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Unter filmischen Kolonialherren

Unter filmischen Kolonialherren

Ein mordender Charlie Chaplin, ein opportunistischer Heinz Rühmann, ein schwadronierender Fritz Lang: Christian Kracht bietet in „Die Toten“ Auferstehungen zuhauf. Und schließt in seinem 30er-Jahre-Roman Leinwand- und Weltbeherrschung kurz. Stilistisch erklimmt Kracht den Gipfel seiner Erzählkunst.

In fast allen Rezensionen zu Christian Krachts "Die Toten" ist kennerhaft davon die Rede, der dreigeteilte Roman sei im Stile des japanischen Nô-Theaters verfasst. Das mag sein, daraus aber bereits dessen überschwänglich besungene formale Raffinesse abzuleiten, sagt eher etwas über den derzeitigen Stand der literarischen Kritik, die heute schnell zum Kniefall bereit ist. Noch ehe der Roman erschienen war, musste er reihum gewürdigt werden. Zehrt Kracht doch bis heute von seinem enormen Nimbus, der Veteran der in den 90ern gefeierten neudeutschen "Popliteratur" zu sein. 1995 erschien sein Debüt "Faserland", das später als Bibel einer distinguierten bürgerlichen Desillusionierungsliteratur gehandelt wurde. Seither konnte sich Kracht beständiger Aufmerksamkeit sicher sein. Umso mehr, weil er es über Jahre hinweg verstand, seinen Marktwert per Selbstinszenierung aufzuladen.

"Die Toten" nun, sein inzwischen fünfter Roman, katapultiert uns auf einer zwischen Berlin, Tokio und Los Angeles aufgespannten, beständig zwischen diesen Metropolen wechselnden Szenerie zurück in die 30er Jahre. Zwei Hauptfiguren verknüpfen das gesamte übrige, teils namhafte Personal - besetzt Krachts historische Fiktion doch, "als habe sich das ein müder Halbgott genauso ausgedacht" (Kracht über Kracht?) in Nebenrollen auch Charles Chaplin, Heinz Rühmann, Fritz Lang und die beiden Feuilletonkritiker Siegfried Kracauer und Lotte Eisner. Zum einen ist da der Berner Filmregisseur Emil Nägeli, der im Auftrag der Nazis und ihres Medienmoguls Alfred Hugenberg in Japan einen Ufa-Film drehen soll, um via Asien den Erdball mit deutschen Filmen zu kolonialisieren. Kino ist für Hugenberg "Krieg mit anderen Mitteln". Nägelis Konterpart ist der im japanischen Kulturministerium tätige, einflussreiche Masahiko Amakasu, der in Wahrheit hinter dem Ufa-Deal mit Nägeli steckt. Amakasu verfolgt indes gänzlich andere Motive: Die "zelluloidene Achse" Berlin-Tokio soll dem US-amerikanischen Kulturimperialismus entgegenwirken und eine "hölderlinsche Zone" vollendeter Innerlichkeit schaffen, die Amakusa als metaphysische Gemeinsamkeit der deutschen und der japanischen Seele begreift. Vor allem aber zielt Amakasus geplante Instrumentalisierung der Deutschen darauf, mit ihrer Hilfe den Siegeszug des Tonfilms in Japan zu verhindern.

Der Verwicklungen nicht genug, wird der eher zufällig in das Filmprojekt geschlitterte, von "beständigem purpurnen Selbstmitleid" beschwerte, Nägel kauende Nägeli in Berlin auf einer wüsten nächtlichen Taxifahrt von Kracauer dazu angeregt, seinen japanischen Ufa-Film als "Allegorie, bitte sehr, des kommenden Grauens" anzulegen - sprich die Nazis mit deren eigenen (Finanz-)Mitteln vorzuführen. Abliefern wird er zuletzt nichts von alledem, vielmehr einen verwackelten Experimentalfilm, der nicht mal in der Schweiz wen interessieren wird.

Man würde Krachts vielschichtigem Roman-Kaleidoskop nicht im Entferntesten gerecht, reduzierte man es auf diese gekonnt Leinwand- und Welt-Annexion kurzschließende filmhistorischen Anleihen. Ist "Die Toten" zugleich, etwas verborgener, doch eine literarische Recherche einer "Kosmologie des Seins" japanischer Prägung. Eine Annäherung, die sowohl "jene Schweigsamkeit, die alles meint und nichts sagt" offenbart als auch die kultivierte Magie des Alltäglichen. Beides nährt die Erinnerungen "wie ein Naturgeist, der beständig und ewig am Rande des Lebens mitreiste". Wobei Kracht voll süffisanter Ironie stets die Balance hält inmitten seiner insoweit bipolar aufgebauten, zwischen Slapstick und Sinnlichkeit, zwischen Tempo und Traurigkeit hin und her diffundierenden Romanhandlung. Tradition und Moderne küssen und schlagen sich darin. Schon die erste Romanszene, in der Amakasu sich den Mitschnitt einer rituellen japanischen Selbstötung ansieht, zeigt, was dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher Zivilisationen impliziert: "Es gab bestimmte Dinge, die man nicht abbilden durfte, nicht vervielfältigen." Was sich auch als Rückspiegelung auf uns heute lesen lässt.

Der Roman zeigt Kracht stilistisch auf dem Gipfel seiner Erzählkunst. Mit diebischer Freude arrangiert er in 46 Kapiteln ein immer wieder das Absurde streifendes Panoptikum der 30er. In eine derart geschliffene, grazile, ja gespreizte Prosa gegossen, als wolle Kracht seine altmodische Erzählweise selbst auch noch ironisieren. Man sieht ihn vor sich, wie er sich beim Schreiben über die Prätentiosität seiner eigenen Sätze amüsiert und dann das nächste Adjektiv-Feuerwerk zündet. Im Schlussteil räumt Kracht dann nicht nur sein Personal zügig ab, sondern räumt auch mit der Traumfabrik Hollywood auf, in einem Showdown unter dem "gigantischen Menetekel des Hollywood-Schildes". Drunter tut er's nicht. Ein großer Wurf.

Christian Kracht: Die Toten. Kiepenheuer & Witsch, 212 Seiten, 20 €.