Klinikseelsorge in Neunkirchen unterm Dach der Kreuznacher Diakonie

Klinik-Seelsorge : Zum Jahreswechsel heißt es: Quartett komplett

Das Klinik-Seelsorgeteam in Neunkirchen unterm Dach der Stiftung Kreuznacher Diakonie stellt sich personell und inhaltlich neu auf.

Protokoll des SZ-Gesprächs mit Pfarrer Jörg Heidmann und Diakon Michael Heidrich (in Auszügen).

Was ist Seele?

Jörg Heidmann: Seele gibt es auch in der biblischen Tradition, hebräisch „Näfesch“, und meint den ganzen Menschen. Seele ist sozusagen der Ankerpunkt im Menschen. Es ist nicht so: Hier ist die Seele, da ist der Leib. Wir teilen uns die Menschen nicht auf in pflegerisch-leibliche Fürsorge oder in seelische Achtsamkeit. Es gibt ein seelsorgendes Handeln, in dem auch alle anderen, die in einem Klinikum, im Hospiz, im Seniorenheim mitarbeiten, mit drin stehen. Wenn eine Pflegekraft sich um einem Kranken oder Sterbenden bemüht, mit all dem, was zu ihren Aufgaben gehört, und geht dabei auf ihn ein, dann kann auch das Teil dieses seelsorgenden Handelns sein. Und ein Seelsorger, der nicht auch eine Antenne hat für das leibliche Befinden eines Menschen, der verfehlt sein Thema.

Michael Heidrich: Seele macht den ganzen Menschen aus. Wer sich der Seele nähern will, der braucht eine enorme Aufmerksamkeit. Der braucht sehr viel Geduld im Umgang mit den Menschen. Es hat viel damit zu tun, sich in einen Menschen hinein zu fühlen.

Ihre Arbeitsgrundlage?

Heidmann: Wir öffnen uns ein neues Feld. Für dieses Seelsorgeteam in Neunkirchen haben wir uns zu Beginn des Jahres in Gesprächen mit der Stiftung Kreuznacher Diakonie, dem Generalvikariat des Bistums Trier und dem Evangelischen Kirchenkreisverband an der Saar verabredet, dass wir uns in Richtung einer ökumenisch verantworteten Seelsorge auf den Weg machen. In Papierform dann, wenn der vierte Kollege mit an Bord ist (siehe „Info“). Ökumene könnte ja heißen, man tritt sich nicht auf die Füße. Wir wollen aber mehr. Eine Ökumene mit einem abgesprochenen Seelsorgeverständnis, bei dem auch die besonderen konfessionellen Gaben und Profile sich nicht auflösen. Aber wir wollen abgesprochen zusammenwirken, inhaltlich, personell. Und uns auch absprechen: Wer nimmt wann wo diesen oder jenen Schwerpunkt?

Wie finden Sie zum Menschen oder umgekehrt?

Heidrich: Ich besuche Patienten auf ihren Zimmern und biete an: Ich bin jetzt hier und wer mit mir reden möchte, hat jetzt die Gelegenheit.

Heidmann: Wir machen ein niedrigschwelliges Angebot. Eine Kontakt-, eine Begegnungsmöglichkeit, die man wollen darf, aber auch ausschlagen darf. In aller Freiheit. Wir kommen nicht mit einem fertigen Paket, sondern wollen schauen, dass jemand die Möglichkeit hat zum Austausch. Und ganz oft wird mehr daraus.

Das heißt?

Heidmann: Im Grundsatz geht es auch darum zu schauen, welche Ressourcen sind in einem Menschenleben da. Beziehungen sind mit die wichtigsten Ressourcen. Die sind ein großer Schatz. Dies zu sehen, kann eine Hilfe sein in einer Krankheit. Oder auch sie zu reaktivieren. Wir haben hier eine onkologische Station. Ich hab ein Bild vor Augen, wo ein Mann im Sterben lag und wo es dazu gekommen ist, dass die Familie anders als erwartet wieder einen Schritt aufeinander zu gemacht hat – trotz der Hürde „Abschied“. Das war wertvoll. Es ist ja schwierig, sich den Fragen des Sterbens und des Todes zu stellen. Da kommt es zu Begegnungen. Und die setzen manchmal frei, was zwischen Menschen an Wahrheit da ist. Das sind mitten in einer traurigen Situation erfüllende Momente.

Beziehungen, was noch?

Heidmann: Auch Erfahrungen, die Menschen gemacht haben auf ihrem Lebensweg, und wie sie durch Krisen gekommen sind und Momente, wo sie gesagt haben, da war Gott oder so was Ähnliches wie Gott für mich da. Das nochmal anzuschauen und zu gucken: Kann es mir helfen, auch die Situation, in der ich jetzt stecke, zu bewältigen?

Und wie finden Sie Zugang?

