Gastschülerin im Urlaubsparadies

Davon träumen in diesen Tagen sicher nicht wenige: Statt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt morgens im Dunkeln in die Schule zu stapfen, reichen Noemi Bauer aus St. Ingbert Shorts, ein T-Shirt und Sandalen. Doch der einjährige Aufenthalt der 16-Jährigen in der Karibik hat neben Schönem durchaus auch seine Schattenseiten.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass ich mich dazu entschlossen habe, mit der Austauschorganisation AFS ein Schuljahr in einem fremden Land zu verbringen und neue Erfahrungen zu sammeln. Ich lebe inzwischen seit vier Monaten als Austauschschülerin in der Dominikanischen Republik , welche zusammen mit Haiti eine kleine Insel in der Karibik bildet und ein beliebtes Urlaubsziel ist. Die Atmosphäre in der Hauptstadt Santo Domingo hat mich sofort am ersten Abend überwältigt. Es ist ein großer Unterschied zu Städten in Deutschland. Der beginnt natürlich schon mit dem tropischen Klima, den Palmen, die die Straßen säumen und dem Meer, dessen Anblick für mich inzwischen etwas Alltägliches geworden ist. Ungewohnt waren anfangs die vielen armen Menschen, die man überall auf der Straße sieht, und wenn man durch die so genannten Barrios mit den zahllosen kleinen, baufälligen Häusern fährt. Viele Arme laufen auf den Straßen zwischen den Autos hin und her, versuchen, Wasserflaschen, Ananas oder Lenkradpolster zu verkaufen, oder fangen an, die Windschutzscheiben zu putzen und verlangen danach Geld dafür. Der Verkehr ist in Santo Domingo sehr dicht, für eine Strecke von zehn Kilometern braucht man meist 45 Minuten, da sich auf allen Straßen Staus bilden, die Hälfte der Fahrzeuge auf der Straße sind fast auseinander fallende Taxis oder so genannte "Carros publicos" , die einen für sehr wenig Geld auf einer bestimmten Strecke mitnehmen, wenn man kein Problem damit hat, sich mit vier weiteren Menschen auf der kleinen Rückbank zu drängen. Eine andere günstige Transportmöglichkeit sind die "Motoconchos" , klapprige Motorräder, auf denen man teilweise zu dritt hinter dem Fahrer sitzt, diese Variante ist aber nicht ganz ungefährlich und es kommt jeden Tag zu vielen Unfällen. Allgemein ist die Sicherheit in diesem Land nicht hoch, die Zahl der Überfälle ist unfassbar und fast jeder, den ich bisher kennen gelernt habe, wurde schon einmal mit einem Messer oder einer Pistole bedroht und ausgeraubt. Man sollte nicht alleine durch die Straßen laufen, als Frau erst recht nicht und sobald es dunkel ist, wird es wirklich gefährlich. Es lässt sich aber nun mal nicht vermeiden und ich laufe regelmäßig zum Haus einer Freundin. In diesen zehn Minuten Minuten sind es meistens mindestens zehn Männer, die mir hinterherschauen, pfeifen und "Rubia" rufen, so werden hier Menschen mit blonden Haaren und blauen Augen bezeichnet. Sie haben keine Hemmungen und es ist für sie normal, sich so zu benehmen, was ich nicht nachvollziehen kann, denn es ist sehr unangenehm für die Frauen. Die Menschen unterscheiden sich insgesamt in vielerlei Hinsicht von denen, die ich in Europa kenne, in ihren Verhaltensweisen und Prioritäten. Man kann das selbstverständlich nicht verallgemeinern, doch die Mehrheit hier ist in Gesellschaft immer laut, fröhlich und aufgedreht und darauf sind die Dominikaner stolz. Es wird immer gerne laut Musik gehört, getanzt und gegessen. Das typische Gericht ist Reis mit Bohnen, Fleisch und "Platano frito", frittierte Bananen. Eine dominikanische Spezialität ist auch "Sancocho", eine Suppe mit Kartoffel-, Karotten-, Kürbis- und Maisstücken, die mit Reis gegessen wird. Suppe wird immer gerne gegessen, wenn es regnet, genau wie heiße Schokolade mit Brot. Natürlich gibt es auch exotische Früchte wie Ananas , Mango, Passionsfrucht und Sternfrucht, aus denen wir häufig Säfte machen. Abgesehen davon gibt es im Supermarkt aber auch viele Lebensmittel, die wir in Deutschland haben, Schokolade, Nutella und Ferrero Rocher, für die man aber umgerechnet sechs Euro bezahlt. Die Währung in der Dominikanischen Republik ist der Peso, ein Euro entspricht zirka 50 Pesos. Wenn man in den großen Supermärkten einkauft, was die meisten Familien mit etwas Geld machen, kosten die Lebensmittel in etwa dasselbe wie in Deutschland, es gibt jedoch auch kleinere Läden für die ärmere Bevölkerung, in denen man für sehr wenig Geld bestimmte Dinge kaufen kann. Beim Einkaufen ist es immer seltsam für mich, da an der Kasse alles Eingekaufte von jungen Männern in Plastiktüten eingepackt und anschließend ans Auto gebracht wird und man selber muss nichts davon tragen. In Deutschland muss man inzwischen in vielen Läden für Plastiktüten bezahlen und es wird versucht, damit den Plastikverbrauch zu reduzieren, hier werden für einen Einkauf 20 Tüten verbraucht, weil diese nicht einmal halb gefüllt werden. Auch im Haus wird überhaupt nicht auf Plastikverbrauch geachtet, häufig isst und trinkt man mit Wegwerftellern und -bechern, damit nicht gespült werden muss, was ich in meiner Familie inzwischen beendet habe. Mit meiner Gastfamilie habe ich großes Glück, alle haben mich von Beginn an liebevoll als neues Familienmitglied aufgenommen und sind unglaublich zuvorkommend. Ich bin hier sehr glücklich, vor allem, wenn ich höre, dass viele der anderen Austauschschüler da Probleme haben, sich nicht wohlfühlen und die Familie wechseln, bin ich dankbar, dass ich es so gut habe. Ich teile mir ein Zimmer mit meiner 15-jährigen Gastschwester und habe noch eine 11-jährige "Schwester" und einen 14-jährigen "Bruder". Meine Gasteltern sind beide berufstätig und ich sehe häufig nur meine Mutter beim Mittagessen. Sonntags gehen wir mit der Familie in die Kirche, meine "Eltern" sind beide evangelische Pastoren, doch die evangelische Kirche hier unterscheidet sich sehr von der in Europa. Der Gottesdienst dauert drei Stunden, es werden gospelartige Lieder gesungen und die Menschen jubeln, tanzen und rufen durchgehend, um ihre Liebe zu Gott zu zeigen. Anfangs war es gewöhnungsbedürftig, wie religiös dieses Land ist, auch in der Schule, alle Jugendlichen sind streng gläubig und Gott spielt eine Hauptrolle in ihren Leben, was ich aus Deutschland so nicht kenne.

