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| 21:04 Uhr

Hauptschullehrer klagen an
„Die ungleiche Behandlung ist entwürdigend“

Die Hauptschule gibt es im Saarland schon seit zehn Jahren nicht mehr. Ausgebildete Hauptschullehrer unterrichten inzwischen an Gemeinschaftsschulen - allerdings nicht zu den gleichen Bedingungen wie ihre Kollegen.
Die Hauptschule gibt es im Saarland schon seit zehn Jahren nicht mehr. Ausgebildete Hauptschullehrer unterrichten inzwischen an Gemeinschaftsschulen - allerdings nicht zu den gleichen Bedingungen wie ihre Kollegen. FOTO: Peter Steffen / picture alliance / dpa
Neunkirchen. Gleiche Arbeit, unterschiedliche Gehälter. An Gemeinschaftsschulen verdienen Hauptschul-lehrer immer noch weniger als ihre Kollegen. Von Lisa Kutteruf

Im Lehrerzimmer der Alex-Deutsch-Schule in Neunkirchen-Wellesweiler: Frauen und Männer eilen im Raum umher. Schnappen sich Unterlagen. Unterhalten sich, trinken Kaffee. Oder bedienen sich am Kuchen und der Wurst, die auf der Küchenzeile stehen.

Einer der Lehrer ist Erich Hoffmann. Seit über 38 Jahren ist er im Dienst. Seit zehn Jahren unterrichtet der ausgebildete Grund- und Hauptschullehrer an der Gemeinschaftsschule in Wellesweiler. Hier, im Lehrerzimmer, sitzt der 63-Jährige neben Realschul- und Gymnasiallehrern. „Die Tätigkeiten der Lehrkräfte unterscheiden sich nicht“, sagt Schulleiterin Stephanie Urschel. Dafür unterscheidet Hoffmann etwas anderes von seinen Kollegen: Er verdient weniger. Weil er Hauptschullehrer ist.

Dagegen kämpft der Sport- und Französischlehrer seit Jahren an. Die Devise: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“. Nun hat er zusammen mit der Lehrerin Petra Lorenz im Namen der Interessengemeinschaft der Hauptschullehrer und -lehrerinnen (IGHL) einen Offenen Brief verschickt, unter anderem an das Bildungsministerium und Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). Schulleiterin Urschel findet die Ungleichbehandlung unlogisch. Nach dieser Logik „müssten ja auch die Gymnasiallehrer, die hier arbeiten, mehr bekommen“ – was nicht der Fall ist.

Die Gegenargumente sind der IGHL bekannt: Die Ausbildungsdauer der Hauptschullehrer war kürzer als die der Kollegen, die Landeskasse ist leer, fasst Hoffmann zusammen. „Mit dieser Haltung wird aber billigend in Kauf genommen, dass ein im Grundgesetz verankertes Recht auf Gleichbehandlung hinter den Sparzwängen eines Landes zurückstehen muss.“

2008 zahlte sich das Engagement der IGHL unter dem damaligen Sprecher Peter Bely erstmalig aus: Per Landtagsbeschluss erhielten die Hauptschullehrer eine monatliche Zulage von 200 Euro. Der Unterschied von mehr als 400 Euro brutto zwischen den Besoldungsstufen A 12 (Gehalt zwischen 3150 und 4300 Euro brutto)und A 13 (Gehalt zwischen 3700 und 4800 Euro brutto) halbierte sich durch die Zulage zwar. Der zweite Schritt, die gänzliche Anpassung an das Gehalt der Real- und Gymnasiallehrer, blieb jedoch aus.