Heidrich: Die Menschen reden ja von den Dingen, die ihr Leben ausmachen. Menschen reden von ihrer Familie. Menschen reden von ihrem Beruf. Menschen reden von ihren Sorgen. Menschen reden von Verletzungen, die sie erlebt haben. Und da geht es eben darum, genau hinzuhören, um mitzukriegen, was macht denn den Menschen aus, der mir jetzt in diesem Gespräch begegnet? Dann erreiche ich, die Seele dieses Menschen, das Wesentliche dieses Menschen. Wenn jemand von Familie redet, von Arbeit, von anderen Dingen, dann ist das eine Ressource. Es hilft uns, wenn wir davon etwas wissen, um zu aktivieren, was dem Menschen weiterhilft.

Heidmann: Wir aktivieren nicht, oder? Wir helfen eher, was wahrzunehmen.

Heidrich: Um etwas für den Menschen tun zu können, geht es darum, dass er selbst seine Möglichkeiten neu entdeckt.

Auch wenn er sich nach und nach verliert …

Heidrich: Ich schaue einmal in die Psychiatrie des Fliedner Krankenhauses, die gerontologische Station: Da ist für uns Seelsorger wesentlich: Wir leben von neun bis zum Essen auf dieser Station mit. Wir sitzen mit am Tisch. Wir feiern Gottesdienst. Wir sprechen über Dinge, an die sich die Menschen erinnern. Wir singen Lieder, die sie kennen. Wir stoßen Erfahrungen an, die nicht verschüttet sind. Und entdecken so etwas von dem, was diese Menschen besonders macht. In einem Einzelgespräch würden wir das nicht erreichen. Das geht nur, indem wir den Vormittag mit am Tisch sitzen und eben aufmerksam sind.

Ihre Arbeit ist integriert ins Haus.

Heidrich: Wir entlasten da auch die Pflegenden, die wiederum uns Hinweise geben können. Wir arbeiten da jetzt nach einiger Zeit recht intensiv miteinander.

Heidmann: Und natürlich gelingt es nur, indem wir von Seiten der Diakonie einen speziellen Ort und eine spezielle Weise des Arbeitens zugestanden bekommen und indem wir unseren Dienst auch vernetzt tun mit den anderen. Dass wir mitleben hier, dass wir teilweise bei den Übergaben dabei sind, dass wir mit den Ärzten im Gespräch sind, dass wir wissen, was in übergreifenden Dingen geschieht. Wenn zum Beispiel junge, frisch ausgebildete Pflegekräfte neu in den Dienst starten und gleich mit Grenzsituationen und mit Sterben und Hilflosigkeit konfrontiert sind, dann kommt jemand vom Pflegedirektorat und sagt: Machen wir da einen kleinen Kurs zur Unterstützung? So geht Kooperation. Ja, wir sind auch zwischen den Ebenen tätig. Wir sind eben nicht nur Krankenseelsorgende, wir sind Klinikseelsorger.

Wie viel müssen Sie wissen?

Heidrich: Meine erste Quelle ist immer der Patient selber. Der weiß am besten über sich Bescheid.

Vom Fühlen her vielleicht.

Heidmann: Befinden und Befund das sind verschiedene Dinge. Das Befinden ist wichtig. Aber uns helfen natürlich auch Informationen durchs Gespräch mit den Schwestern. Einblicke in die Krankenakte dürfen wir haben. Wir unterliegen dem Datenschutz. Wir unterliegen der seelsorgerischen Verschwiegenheit.

Heidrich: Vertraulichkeit ist unser höchstes Gut.

Heidmann: Es gibt auch ethische Fallgespräche, die wir begleiten oder auch leiten. Wo nicht ganz klar ist, wo geht das hin, wenn mitentscheidende Angehörige unterschiedlicher Meinung sind. Wo jemand einen Betreuer hat, da müssen wir auch Bescheid wissen, keine Frage. Der Befund ist nicht der erste Impuls, aber eine wichtige Sache.

Heidrich: Im Gespräch mit den Angehörigen erfahre ich, ob es eine Patientenverfügung gibt. Dann muss diese Patientenverfügung irgendwann, wenn eine Therapie beendet ist, zu ihrem Recht kommen. Und dann ist man auch ethisch im Thema: Wann ist eine Therapie beendet? Hier ist auch das Gespräch mit den Angehörigen wichtig. Sie müssen respektieren, was der Patient verfügt hat. Sie müssen verstehen, warum eine Therapie jetzt beendet wird. Und sie müssen sehen, dass dennoch alles getan wird, damit der Patient frei von Schmerzen und Angst sterben kann. Ein Leben muss auch zu Ende gehen dürfen. Aber auf gute Weise. Würdig.

Sie hören sicher auch mal: Ich will keine Seelsorge?

Heidmann: Ich habe das in diesem Jahr, wo ich da bin, vielleicht fünfmal, sechsmal erlebt. Zumindest kurz austauschen, geht doch immer.

Heidrich: Ich glaube, dass Menschen sich freuen, wenn sie wahrgenommen werden. Wenn ich auf einen Menschen zugehe und mich für ihn interessiere, dann mag er mir vielleicht zwar sagen, dass er jetzt nicht mit mir über Glauben reden will, aber ich bin ja auch nicht nur fromm. Ich bin ja auch im Leben in ganz vielen Dingen verwurzelt. Und wenn jemand über andere Dinge reden will, dann wissen wir ja auch da ein bisschen was. Wir haben ja nicht nur dieses eine Gleis. Bei uns geht das Gespräch ja nicht immer auf den lieben Gott zu. Ich kann auch über Fußball reden. Und über Politik und über ganz viele Dinge.

