1. Nachrichten
  2. Kultur

Die Welt ist aus den Fugen

Die Welt ist aus den Fugen

„Gegen die Dummheit – Hanns Eisler heute“ heißt die Zusammenarbeit von Saarländischem Staatstheater und der Hochschule für Musik Saar. In der Feuerwache war nun Premiere.

"Aber es ist wirklich zu dumm, dass erwachsene Menschen, Künstler, die wahrhaftig Besseres zu sagen haben sollten, sich mit Weltverbesserungstheorien einlassen, obwohl man ja aus der Geschichte wissen kann, wie all das ausgeht. Wenn ich etwas zu sagen hätte, würde ich ihn wie einen dummen Jungen übers Knie legen . . . und ihn versprechen lassen, dass er nie mehr seinen Mund aufmacht und sich auf Notenschreiben beschränkt."

So urteilte der Komponist Arnold Schönberg 1947 in einem Brief über seinen ehemaligen Schüler Hanns Eisler (1898-1962) - nachdem dieser wegen "unamerikanischer Umtriebe" verhört worden war. Wie gut, dass Schönberg in dieser Angelegenheit auch schon vorher nichts zu sagen hatte. Sonst hätte sich der Österreicher Eisler nicht in den Dienst der Arbeiterbewegung gestellt und in kongenialer Zusammenarbeit etwa mit Bertolt Brecht Werke über Revolution, Klassenkampf, Faschismus, Krieg und Exil geschaffen. Weil sich Eisler zugleich mit dem Wiederaufgreifen der Zwölftonmusik um die Versöhnung von elitärem Kunstanspruch und gesellschaftlicher Verantwortung mühte, hinterließ er ein enorm facettenreiches Oeuvre, das die Zerrissenheit deutscher Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelt.

Diese thematische wie stilistische Bandbreite beleuchtet nun das Kooperationsprojekt "Gegen die Dummheit - Hanns Eisler heute" (Dramaturgie: Holger Schröder) von Saarländischem Staatstheater (SST) und der Hochschule für Musik Saar (HfM). Premiere war am Donnerstag in der Alten Feuerwache, im Rahmen der EislerTage 2016 der Internationalen Hanns Eisler Gesellschaft.

Mit Kammermusik, Arbeiterliedern, Kabarettsongs und Filmmusiken skizziert der Abend verschiedene Schaffensbereiche; gegengeschnitten sind Selbstzeugnisse aus Gesprächen, die Eisler mit dem Autor Hans Bunge über seinen Kampf "gegen die Dummheit in der Musik" führte. HfM-Professor Stefan Litwin befehligt als musikalischer Leiter im Wechsel zwischen Dirigat und Klavierbegleitung ein reduziertes Staatsorchester (nebst Unterformationen) in speziellem Arrangement: Der Verzicht auf helle Streicher ergibt eine ganz eigene Klangfarbe; typisch für Eisler sind zudem Jazz-Instrumente wie Saxofon oder Banjo und umfangreiches Schlagwerk. Über eine anfängliche Warmspielphase findet das Orchester bald zu einem homogenen Ensembleklang - wobei just gewisse Unwuchten den Varieté-artigen Schwindel einer aus den Fugen geratenen Welt verstärkten. Ein kammermusikalisches Glanzlicht setzen Lorenz und Mario Blaumer mit Eislers Duo für Violine und Cello op. 7. Die szenische Einrichtung (Solvejg Bauer) erschöpft sich in Gängen über die Bühne und Spots auf die Redner/Sänger.

Die Rezitation übernehmen SST-Schauspielerin Nina Schopka und der Pianist/Chansonnier Horst Maria Merz, die beide auch als Sänger glänzen: Merz überzeugt vor allem bei schmissigen Orchesternummern, während die stimmlich und schauspielerisch differenziertere Schopka insbesondere bei schlichten Liedern mit verletzlicher Innigkeit anrührt. Die schwierigsten Gesangsparts in moderner Tonsprache schultert bravourös Litwins Masterstudentin Lisa Ströckens: Mit ihrem wendigen Sopran, ihrer Präsenz und ihrem Gespür für Emotionen und maliziös ausgekostete Ironie riss Ströckens jedes Lied an sich. Riesenapplaus.

Termine: 5. Oktober, 8., 12. und 18. November.