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Der Bauer als Entertainer"Patente auf Pflanzen und Lebewesen - ein Unding"

Merzig. "Die Bühnenluft tut dem Landwirt ausgesprochen gut. Im Scheinwerferlicht entpuppt sich der Biobauer als wahre Rampensau. Seine Geschichten, schon im gedruckten Zustand vergnüglich, weil direkt und deftig erzählt, wirken von ihm vorgetragen doppelt unterhaltsam. Der Bauer ist ein Entertainer Von SZ-Mitarbeiter Ferdinand Seyfried

Merzig. "Die Bühnenluft tut dem Landwirt ausgesprochen gut. Im Scheinwerferlicht entpuppt sich der Biobauer als wahre Rampensau. Seine Geschichten, schon im gedruckten Zustand vergnüglich, weil direkt und deftig erzählt, wirken von ihm vorgetragen doppelt unterhaltsam. Der Bauer ist ein Entertainer." So begeistert beschreiben die "Kieler Nachrichten" die Auftritte von Matthias Stührwoldt, 41-jähriger Biobauer aus dem schleswig-holsteinischen Stolpe. "Schubkarrenrennen - Frische Texte direkt ab Hof" - das war der Titel der Lesung des literarischen Senkrechtstarters in der gut besuchten Merziger Buchhandlung Rote Zora am Montagabend. Gastgeber in der Roten Zora waren die Aktion 3. Welt Saar und die Stiftung Demokratie Saarland."Moin, moin", kam es auf Norddeutsch zur Begrüßung, mit einem verschmitzten Grinsen über das ganze Gesicht. Trotzdem: da kommt nichts von einem einfältigen Bauernbuben. Im Gegenteil: An die Stelle nostalgischer Dorfidylle setzt er die Komik des ironischen Jungbauern. Lebendig, frech, und berührend erzählt Stührwoldt Geschichten vom bäuerlichen Alltag, die ganz und gar nicht alltäglich sind. Welcher Biobauer wohnt schon an der Autobahn, hat mit seiner Liebsten fünf Kinder, rennt ständig hinter entlaufenen Rindern her und schreibt auch noch Bücher darüber? Es sind Geschichten, die das Leben schreibt, mal augenzwinkernd, mal ehrlich. Mal die verrückte Nummer mit dem abgesoffenen 18-Tonnen-Bagger im Moor, an dessen Rettung auch zwei Bergepanzer der Bundeswehr scheitern und den Bagger dem Moor überlassen müssen, das ihn schließlich verschluckt. Da gibt es die herzerweichende Romanze mit seiner Zündapp, die trotz Aufpäppelung dem "Made in Germany" keine Ehre erweist und den schnellen Japsen-Bikes von Honda, Kawasaki und Yamaha heillos unterlegen ist. Alles vermittelt er seinem Publikum, das ihn begeistert feiert. Er schafft Verbindungen zum nicht sonderlich idyllischen Landleben, dem Herumlungern auf dem elterlichen BauernhofWenn man dann erfährt, dass Stührwoldt aktives Mitglied der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landschaft (AbL) ist, weiß der Zuhörer, dass hinter den Geschichten auch ambitionierte Politik steckt, wie ein klares Nein zu grüner Gentechnik, ein Weg vom Wachstumsdiktat des "Immer mehr - immer größer". Und von wegen hier die feinen literarischen Häppchen und hinten im Stall das richtige Leben. Das Leben ist für ihn kein Projekt. Bei Stührwoldt gibt es das nur in einer Größe, und die heißt: Entweder ganz oder garnicht. Matthias Stührwoldt: Als Schüler hat mich schon der Deutsch-Leistungskurs fasziniert. Seit ich Bauer bin, habe ich mein Leben auf meinem Hof in Milberg in kurze Texte gepackt.Wie viele Bücher haben Sie veröffentlicht? Stührwoldt: Seit 2003 sind es vier Bücher, drei mit Kurzgeschichten und 2008 ein Lyrik-Band.Wie sind Sie zur Politik geraten? Stührwoldt: Ich habe erste politische Texte für die Unabhängige Bauernstimme geschrieben. Eine Zeitschrift von Bauern für Bauern, die in Hamm/Westfalen erscheint. Es geht dabei überwiegend um standespolitische Themen, weniger um Parteipolitik. Unser aktuelles Thema sind die Patente auf Pflanzen und mittlerweile sogar auf Lebewesen - ein Unding!Was motiviert Sie am meisten beim Schreiben? Stührwoldt: Dass die Leute mich auch außerhalb meiner Heimat sehen wollen.




HintergrundStührwoldts aktueller Kampf gilt der Kartoffel Linda. Die Aktion 3. Welt Saar hat gemeinsam mit der AbL die Flugschrift "Streit um Saargut" in einer Auflage von 100 000 Exemplaren herausgebracht. "Über keine andere Kartoffelsorte wird seit 2004 mehr berichtet", sagt Roland Röder von der Aktion 3. Welt. Hierbei sei er auf Stührwoldt aufmerksam geworden. Linda hat eine Besitzerin, und die kann mit ihr machen, was sie will. Linda gehört der Firma Europlant in Lüneburg. Sie ist die Sorten-Inhaberin und hat Linda 30 Jahre genutzt und von den Bauern Nutzungsgebühren kassiert. Kurz vor Ablauf des Sortenschutzes nach 30 Jahren schrieb Europlant die professionellen Kartoffelvermehrer an und untersagte die weitere Vermehrung. Im Falle der Zuwiderhandlung droht Europlant mit Klagen. Die AbL fordert die Freigabe derartiger Rechte. Doch das dürfte schwer werden. Die Saargutzüchter sind nur selten Familienunternehmen, sondern Firmen wie Bayer, BASF, Monsanto, DuPont/Pioneer, Syngenta und Raiffeisen. Weltweit hat der Saatgutmarkt ein Volumen von 23 Milliarden Dollar, in Deutschland rund eine Milliarde Dollar. Die Hälfte davon entfällt auf die genannten Marktführer. fs