Eine Dose voller Erinnerungen

Kürzlich besuchte die SZ den pensionierten Postbeamten Josef Balzer in seinem Haus, um Näheres über seine Zeit im Krieg und in russischer Gefangenschaft zu erfahren. Der Heimatforscher Lothar Schmidt hat den Besuch vorbereitet.

Eine Postkarte aus der Gefangenschaft an die Eltern in Steinbach.

In der guten Stube des Hauses der Familie Balzer im Lebacher Stadtteil Steinbach erzählt Maria, die Ehefrau von Josef Balzer, ihr Mann habe bislang so gut wie nie über seine Zeit als Soldat der früheren Wehrmacht und als Kriegsgefangener in Sibirien gesprochen. Mit dem Satz "Vergessen wir es!" habe er die Gespräche stets in andere Richtungen gelenkt. Heute werde er aber ausführlich von den Erlebnissen jener Tage erzählen.

Josef Balzer, am 22. Juli 1925 in Steinbach geboren, sieht jünger als 89 Jahre aus. Aus einem freundlichen Gesicht blicken zwei klare Augen, die Bewegungen wirken nicht ungelenk und die Gedanken sind, wie aus den Erzählungen herauszuhören ist, noch klar und deutlich.

Der Mann, der als 17-Jähriger in die Wehrmacht eintrat und nach der Ausbildung an einem Kampfpanzer in Lemberg/Westukraine auf einem Tiger-Panzer (im Soldaten-Jargon auch stählerner Sarg genannt) im Kampfeinsatz stand, kam im Juli 1944 nach einer Verwundung ins Lazarett und später auf Heimaturlaub.

Nach seiner Genesung wurde er im Heeresverpflegungslager Ost eingesetzt. Am 5. März ergab er sich mit einer Gruppe versprengter Soldaten den Russen. Der Krieg war vorbei, die dreijährige Gefangenschaft begann.

Maria Balzer legt eine abgetragene Steppjacke (Russisch: "Pofeika"), auf deren linkem Arm die Buchstaben "BIP" aufgemalt sind, eine selbst angefertigte Tabaksdose und eine Mappe mit Briefen, die Josef Balzer nach Hause schickte, vor ihn auf den Tisch. Die weißen Buchstaben "BIP" auf der Jacke kennzeichneten ihn als Kriegsgefangenen.

"An Fastnacht 1950 hatte ich mit dieser Jacke bei einem Maskenball im Ort den zweiten Preis gewonnen", erinnert sich Josef Balzer mit einem Lächeln.

Balzer hegt heute keinen Groll mehr auf die Lageraufseher der Roten Armee. Er sieht ein, dass die Gefangenschaft ein Teil seines Schicksals war, dem er nicht entrinnen konnte. "Wir mussten zwar zeitweise frieren, hungern und schwer schuften, das Personal hielt sich im Großen und Ganzen jedoch an die Richtlinien der Genfer Konvention. Ich erinnere mich, dass ich sogar von einer Lagerärztin Transfusionen zur Stabilisierung meines Körpers bekam. Damals wog ich noch ganze 45 Kilogramm."

Beim Arbeitseinsatz auf einer Kolchose steckten ihm Zivilisten Kartoffeln zu und ein Aufseher ließ ihm einmal sogar Machorka (russischer Tabak) und Papier aus einer Prawda zukommen, damit er sich Zigaretten drehen konnte.

Von der Tabaksdose, die vor ihm liegt, erzählt er, dass er sie aus einer US-amerikanischen Corned Beef Büchse angefertigt habe. Heute, abgegriffen und angerostet, enthält sie immer noch Tabakreste. Am 23. Juni 1948 kehrte er nach Steinbach zurück. Er arbeitete zuerst im Sperrholz- und Furnierwerk der früheren Firma Geissler in Eiweiler, ehe er dann in den Postdienst aufgenommen wurde.