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Dokumente aus altem Reisekoffer werfen neues Licht auf den Saarlouiser Michel Reneauld

Was für ein Mann muss das gewesen sein. Michel Reneauld, 1760 geboren in Saarlouis, alte Familie von hier, ab 1794 Divisionsgeneral Napoleons im Kampf gegen Deutschland. Schlägt 1804 eine Einladung zur Kaiserkrönung Napoleons aus republikanischer Gesinnung aus Von SZ-Redakteur Johannes Werres

Was für ein Mann muss das gewesen sein. Michel Reneauld, 1760 geboren in Saarlouis, alte Familie von hier, ab 1794 Divisionsgeneral Napoleons im Kampf gegen Deutschland. Schlägt 1804 eine Einladung zur Kaiserkrönung Napoleons aus republikanischer Gesinnung aus. Kehrt nach seiner Entlassung aus der Armee wegen republikanischer Gesinnung nach Saarlouis zurück, wird dort Bürgermeister: 1800 bis 1802 und 1812 bis 1815 französischer "Maire". Und nach ihrem Sieg 1815 setzen ihn die Preußen gleich wieder ein als den ersten Oberbürgermeister der Stadt.Wie es scheint, nicht gerade gegen den Willen der Bevölkerung.Dokumente aus einem alten Reisekoffer, eine Dauerleihgabe für die Stadt Saarlouis, erhellen jetzt das Leben dieses vielleicht interessantesten Saarlouisers. Ein Großteil der neu aufgefundenen Papiere dokumentiert Befehle der Generäle Moreaux, Jean-Charles Pichegru und Jean-Baptiste Kléber an Reneauld aus den Jahren 1794 bis 1796. Reneauld war Divisionsgeneral der "Rhein-Mosel-Armee" Napoleons. Sie rückte gegen die Rheingrenze vor. So meldet Reneauld in einem "Rapport" aus dem Quartier in Mainz-Finten vom 30. Dezember 1794 die Verwundung von Michel Ney bei Bretzenheim. Ney, der spätere Marschall Napoleons, ebenfalls aus Saarlouis, habe offenbar eine zeitlang unter Reneauld gedient, vermutet der frühere Stadtarchivar Lothar Fontaine. Fontaine hat den Nachlass gesichtet. Ein anderes Dokument mit historischem Wert erklärt die Zerstörung Kusels. Dessen Bürger hatten Napoleon Geiseln stellen müssen. Als Kuseler Bürger sie auslösten, stellten die Franzosen fest, dass ein Drittel des Lösegelds in gefälschten Scheinen abgegeben worden sei, erzählt Fontaine. Der "Volksbeauftragte" in Reneaulds Disivion, vergleichbar mit den Polit-Kommissaren der Sowjet-Armee, Hentz hieß er, ordnete im Juli 1794 die Zerstörung Kusels an. Den Befehl gab General Moreaux an Reneauld weiter, dies mit dem Verbot von Übergriffen der Soldaten.Frankreich zeichnete Reneauld mit dem Kreuz der Ehrenlegion aus, die Preußen erkannten ihm später den "Roten-Adler-Orden" zu. Die Urkunden dazu sind in dem Bündel. Rätsel gibt Fontaine ein Brief von 1826 auf: Die Familie schickte den Orden nach dem Tod Michel Reneaulds zurück nach Berlin. Warum? Fontaine zuckt mit den Schultern. "Eine lohnende Aufgabe für einen Stadtarchivar." Gäbe es diesen Stadtarchivar, wäre er der Nachfolger Fontaines. Ein solcher hätte allerdings noch mehr zu tun. Denn Dokumente zu Reneaulds Leben liegen verstreut im Stadtarchiv, längst nicht vollständig gesichtet oder gar ausgewertet. An ihn erinnern heute nur die rumpelige Reneauld-Straße und ein Grab auf dem Alten Friedhof. Dabei verkörpert Michel Reneauld die deutsch-französische Geschichte der Stadt weitaus spannender als der Haudegen Marschall Michel Ney, sein prominenter Saarlouiser Zeitgenosse.Es sind nur noch diese Spuren auf Papier, die Leben in das touristische Alleinstellungsmerkmal von Saarlouis, die Festung, bringen können. Viel anderes nämlich blieb zum Zeigen nicht übrig. Aufarbeitung und Präsentation des Bestandes erst wären der Schlüssel zum Verständnis dieser Stadt. Und im Falle Reneauld auch ein Aha-Erlebnis zur europäischen Geschichte.Lothar Fontaine und Vertreter der Stadt präsentieren die Ergebnisse der ersten Sichtung der Dokumente am Mittwoch, 6. Mai, 19 Uhr, im Städtischen Museum. Dort wird auch etwa ein Fünftel der Urkunden ausgestellt. Die Veranstaltung ist öffentlich.