Während sich die Lehrkräfte der Alex-Deutsch-Schule auf die nächste Stunde vorbereiten, geht es auf der Schülerinnen-Toilette im Erdgeschoss chaotisch zu: Ein paar Mädchen stehen vor den Waschbecken und schreien sich an. Zwei andere Schülerinnen versuchen sich an der streitenden Gruppe vorbeizuquetschen. Es ist laut. „Die Strukturen haben sich in den letzten zwei Jahren verändert“, sagt Hoffmann. Unter den rund 270 Schülern in Wellesweiler seien 70 geflüchtete Kinder und Jugendliche. Es gebe außerdem viele schwer zu unterrichtende Schüler. Die Klassenverbände sind heterogen, wie es im Bildungsjargon heißt. Nach Erich Hoffmanns Meinung zu heterogen. „Wir Lehrer werden immer stärker belastet und haben inzwischen mehr einen Erziehungs- als einen Lehrauftrag zu erfüllen.“

Nachdem der Landtag die Zulage gewährt hatte, passierte nichts mehr. Und das, obwohl alle Parteien ihre Unterstützung auf eine völlige Angleichung signalisiert hatten, erzählt Hoffmann. Ulrich Commerçon, damals Bildungsexperte in der oppositionellen SPD, sprach sich 2008 für die Eingliederung in die Besoldungsstufe A 13 aus. Auch Heiko Maas (SPD), zu dieser Zeit Oppositionsführer, war gegen die Ungleichbehandlung der Lehrkräfte. Die Forderungen der IGHL seien auch im Sinne des saarländischen Beamtenbundes und aller Lehrerverbände gewesen – darunter auch der Verband der Realschullehrer. Lediglich die CDU unter dem damaligen Fraktionsvorsitzenden Jürgen Schreier habe sich „unverbindlich und zurückhaltend“ artikuliert, schildern Hoffmann und Lorenz in ihrem Brief.

„In uns schwelt immerwährender Ärger“, beschreibt der Lehrer seine Gefühle und die der betroffenen Kollegen. Dabei geht es ihnen nicht einmal um das Geld. Vielmehr leide das Selbstwertempfinden. „Die ungleiche Behandlung ist entwürdigend. Das geht an die Kräfte, besonders, wenn die Belastungsspitzen im Beruf hoch sind.“

Die meisten IGHL-Mitglieder sind mittlerweile im Ruhestand, in zwei Jahren wird ihnen Hoffmann nachfolgen. Er will zusammen mit Petra Lorenz versuchen, das Verfahren zu beschleunigen und zumindest für die Pensionen eine Angleichung zu erreichen. Ein realistischer Gedanke?

2014 verpflichtete das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig das Land Rheinland-Pfalz dazu, Hauptschullehrern durch Weiterbildung einen Aufstieg in das Amt des Realschullehrers zu ermöglichen. Interessant findet die IGHL das Modell. Gleichzeitig scheint es der Initiative „absurd, durch aufwändige Prüfungen eine Unterrichtsbefähigung attestieren zu wollen, die bereits zwei Jahrzehnte lang erfolgreich unter Beweis gestellt wurde.“

Auf Anfrage der SZ an das saarländische Bildungsministerium heißt es: „Die Besoldung von Lehrkräften im Saarland bewegt sich insgesamt im Rahmen der Regelungen der meisten anderen Bundesländer. Ein Ausscheren nach oben wäre angesichts der Haushaltsnotlage und der Position des Saarlandes als Nehmerland kaum durchsetzbar.“ Eine generelle Anhebung der Besoldung der rund 300 betroffenen Lehrer würde bedeuten, dass das Saarland die Kosten dafür über die Streichung von Lehrerstellen kompensieren müsste, was etwa 18 Stellen entspräche. „Kürzungen beim Lehrpersonal kommen für das Ministerium für Bildung und Kultur aber nicht in Frage.“

Eine Antwort, die die Ziele der IGHL in weite Ferne rücken lässt. So sitzen Hoffmann, Lorenz und die anderen Hauptschullehrer wohl auch in Zukunft neben besser verdienenden Kollegen im Lehrerzimmer. Der immerwährende Ärger wird weiter schwelen.

Grund- und Hauptschullehrer 
Erich Hoffmann.
Grund- und Hauptschullehrer Erich Hoffmann. FOTO: Geiger / Erich Hoffmann