegenwart, vom Bau der Bagdadbahn bis zu Irakkrieg und IS-Terror.

In Babylon werden buchstäblich die Fundamente unserer Zivilisation freigelegt. Koldeweys Gegenspieler, der Philologe Friedrich Delitzsch, rüttelte 1907 an den Grundfesten des Glaubens, als er die jüdisch-christlichen Schöpfungsgeschichten auf ältere babylonische Quellen zurückführte. So zieht auch Cusanit immer wieder Linien von Babylon, der ersten Weltstadt, zu Berlin-Babylon. Koldewey selber mied das Sündenbabel so gut er konnte. Er hatte keine Familie und kaum Freunde, und bei seinen seltenen Berlin-Besuchen kümmerte er sich mehr um Ventile und Pläuelstangen für die Maschinen im Grabungsfeld als um die soziale Mechanik seiner Beziehungen.

„Babel“ ist selber eine Art hybrider babylonischer Turm: Gebaut aus Lehm auf Wüstensand und doch so hoch in den Himmel ragend, dass er von unten fast unbesteigbar erscheint. Manche Sätze mäandern wie der Euphrat dahin, breit, schier endlos, immer wieder die Richtung wechselnd. Und ganz oben wird die Luft dann doch dünner. Koldewey ist ja kein deutscher Indiana Jones, nicht mal ein zweiter Schliemann, sondern gedankenverlorener Grübler, Träumer, kauziger Welten-Baumeister. „Babel“ ist daher auch kein historischer Roman, kein klassisch erzähltes Lebensbild mit Anfang und Ende. Anders als etwa in Michael Ondaatjes „Englischem Patienten“ gibt es in dieser Kriegswüste weder eine romantische Liebesgeschichte noch Abenteuer.

„In einer großen Erzählbewegung umfasst dieses Debüt das Zimmer des Babylon-Ausgräbers Koldewey, als wäre es selbst ein archäologisches Artefakt, ein Mosaikstein, der aufs ganze Bild verweist“, rühmt die Jury des Leipziger Buchpreises den Roman, für den Cusanits neben vier anderen Autoren nominiert ist. Cusanit meidet die großen Bilder und lauten Gefühle. Deutsche Grabungstechnik bedeutet für sie im Gegensatz zur objektfixierten der Engländer ein „Denken in Zusammenhängen“, auch auf Kosten von Logik und Ordnung. „Babel“ ist so mehr lyrischer Essay als Roman, ein vielstimmiges Gedanken-Buch, das man nicht schnell mal auslesen kann. Es steht einsam und hoch wie ein Turm zu Babel in der Wüste der Gegenwartsliteratur und flirrt und flimmert wie eine seltene Fata morgana.

Kenah Cusanit: Babel. Hanser, 269 Seiten, 23 €.