5. Selbsthilfetag : Ein Sommerfest für Kämpfer-Typen

Amputation: Betroffene setzen sich gemeinsam für ihre Ziele ein. Mit Ausdauer und Erfolg. Ein Grund zum Feiern.

Ein Sommerfest. Das klingt nach Party, gutem Essen und kalten Getränken. All das wird’s geben. Am 12. August geht es aber auch um Patientenrechte, den Mut, sich zu wehren. Und darum, dass sich das lohnt. Trotz allem. Trotz Schmerzen, Papierkrieg und Rechtsstreitigkeiten. Es geht um ein Leben, in dem plötzlich alles ganz anders ist. Ein neues Dasein, mit dem niemand allein zurechtkommen muss. Auslöser: eine Amputation. Der Schicksalsschlag trifft viele.   Deshalb ist dieses Sommerfest im Pfarrheim St. Jakob an der Keplerstraße  zugleich eine Informationsbörse, der fünfte Selbsthilfetag. Veranstalter sind die  Selbsthilfegruppe für Menschen mit Arm- oder Beinamputation im Regionalverband und die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) dieser Selbsthilfegruppen.

Ilona Maria Kerber  ist die Vorsitzende der LAG. Sie weiß von derzeit etwa 250 Menschen im Saarland, die lernen mussten, mit den Folgen einer Amputation zu leben. „Die Zahl ist in den drei Jahren drastisch gestiegen, nicht zuletzt wegen Durchblutungsstörungen. Diabetes ist die Hauptursache.“ Unfälle seien als Amputationsgrund dagegen ebenso selten wie Krebs. 100 Mitglieder haben die vier Selbsthilfegruppen im Saarland. Nur fünf Betroffene verloren eines ihrer Gliedmaßen wegen eines Unfalls. Kerber lebt seit 23 Jahren mit den Folgen der Amputation. Sie büßte den linken Unterschenkel ein. Vorausgegangen seien ein Unfall und eine missglückte Therapie. „Als ich mein Engagement begann, standen die Unfälle auf der Ursachen-Skala oben. Heute sind es die Krankheiten“, sagt Kerber.

Deswegen ruft sie dazu auf,  die Vorsorge zu nutzen und nicht zu warten, bis zum Beispiel eine Zuckerkrankheit irreparable Schäden angerichtet hat. Die LAG- Vorsitzende sagt, dass niemand sich daheim verkriechen sollte. Deshalb besucht sie Betroffene schon in der Klinik, macht Mut, zeigt ihnen, dass Kämpfen sich lohnt. Denn darum kommt fast niemand herum.

Hauptgegner seien die Krankenkassen, Hauptgründe eine abgelehnte Behandlung oder eine verweigerte Prothese. „Dabei werden diese Produkte immer besser.“ Deshalb lohne es sich, gegen abgelehnte Bescheide vorzugehen. „80 bis 85 Prozent  neigen aber erfahrungsgemäß dazu,  ein Nein zu akzeptieren. Sie werden mürbegemacht. Aber die Sozialgerichte  sind auf unserer Seite. Wir zeigen, dass es etwas bringt, sich aufzulehnen, und sagen Betroffenen: Du hast Rechte. Kämpfe dafür.“ Wenn es sein muss auch mit juristischem Beistand.

Kerber ist stolz auf ihre Mitstreiter. „45 haben wir allein im Regionalverband. Die lassen sich nicht alles gefallen. Dann muss man Beweise erbringen und Dokumentationen anfertigen. Für schwierige Fälle haben wir einen Anwalt an unserer Seite.“ Kerber sagt, sie sei schon immer eine Kämpfernatur gewesen. Die vielen Jahre in einer Anwaltskanzlei haben ihr gezeigt, wie wichtig es ist, sich zu wehren. Ungerechtigkeit macht sie bis heute wütend. Doch sie belässt es nicht dabei. „Es ist richtig, sich zu wehren.“ Aber genauso wichtig sei es, auch mal eine Party zu feiern.

Ein Beweis, dass Engagement sich lohnt, ist dieses Geländer für Gehbehinderte auf dem Bahnhofsvorplatz. Ilona-Maria Kerber, Mitglied im Behinderten- sowie im Seniorenbeirat, präsentierte es 2016 mit Winfried Jung. Der Linke-Politiker hatte sich für die Anschaffung starkgemacht. Foto: BeckerBredel

Einen prominenten Gast hat das Engagement der Arbeitsgruppen längst überzeugt. Kerber ist stolz darauf, dass Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer nicht nur die Schirmherrschaft für diesen fünften Selbsthilfetag übernommen hat. Die Regierungschefin feiert am 12. August sogar mit.

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