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Auslandsschweizer im Saarland
Von der Sehnsucht nach Schoggi und Cervelat

1. August: Am Nationalfeiertag "grillieren" die Mitglieder der Vereinigung der Schweizer im Saarland Schwenker und Cervelat.
1. August: Am Nationalfeiertag "grillieren" die Mitglieder der Vereinigung der Schweizer im Saarland Schwenker und Cervelat. FOTO: Vereinigung der Schweizer im Saarland
Saarbrücken . Die Vereinigung der Schweizer im Saarland pflegt heimatliche Kultur. Das hilft, wenn die Schweizer in der neuen Heimat doch einmal Heimweh bekommen. Von Lisa Kutteruf

Küsschen links, Küsschen rechts, Küsschen links. Vertraute Umgangsformen. Familiäre Dialekte. Die Erinnerung an die Heimat. Die Treffen von Anna Blaß, Robyn André, Nadja von Känel und Hendrik von Känel sind wie kleine Ausflüge in die Schweiz. Weniger schweizerisch der Wohnort der vier: das Saarland. Blaß, André und Nadja von Känel haben ihre Heimat der Liebe wegen verlassen.


Alle drei sind in der Vereinigung der Schweizer im Saarland. Auch Hendrik von Känel ist Mitglied. Er ist zwar Saarländer, fühlt sich aber durch seine Frau mit der Schweiz verbunden. Schweizer, die sich im Saarland zusammenschlossen, gab es bereits 1921. Im Jahr 1946 folgte die offizielle Gründung der Vereinigung, mit etwa 200 Mitgliedern. „Damals sind viele Geschäftsleute ins Saarland gekommen“, erzählt Blaß, die die Präsidentin der Vereinigung ist. Das hat sich inzwischen geändert: Heute sind nur noch 30 Personen in der Gruppe. Und: Den Schweizern fällt niemand ein, der aus beruflichen Gründen ins Saarland gekommen ist. Die meisten seien wegen ihres Partners oder ihre Partnerin umgezogen.

Gemeinsame Ausflüge und Feiern

Der Zweck der Vereinigung ist hingegen noch derselbe wie vor 70 Jahren: Ziel ist, „die Interessen der Auslandsschweizer zu vertreten, die kulturellen Beziehungen zur Schweiz zu fördern und die Liebe zur Heimat zu pflegen, jedoch frei von politischen und religiösen Tendenzen“, liest Blaß aus den Statuten der Vereinigung vor.



Praktisch gesehen heißt das vor allem, dass die Schweizer Zeit miteinander verbringen. Sie unternehmen Spaziergänge und Ausflüge und treffen sich häufig in der Wilden Ente in Güdingen, ihrem Stammlokal. Dort feiern sie am 6. Dezember die Nikolausfeier, bei der auch der Schweizerische Generalkonsul aus Frankfurt anwesend ist. „Da gibt es Cervelat und Schwiizer Schoggi“, schwärmt Nadja von Känel, die Schriftführerin der Gruppe. Die Cervelat, eine schweizerische Brühwurst, wird zu diesem Anlass extra aus der Schweiz importiert. Ein weiterer feststehender Termin ist der 1. August, der Nationalfeiertag der Schweizer. „Da grillieren wir zusammen Schweizer Bratwurst, Cervelat und Schwenker“, sagt Robyn André, die die zweite Vorstandsvorsitzende des Vereins ist und seit 2009 im Saarland lebt.

Kulturschock Deutschland?

Als die Frauen nach Deutschland zogen, war so manches ungewohnt. „Manche werfen ihren Müll einfach auf den Boden. Das habe ich nie verstanden“, sagt Blaß, die ursprünglich aus St. Gallen kommt und schon seit 45 Jahren im Schweizerverein ist. „Wie es hier teilweise am Straßenrand oder an Bushaltestellen aussieht – das würde es in der Schweiz nicht geben.“

Unverständnis auch bei André: „Was mir aufgefallen ist, ist das mit dem Dialekt“, sagt sie. „In der Schweiz ist es das normalste der Welt, dass jeder in seinem Dialekt spricht. So erkennt man sofort, wer aus welchem Kanton kommt. Hier ist das anders. Alle versuchen, Hochdeutsch zu sprechen. Warum ist das so?“

Nadja von Känel hat ebenfalls Unterschiede zwischen den Ländern registriert, zum Beispiel die „Geiz-ist-geil-Mentalität.“ „In Deutschland steht häufig der Preis an erster Stelle. Das ist in unserer Heimat genau umgekehrt: Erst kommt die Qualität. Und: in der Schweiz gibt es noch viele Tante-Emma-Läden. Es ist völlig klar, dass man in dem Ort einkauft, in dem man wohnt. Die Deutschen kaufen lieber dort ein, wo es billig ist.“

Hendrik von Känel: „Dafür sind die Schweizer sehr langsam.“ Eine Eigenschaft, mit der von Känel die anderen gerne mal aufzieht – die er in mancher Hinsicht aber gar nicht so schlecht findet. „Ein Job in Deutschland sind drei Jobs in der Schweiz. Und das ist häufig auch gut so.“

Auch die Umgangsformen unterscheiden sich laut Nadja von Känel. Die Schweizer würden sich höflicher ausdrücken. Wenige Minuten später wendet sich Nadja von Känel an ihren Mann: „Hol mal den Laptop raus“, sagt sie. Hendrik von Känel lacht: „Das hätte sie früher nie gesagt. Man merkt, dass sie schon eine Weile in Deutschland lebt. Ein Schweizer würde in der Situation eher so etwas sagen wie: ‚Wäre es möglich, dass du mir eventuell den Laptop geben würdest, bitte…?‘“ Alle lachen.

Neue Heimat Saarland

Ist in der Schweiz alles besser? „Wenn wir uns sehen, schwärmen wir natürlich immer sehr von der Heimat“, gibt Robyn André zu. „Aber die Wahrheit ist, dass wir uns auch im Saarland sehr wohlfühlen – sonst wären wir ja nicht hier.“ Nadja von Känel: „Die Saarländer sind sehr herzlich. Ich wurde hier mit offenen Armen aufgenommen.“ Die andern stimmen zu. Doch das sei nicht immer so gewesen, sagt Blaß. „Als ich hier ankam, war es nicht immer leicht. Damals waren die Leute noch nicht so offen wie heute.“ Nach einer Weile habe sie aber sehr gute Freunde im Saarland gefunden.

Wer sich mit den Schweizern unterhält, merkt schnell: Sie sind längst im Saarland angekommen. Wenn sie das Heimweh doch einmal überkommt, sind sie froh über ihre Vereinigung. Die ist längst zu einer Art Schweizer Ersatzfamilie geworden. Eines wünschen sie sich aber: mehr Leute in ihrer Gruppe. Potenzielle Mitglieder gäbe es genug: Nach Informationen von André leben insgesamt 563 Schweizer im Saarland.

Wer Lust hat, der Vereinigung der Schweizer im Saarland beizutreten, kann sich hier melden: bei Anna Blaß unter Tel. (06 81) 39 73 36 oder per Mail an annblas@aol.com, bei Nadja von Känel unter Tel. (0 68 93) 14 79 oder per Mail an nvkaenel@gmail.com, bei Robyn André unter Tel. (0 68 94) 5 82 52 02 oder per Mail an roby@swissonline.ch.