Je länger ich in der Dominikanischen Republik lebe, desto besser lerne ich die Kultur und die Menschen kennen und verstehen und ich finde es toll, wie verschieden Länder sein können. Auch durch die Sprache, die ich inzwischen besser verstehe, kann ich alles besser nachvollziehen und mich weniger fremd fühlen. Ich kam im August an mit keinerlei Spanischkenntnissen und verstand kein einziges Wort, was zu mir gesagt wurde. Glücklicherweise kann meine Familie ein wenig Englisch sprechen, so war ich nicht vollkommen hilflos. Doch in der Schule können, trotz Englischunterricht, nur wenige eine Unterhaltung führen und es war schwierig, sich zu verständigen. Mittlerweile verstehe ich schon einiges und freue mich jedes Mal, wenn ich merke, dass ich gerade eine vollständige Unterhaltung mit meiner Familie auf Spanisch geführt habe und ausdrücken kann, was ich sagen möchte. In der Schule kann ich dem Unterricht besser folgen und merke aber immer mehr, wie wenig die Schüler hier lernen. Die meiste Zeit des Unterrichts erzählen die Schüler, die mit allen Lehrern eine freundschaftliche Beziehung haben, Geschichten vom Wochenende, diskutieren über Flip-Flops oder die Jungen messen sich, wer am meisten Liegestützen machen kann. Und wenn mal ein Lehrer beschließt, Unterricht zu machen, dann gleicht der Stoff dem der 8. Klasse auf dem Gymnasium, und das alles in der Abschlussklasse der High-School. Da vermisse ich schon meine deutsche Schule und bin froh, dass wir ein gutes Bildungssystem haben und auf die Universität und Beruf vorbereitet werden, denn ich habe das Gefühl, dass viele der Schüler, die nächstes Jahr studieren werden, noch lange nicht dafür bereit sind und in ihrer Schulzeit nicht viel gelernt haben.

Ein Drittel meines Auslandsjahres ist nun schon vorbei und es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, ich mache so viele neue Erfahrungen, lerne ein anderes Land, eine andere Kultur, aber auch mich viel besser kennen und es ist etwas, was ich jedem in meinem Alter empfehlen würde, weil es ein unbeschreibliches Erlebnis, an das man sich für immer mit Freude zurückerinnern wird. Natürlich gibt es auch schwierigere Phasen, Probleme und Zeiten, in denen man Heimweh hat, wie zum Beispiel die Weihnachtszeit. Die begann hier schon Anfang November, jede Wohnung, jeder Laden und jede Straße waren mit Weihnachtsbäumen, Lichtern und anderem geschmückt. Da vermisste ich Dinge wie Adventskalender, Plätzchen backen und im Schnee mit der Familie spazieren gehen. Doch die Erfahrung von Weihnachten in der Karibik bei 30 Grad ist auch etwas Schönes und mit Sicherheit unvergesslich.

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Noemi Bauer am Strand von Marbella. Foto: Michelle Espinal. Foto: Michelle Espinal
Abendhimmel am Strand von Marbella. Foto: Noemi Bauer. Foto: Noemi Bauer
Schüler aus Noemi Bauers Schule haben in einem Waisenhaus Betten gestrichen und Sachspenden mitgebracht. Foto: Chery Brea. Foto: Chery Brea

Zur Person Noemi Bauer ist 16 Jahre alt, wohnt in St. Ingbert, und hat dort vergangenes Schuljahr die 10. Klasse des Albertus-Magnus-Gymnasiums besucht. Seit vier Monaten lebt sie in der Dominikanischen Republik , wo sie als Austauschschülerin ein Schuljahr verbringt. red

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