Heidmann: Sicher, bestehende Bilder oder Vorstellungen von einem Seelsorger, einer Seelsorgerin, die ein Hindernis sein könnten, die sind schon da. Aber in den seltensten Fällen verhindern die ein Gespräch, sondern sie kommen zur Sprache, vielleicht geflachst: Bin ich schon so weit? Der Seelsorger kommt, die letzte Ölung? Und dann ist es wunderbar, das aufzunehmen.

Heidrich: Humor kann sehr befreiend sein.

Nun verändert sich die Gesellschaft, ein buntes Neunkirchen. Sie brauchen die Sprache…

Heidrich: Ein „Get well soon“ hilft in der Regel weiter – Gute Besserung.

Reicht wohl nicht ganz…

Heidrich: Wer ins Krankenhaus kommt, trifft hier auf einen Querschnitt der Gesellschaft. Denn die Gesellschaft wird krank, und die Gesellschaft sucht Heilung im Krankenhaus. Selbstverständlich begegnen uns hier Menschen, die zu uns gekommen sind, weil sie hier Schutz gesucht haben als Geflüchtete. Selbstverständlich begegnen uns hier Menschen, die als Aussiedler mal in den 90er Jahren aus Osteuropa gekommen sind. Wer hier in diesem Krankenhaus darauf achtet, wer liegt hier, der kann hier im Krankenhaus Rückschlüsse ziehen auf die Gesellschaft.

Heidmann: Und wir haben ja hier auch in der Mitarbeiterschaft ganz bunte Bilder. Ärzte aus Indien, Rumänien, Syrien beispielsweise, auch Pflegende aus allen möglichen Nationalitäten.

Sie treffen auch stärker auf Menschen nicht-christlicher Religionen.

Heidmann: Wir arbeiten in unserer christlich geprägten Seelsorge in einer religiösen Offenheit. Beide christlichen Kirchen sind von einem archaischen, aber oberflächlichen Verständnis von Mission weg. Mission ist sozusagen das eigene Zeugnis, die innere Haltung, die ein Mensch mitbringt und lebt, und nicht was Übergriffiges. Wir haben ja bei der Kreuznacher Stiftung ein Leitbild mit religiöser Offenheit und Toleranz, gerade mit Blick auf Patienten, aber auch auf Mitarbeitende anderer Religion.

Die Gesellschaft wird auch säkularer.

Heidrich: Natürlich. Hier liegt der Querschnitt der Gesellschaft. Und die Gesellschaft wird zunehmend säkular. Also werden auch unsere Patienten zunehmend säkular. Aber es tut uns Menschen gut, wenn wir gesehen werden. Unabhängig davon, ob wir kirchlich gebunden sind oder nicht. Und wenn ich hier einen Menschen sehe und er mich, und wir kommen ins Gespräch, dann spielt die säkulare Gesellschaft gar keine Rolle. Und ich bin ja nicht missionarisch tätig im Sinne von „Ich muss hier Seelen fangen“. In dem Wort Mission steckt ja das Wort senden: Ich bin gesandt zu diesem Patienten. Und ich zeige dem Menschen etwas, das mir wichtig ist. Meine Werte, die durchaus auch religiös geprägt sind. In meinen Werten spielt Gott eine Rolle. Diese Werte liegen neben den Werten, die ein anderer hat. Manches ist deckungsgleich, manches wird nie zusammenkommen. Aber das darf mich doch nicht hindern, mit diesem Menschen zu reden.

Heidmann: Wo wir es natürlich merken ist hier bei manchen liturgischen Angeboten. Es gibt auch Kliniken, wo sie gänzlich den Gottesdienst eingestellt haben. Aber wir probieren auch neue Gottesdienstformen aus, die zielgenauer, offener und kreativer sind.

Wo zwei oder drei…

Heidrich: Ab zwei fang’ ich an und ich zähle mich mit. Im Ernst: Natürlich ist es nicht schön, wenn man allein ist. Ich hab ja meinen methodischen Handwerkskasten dabei. Und dann muss ich eben eine Methode finden, dass wir uns auch zu zweit noch wohlfühlen.

Diakon Michael Heidrich ist seit 2014 dabei. Foto: Diakonie/Alles
Pfarrer Jörg Heidmann ist seit Dezember 2018 dabei. Foto: Diakonie/Alles
Diakonin Sabine Lohrum ist seit Januar 2019 dabei. Foto: Diakonie/Alles
Pastor Stefan End kommt Januar 2020 dazu. Foto: Bistum

Heidmann: Zu unserem Glauben gehört auch das Ringen dazu. Und das ist im Gespräch mit den Menschen so etwas Wichtiges, dass sie nicht denken, der Glaube ist das Gegenteil von Zweifel. Und wenn sie zweifeln, dass sie nicht draußen sind. Bei Gott schon gar nicht.

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