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"Gewalt, Ehrenmord, Druck - das gibt es"

Autor Su Turhan. Foto: Bauriedl
Autor Su Turhan. Foto: Bauriedl
Sie gelten als Deutscher "mit Migrationshintergrund". Wie finden Sie die Formulierung?Turhan: Sie klingt furchtbar. Ich weiß, dass sie meist positiv gemeint ist, aber ich finde, sie hört sich eher nach einer Herabstufung als nach Anerkennung an

Sie gelten als Deutscher "mit Migrationshintergrund". Wie finden Sie die Formulierung?


Turhan: Sie klingt furchtbar. Ich weiß, dass sie meist positiv gemeint ist, aber ich finde, sie hört sich eher nach einer Herabstufung als nach Anerkennung an.

Sollte man den Hinweis auf die Herkunft ganz weglassen?



Turhan: Nein, dass wir alle gleich sind, stimmt ja auch nicht. Aber mir gefällt besser, wie die Amerikaner damit umgehen: Sie verweisen auf die "roots", - das klingt freundlicher. "Deutscher mit türkischen Wurzeln" gefällt mir.

Beschreiben Sie mal Ihre Hauptfigur "Kommissar Pascha".

Turhan: Zeki Demirbilek führt als Chef des Sonderdezernats Migra ein Leben zwischen Schweinebraten und Döner, katholischer Kirche und Moschee. Ich liebe es, mit Klischees zu spielen: Er trinkt Cay, türkischen Tee, spielt Tavla, türkisches Backgammon, und hat ein schlechtes Gewissen, weil seine Leidenschaft für Schweinebraten gegen seinen muslimischen Glauben verstößt. Mit der Figur kann ich perfekt meine Botschaft rüberbringen.

Welche ist das?

Turhan: Dass Menschen, die beide Kulturen in sich vereinen, zum Alltag gehören.

Ihr Held wirkt perfekt integriert. Gibt es Menschen wie ihn?

Turhan: Unter Künstlern schon. Ich kenne Schriftsteller, Fotografen, Maler, die einen ähnlichen Mix leben. Aber unter Polizeibeamten dürfte einer wie Zeki selten sein. Ich verschweige nicht, dass es nach wie vor dieses Enklavendenken gibt. Die Türken bleiben unter sich, die Deutschen auch. Assimilation wird meist so verstanden: Hauptsache ich habe einen Job und eine Wohnung, der Rest interessiert mich nicht. Ich kann allen Einwanderern nur raten, lernt ordentlich Deutsch und seht Almanya nicht als Gastgeberland, sondern als Heimat.

"In türkischen Familien kommt es häufig zu häuslicher Gewalt und Kurden sind oft in illegale Glücksspiele verwickelt." Das steht in Ihrem Roman. Haben Sie keine Angst, dass Sie damit Ressentiments bestätigen?

Turhan: Nein, denn das ist eine Tatsache aus der Polizeistatistik. "Kommissar Pascha" ist vorrangig ein Krimi, der unterhalten will. Aber auch einer, der versucht, im Subtext gesellschaftsrelevante Themen unterzubringen. Ich komme aus einer Familie, die relativ liberal ist und weiß, wie es in anderen Familien zugeht. Probleme möchte ich offen ansprechen und erlaube mir auch kritische Kommentare. Ob Kriminalität, Ehrenmorde, Druck auf Frauen, als Jungfrau in die Ehe zu gehen, oder das übertriebene Erziehen der Kinder im Sinne der Herkunftskultur: All das gibt es.

Wurde in ihrer Familie Türkisch gesprochen?

Turhan: Ja, ich wuchs zweisprachig auf. Wenn wir aus der Tür gingen, sprachen wir Deutsch.

Welche Rolle spielte der muslimische Glaube?

Turhan: Meine Eltern waren sehr religiös. Meine Mutter betet noch heute fünf Mal am Tag. Auf ihren Wunsch habe ich die Koranschule besucht, aber in meiner Gymnasialzeit meine eigene Einstellung gefunden. Ich bin weder Muslim noch glaube ich an Gott. Das akzeptieren meine Eltern - was ich ihnen nach wie vor hoch anrechne.

Welchen Bezug haben Sie zu Saarbrücken?

Turhan: Die Stadt wird mir immer als besonderer Teil meines Schaffens in Erinnerung bleiben. Welturaufführung - was für ein erhebender Moment. Wie kam Ihr Film "Ayla" an?

Turhan: Sehr gut. Nicht nur bei der Premiere, alle Vorstellungen waren ausverkauft. Ich habe Saarbrücken als cineastische Trutzburg kennengelernt, im Inneren der Burg hütete man gute Geschichten. Die Stadt selbst empfand ich als sympathisch und aufgeschlossen. Ich fühlte mich verdammt wohl.

Su Turhan: Kommissar Pascha. Ein Fall für Zeki Demirbilek. Knaur, 352 S., 8,99 Euro.