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300 PS zwischen Hausarbeit und Einkauf

300 PS zwischen Hausarbeit und Einkauf

27 Jahre lang war Anne Karrenbauer Hausfrau. Dann beschloss die Mutter, sich einen Job zu suchen – und wurde Busfahrerin bei Robert Wobido. Der Unternehmer setzt immer häufiger auf Frauen hinterm Steuer.

Der Busbranche gehen die Fahrer aus. Schon heute fehlen den Unternehmen deutschlandweit bis zu 2000 Mitarbeiter hinterm Steuer. Problematisch ist es vor allem im Schulbusverkehr, einem Bereich, der wegen der kurzen Arbeitszeiten und der damit verbundenen begrenzten Verdienste für viele unattraktiv ist. Ein saarländischer Busunternehmer hat eine Lösung gefunden: Er setzt auf Hausfrauen als Schulbusfahrerinnen. Morgens und mittags wird Bus gefahren - dazwischen bleibt genug Zeit für den Haushalt.

Anne Karrenbauer startet demnächst in ihr viertes Schuljahr. Allerdings ohne Lernen und Hausaufgaben. Die 63-Jährige richtet ihren Alltag wieder nach Stundenplänen und Ferienzeiten aus, weil sie als Schulbusfahrerin arbeitet. "Ich war 27 Jahre lang Hausfrau und nur für meine Kinder da", erzählt die zweifache Mutter. "Dann habe ich mir gedacht, das Leben ist schon langweilig ohne Arbeit, wenn die Kinder aus dem Haus sind."

Damit war Karrenbauer genau das, was Busunternehmer Robert Wobido suchte: eine Hausfrau mit Lust auf stundenweise Arbeit außerhalb. Der Mittelständler aus Eppelborn wirbt seit einiger Zeit gezielt Hausfrauen als Fahrerinnen für seine Schulbusse an. "Mit Männern habe ich in dem Bereich viele schlechte Erfahrungen gemacht", erzählt Wobido. Nur drei Stunden Arbeitszeit täglich und ein monatlicher Verdienst von unter 1000 Euro, das sei für viele einfach zu wenig gewesen. Noch dazu eine Horde tobender Schüler im Bus. Immer schwerer sei es wegen all der Umstände geworden, Personal für die Schulbusse zu finden. "Da kam ich auf die Idee: Versuch's doch einmal mit Frauen", sagt Wobido. Drei Hausfrauen beschäftigt er zurzeit.

Mit Werbung an seinen Bussen habe er gesucht - und tatsächlich busbegeisterte Frauen gefunden. "Sie werden bei mir zu Berufskraftfahrerinnen ausgebildet und angestellt", beschreibt Wobido das Prozedere. Anderes wichtiges "Fachwissen" brachte etwa Anne Karrenbauer schon selbst mit: "Man muss ein bisschen mit Kindern umgehen können", meint sie. "Aber das weiß man ja von den eigenen Kindern."

Morgens machen die Fahrerinnen nun ihre Tour zu den Schulen, der Vormittag ist frei, erzählt Wobido. "Sie können dann den Haushalt machen oder einkaufen gehen." Wenn am Mittag die Schule zu Ende ist, holen die Fahrerinnen die Kinder wieder ab. "Es ist komisch, dass andere Busunternehmen das nicht auch so machen", meint Wobido. "Ich sehe sonst kaum Frauen hinterm Steuer von Schulbussen."

Nicht nur im Schulbus sind Fahrerinnen eine Seltenheit: Der Frauenanteil unter Busfahrern liegt dem Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO) zufolge bei unter zehn Prozent. Dabei braucht die gesamte Branche dringend Mitarbeiter: "Wir haben schon einen akuten Fahrermangel zur Zeit", sagt BDO-Präsident Wolfgang Steinbrück. "Ich glaube, dass wir in den nächsten Jahren mindestens 10 000 neue Busfahrer brauchen in Deutschland", prognostiziert er. Viele Fahrer erreichten bald das Rentenalter, der wachsende Fernbusmarkt habe die Lage weiter verschärft. Auf der Suche nach ausreichend Mitarbeitern tue Kreativität schon Not, sagt Steinbrück.

Dank der Kreativität ihres Chefs gibt Anne Karrenbauer mit 300 PS unter der Haube beruflich nun ordentlich Gas. "Mir gefällt es sehr gut. Ich hätte es nur 20 Jahre früher machen müssen", findet sie. Zwölf Meter lang, 2,5 Meter breit und 18 Tonnen schwer sind die Gefährte, die sie steuert - Karrenbauer flößt das keinen Respekt mehr ein: "Das ist alles Übungssache", sagt sie.