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„Mag sein, dass viele das nicht sehen wollen“

„Mag sein, dass viele das nicht sehen wollen“

In ihrem Film „24 Wochen“ erzählt die Regisseurin und Autorin Anne Zohra Berrached von einem Paar, das eine niederschmetternde Diagnose erhält: Ihr ungeborenes Kind wird schwer krank zur Welt kommen. Das Paar schließt eine späte Abtreibung nicht aus. SZ-Mitarbeiter Martin Schwickert hat mit der Regisseurin über ihren aufwühlenden Film gesprochen.

"24 Wochen" ist Ihr Abschlussfilm. Andere erzählen da über ihre WG-Erfahrungen oder arbeiten eigene Kindheitserlebnisse auf. Sie befassen sich mit dem Thema Schwangerschaftsspätabbruch. Wie sind Sie auf dieses Thema gestoßen?

Berrached: Ich habe über das Thema Spätabtreibung gelesen und da erfahren, dass - nach dem dritten Monat - über 90 Prozent der Frauen ihre Kinder abtreiben, wenn es eine Behinderung hat. Sobald das Kind eine Fehlbildung hat, darf die Frau bis zum Einsetzen der Wehen abtreiben. Ich habe mich gewundert, dass darüber so wenig bekannt ist, und dachte, dass es Zeit ist, über dieses Thema einen Film zu drehen. Wenn man es einmal nur aus der Regie-Sicht sieht, ist das einer der größten Konflikte, in die man seine Hauptfigur bringen kann: Die Frau muss hier über das Leben ihres eigenen Kindes entscheiden. Nach der 24. Woche ist das Kind außerhalb des Mutterbauchs lebensfähig. Dann sieht eine Abtreibung noch einmal ganz anders aus: Da wird das Kind vorher mit einer Kalium-Chloridspritze getötet.

Spätabtreibung ist ein Tabuthema. Wie schwer haben sich die Recherchen zum Film gestaltet?

Berrached: Ganz einfach war es, mit Ärzten zu reden. Die haben richtiggehend darauf gewartet, dass jemand darüber einen Film macht. Die sind täglich damit konfrontiert. Es war auch kein Problem, Eltern zu finden, die sich für das Kind entschieden haben. Aber es war fast ein Ding der Unmöglichkeit, mit Menschen zu reden, die sich zu einer Abtreibung in einer hohen Schwangerschaftswoche entschlossen hatten. Ich habe in Internet-Foren gesucht. Mir wurde auch geantwortet, aber sobald ich mit den Betroffenen telefonieren wollte, war Schluss. Man will darüber nicht reden. Irgendwann hat sich ein Paar zur Mitarbeit bereit erklärt, das in der 26. Woche abgetrieben hatte, weil das Kind die Glasknochenkrankheit hatte. Wir haben uns in einem Café getroffen, gesprochen und viel geweint. Die Aufnahme des Gesprächs habe ich auch den Darstellern vorgespielt, und das Paar hat auch noch einmal das Drehbuch gelesen. Die Beiden haben mir sehr geholfen.

Sinkt mit der Pränatal-Diagnostik und der hohen Zahl der damit verbundenen Abtreibungen die gesellschaftliche Akzeptanz für behinderte Kinder?

Berrached: Eine Frau, die sich dazu entschieden hat, ihr Kind mit Down-Syndrom zu bekommen, erzählte mir, dass sie den Satz "Das muss doch heute nicht mehr sein" immer mal wieder hört. Unsere Gesellschaft tut sich schwer im Umgang mit behinderten Menschen. Man will Menschen, die Leistung bringen. Und die Eltern sind natürlich auch verunsichert, ob sie es in unserer Gesellschaft mit einem behinderten Kind schaffen. Da muss man die Prioritäten im Leben plötzlich ganz anders setzen. Dazu sind viele nicht bereit oder sehen sich nicht dazu in der Lage.

Warum war es für Sie unabdingbar, in letzter Konsequenz auch den Prozess der Abtreibung zu zeigen?

Berrached: Der Film informiert auch darüber, wie eine Spätabreibung überhaupt aussieht. Mag sein, dass viele das nicht sehen wollen, aber das ist nun einmal Teil unserer Wirklichkeit. Ich will mit meinen Filmen genau hinschauen. Ich glaube fest daran, dass man alles auf die Leinwand bringen kann, was in unserer Gesellschaft an Problemen existiert. Da gibt es natürlich Grenzen - aber die sind mit diesem Film noch längst nicht erreicht.

Der Film läuft zurzeit in der Camera Zwo (Sb).