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Eine krisengeschüttelte Freundschaft

Eine krisengeschüttelte Freundschaft

Warschau/Berlin. 20 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages klingt manche Formulierung von damals wie aus einer anderen Ära

Warschau/Berlin. 20 Jahre nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages klingt manche Formulierung von damals wie aus einer anderen Ära. Polen und Deutschland "werden niemals und unter keinen Umständen als erste Streitkräfte gegeneinander einsetzen" - dazu verpflichteten sich beide Länder in dem Dokument, das Kanzler Helmut Kohl und der polnische Regierungschef Jan Krzysztof Bielecki am 17. Juni 1991 in Bonn unterzeichneten.Von einem "Akt historischer Dimension" sprach damals der polnische Ministerpräsident, den "Beginn eines neuen Zeitalters" sah Kohl. Heute kommt Polens Präsident Bronislaw Komorowski (Foto: afp) nach Deutschland, um Bilanz zu ziehen und den Durchbruch von damals zu würdigen. Bundespräsident Christian Wulff hat ihn zu einer "Berliner Rede" in der Humboldt-Universität eingeladen. In der kommenden Woche reist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Regierungsgesprächen nach Warschau.

Die Zeiten haben sich geändert. "Die Vorstellung einer gewaltsamen militärischen Auseinandersetzung ist im deutsch-polnischen Verhältnis absurd geworden", sagte kürzlich der CDU-Abgeordnete Karl-Georg Wellmann im Bundestag. Deutsche und polnische Soldaten sind seit zwölf Jahren Bündnispartner in der Nato und kämpfen Schulter an Schulter. Auch auf anderen Gebieten, etwa bei Reisefreiheit, Handel und Arbeitsmarkt, hat das wirkliche Leben die Vertragsbestimmungen längst überholt. "Wir haben den Vertrag zu 110 Prozent erfüllt", sagt Ex-Regierungschef Bielecki stolz. Mit dem Vertrag über "gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit" sprangen Polen und Deutsche über ihren Schatten. Für die Polen war es keinesfalls selbstverständlich, Deutsche als Partner zu akzeptieren. Die NS-Kriegsverbrechen waren daran schuld, und die kommunistische Propaganda, die die Angst vor der "BRD" systematisch geschürt hatte. Aber auch in Deutschland wollte eine Minderheit den Verzicht auf die ehemaligen deutschen Ostgebiete immer noch nicht akzeptieren. Erst Ende 1990 war die Oder-Neiße-Grenze vom wiedervereinigten Deutschland anerkannt worden.

Das deutsch-polnische Verhältnis blieb auch nicht frei von Krisen und Belastungen. In der Regierungszeit der Kaczynski-Brüder von 2005 bis 2007 war anti-deutsche Polemik wieder an der Tagesordnung. Äußerungen der Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach bleiben in Polen umstritten. In Warschau kehrte Regierungschef Donald Tusk 2007 zu einer pragmatischen Politik gegenüber Berlin zurück, Staatsoberhaupt Komorowski stärkt ihm seit dem vergangenen Jahr dabei den Rücken. dpa